Opel Kadett C 1.6 S Pirsch (1979): Jäger-Meister

Der höhergelegte Kombi sollte alle ansprechen, denen ein richtiger Geländewagen zu teuer war

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Rüsselsheim, Ende der 1970er-Jahre: An moderne SUVs ist noch lange nicht zu denken, und selbst Pick-ups sind eine absolute Seltenheit. Echte Geländewagen gibt es zwar, doch sie sind teuer, spartanisch und ziemlich rustikal. Nicht jeder Förster, Jäger oder Landwirt möchte sich ein solches Schwergewicht vor die Tür stellen. Bei Opel tüftelt man daher an einer pfiffigen Alternative auf Basis eines bodenständigen Alltagsklassikers.

Als das Rüsselsheimer "Weltauto" Kadett C 1973 seinen Einstand feiert, setzt Opel auf enorme Vielfalt: Neben zwei- und viertürigen Limousinen, dem schnittigen Coupé und dem Kombi gibt es im Laufe der Zeit erstmals auch ein (Halb-)Cabrio sowie die Schrägheck-Variante "City".

Opel Kadett C 1.6 S Pirsch (1979)

Eine ganz besondere Rolle nimmt jedoch ein Sondermodell des stets dreitürigen Caravan ein, das ab Anfang 1978 die Höfe der Händler bereichert: der Kadett C "Pirsch". Zielgruppe sind Jäger, Fischer, Förster, Landwirte und die Bauwirtschaft. Die Opel-Vertriebsorganisation bringt die Idee auf den Punkt: "Das richtige Auto für alle, die häufig abseits fester Straßen fahren."

Optisch zeigt sich der Pirsch extrem funktional und unaufgeregt. Auf aufwendige Zierelemente oder schicken Chrom verzichtet Opel weitgehend, um den Wagen für den rauen Revieralltag zu wappnen. Auch bei der Lackierung gibt es keine Experimente: Ab Werk stehen ausschließlich "Forstgrün" (welch Überraschung!) und "Safaribeige" zur Auswahl.

Höherlegung und Sperrdiff

Technisch hebt sich der Pirsch dafür umso deutlicher vom Standard-Caravan ab. Um abseits befestigter Wege nicht ins Straucheln zu geraten, spendiert Opel dem Kombi mehr Bodenfreiheit, ein serienmäßiges Hinterachs-Sperrdifferenzial mit 40 Prozent Sperrwirkung, eine verstärkte Federung sowie ein massives Schutzblech für die Ölwanne. Grobstolligere Reifen im Format 175 R14 unterstützen die Geländetauglichkeit, während eine größere Batterie und eine verstärkte Heizung den Ganzjahreseinsatz im Forst sichern.

Auch das Interieur ist voll und ganz auf Zweckmäßigkeit