Es ist mir egal, wer unter mir Bundeskanzler wird. Ein Satz, der definitiv nicht für mangelndes Selbstbewusstsein steht. Oder wie heutige 15-jährige sagen würden: Aura plus 1.000. Der Mann hinter dem Zitat ist Franz Josef Strauß.
1915 geboren, legt er das beste Abitur seines Jahrgangs in Bayern ab, zieht als Offizier in den Krieg, ist in der alten Bundesrepublik Verteidigungs- und Finanzminister, Schurke der Spiegel-Affäre 1962 und trotz seines Spruchs sogar selbst einmal (erfolgloser) Kanzlerkandidat im Jahr 1980. Noch heute gilt er als die Verkörperung der CSU schlechthin.
Als Strauß 1988 stirbt, erhält der damalige bayerische Ministerpräsident ein Staatsbegräbnis samt Trauerzug durch München, auf den manch ehemaliger König neidisch sein könnte. Für unsere jüngeren Leser sei erklärt: FJS, so die geläufige Kurzform, spaltet die Volksmeinung. Für die einen ist er Halbgott mit deftigen Spüchen, für die anderen das übergroße Feindbild nahe am Mafia-Paten aus dem Kino. Und für viele ist er eigentlich beides. Dann heißt es halb anerkennend, halb verächtlich im Dialekt: A Hund war er scho.
Ein Mann und die Jagd
Der plötzliche Herzstillstand, an dem FJS kurz darauf stirbt, trifft ihn bei einem seiner liebsten Hobbies, der Jagd. Was für uns den Bogen schlägt zum Auto auf dem Bild oben. Denn Strauß mag trotz seiner bayerischen Herkunft die Marke Mercedes. Aber eben auch die Flora und Fauna seiner Heimat. Passenderweise hat der Stern ab Ende der 1970er-Jahre das passende Auto für den Politiker im Angebot.
Vom 4. bis 9. Februar 1979 hat das Mercedes G-Modell in Toulon (Frankreich) Weltpremiere. Man hebt anlässlich der Presseveranstaltung an der Rennstrecke Circuit Paul Ricard die Werte "kompromisslose Gelände- und Straßentauglichkeit" sowie "größtmögliche Verwendungsvielfalt" in der Pressemappe hervor. Und Entwicklungs- sowie Produktionspartner Steyr-Daimler-Puch betont, dass "die Konzeption dieser universellen Baureihe [...] neue Maßstäbe auf dem expandierenden Markt geländegängiger leichter Fahrzeuge" setzt.
Im April-Heft 1979 spielt das Fachmagazin "Lastauto-Omnibus" dann mit dem von einer alpenländischen Pferderasse entlehnten Tarnnamen "Haflinger II", unter welchem der G in den 1970er-Jahren entwickelt wird. Dort heißt es blumig: "Die Konstrukteure beider Häuser haben es verstanden, die konträren Charaktereigenschaften eines robusten und gutmütigen Kaltblüter-Pferdes und einer empfindsamen, schnellen Parcours-Stute unter einen Hut zu bringen, und das in bestechender Weise." Ich glaub, mich tritt ein Pferd ...
Spitzen-Diesel für den Spitzenpolitiker
Auch als Jagdwagen ist der Mercedes G ideal: Franz Josef Strauß erkennt die Vorzüge des Fahrzeugs und fährt über viele Jahre den hier gezeigten 300 GD. Dieser hat Sonderzubehör wie etwa elektrisch verstellbare Sitze und eine Klimaanlage. In einem Zeitungsbericht lobt Strauß die Spurtreue, die exakte Servolenkung, den Allradantrieb und das Fünfganggetriebe.
Die Servolenkung ist damals nur bei den Topmodellen 280 GE und 300 GD serienmäßig. Zum Glück, wie sich bei Rangieren des 1.935 Kilogramm schweren 300 GD zeigt. Zwar ist der "Stationwagen kurzer Radstand" (so die offizielle Bezeichnung) nur 4,14 Meter lang, doch der massive Leiterrahmen fordert seinen Tribut auf der Waage und beim Wenden. Zudem muss Strauß sein Auto nach dem 15. Mai 1982 bestellt haben.
Ab diesem Datum wird die Innenausstattung durch bessere Polster und das Vierspeichen-Lenkrad mit Pralltopf aus der S-Klasse (Baureihe 126) aufgewertet. Neu sind schon seit April 1981 ein Viergang-Automatikgetriebe für die Typen 300 GD und 280 GE. Später im Jahr folgen eine nach vorn herunterklappbare Windschutzscheibe für die offenen Wagen und eine einflügelige Hecktür. Die bisherigen zweiflügeligen Hecktüren gibt es weiterhin als Sonderausstattung, ebenso wie die von FJS bestellten Recaro-Einzelsitze für Fahrer und Beifahrer.
Leistungsarm und abgasstark
Auf ihnen throne ich wahrhaftig passend zum inoffiziellen "König von Bayern". Unter der kantigen Motorhaube werkelt der legendäre Fünfzylinder-Saugdiesel vom Typ OM 617 mit 3,0 Litern Hubraum. Das Aggregat leistet 88 PS (65 kW) sowie ein maximales Drehmoment von 172 Nm. Der Wagen verfügt über den zuschaltbaren Allradantrieb, eine Geländereduktion und optional wählbare Differenzialsperren. Ergänzt wird die Mechanik im Modelljahr 1982 durch ein neues Fünfgang-Schaltgetriebe.
Recht tief greife ich zum Knüppel, denn der großvolumige Diesel mit seinem Kutter-Klang braucht viel Handarbeit in jeder Hinsicht. Zwar steht das maximale Drehmoment schon bei 2.400 Umdrehungen an, doch zuvor muss der 300 GD erstmal aus den Puschen kommen. Zur Erinnerung, die Literleistung liegt knapp unter 30 PS. Und das Getriebe ist eher lang übersetzt. Das unpräzise und teigige Schaltgetriebe scheint sich der Vergangenheit von Franz Josef Strauß als Verteidigungsminister zu erinnern: Rührt euch!
Zum Leidwesen der hinter mir fahrenden Kollegen von Mercedes in ihrem 280 GE läuft die Beschleunigung beim 300 GD nach dem Motto "Leistungsarm und abgasstark" ab. Das G könnte auch für "Geruch" stehen. Katalysator? Guter Witz. Wie auch die Beschleunigung. Einen Wert gibt es nicht. Sie existiert.
Theoretisch sind bis zu 127 km/h möglich. Doch die Straußsche Schrankwand ist kein Wagen für die Autobahn. Dafür möge man sich doch bitte einen 300 D kaufen. Oder wie die Amis mit Turbo in der S-Klasse. Bei 110 km/h liegen im 300 GD gut 3.000 Touren an, der Motor ist nicht einmal übermäßig laut. Wäre da nicht der große Resonanzkörper ...
Mit maximaler Übersichtlichkeit, die Blinker dienen als Peilkanten. Sobald unter dem grünen Edel-Quader ein Feldweg knirscht, ist er in seinem Element. Fast scheint der G zu rufen: Da ist Wald! Fahrt mich dort hinein. Hier ist mein Revier!"
Teures Nutzfahrzeug
Innen erinnert mich der 300 GD an den T1 alias "Bremer Transporter", auch das Anfahrgeräusch des Diesels kommt mir von den Klempnern und Co. meiner Kindheit bekannt vor. Nicht ohne Grund wurde der G im Mercedes-Konzern lange bei den Nutzfahrzeugen geführt. Eigene Preisliste inklusive.
In der FJS offenbar fleißig studiert hat: Drehzahlmeser, die schon erwähnten Sportsitze plus Klimaanlage, eine Standheizung und natürlich die obligatorische Wildwanne. Ein günstiger Spaß ist schon der Basis-300 GD mit knapp 40.000 DM nicht. Aber das Strauß-Auto kommt damals auf rund 50.000 Mark. Dafür gibt es 1982 auch schon einen Porsche 911 SC.
Karl Dersch heißt übrigens jener Mann, der Franz Josef Strauß zum G gebracht hat. Ab 1975 leitet er die Münchner Niederlassung der Daimler-Benz AG. Man kennt und schätzt sich, ein echter "Spezl" von FJS. (Ob dieser einen Sonderpreis für den 300 GD bekam?)
Bilder von: Mercedes-Benz Classic
Abenteuerlustig fahren sie mit dem Mercedes-Geländewagen quer durch Österreich, Italien, nach Frankreich zu Strauß‘ Ferienhaus an der Côte d‘Azur. Allerdings eher selten mit diesem 300 GD, der nur knapp über 7.000 Kilometer auf der Uhr hat. Sogar in das damals erzkommunistische Albanien führt eine G-Tour.
Personenschutz lehnt Strauß ab, er rumpelt lieber alleine durch unwegsames Abruzzen-Gelände. "Aber er hatte zur Sicherheit eine Knarre unterm Sitz", erinnert sich Dersch im Jahr 2025 im Gespräch mit der Zeitung "tz". Die suche ich hier und heute (zum Glück) vergebens. Ein bunter Strauß an Erinnerungen bleibt trotzdem.








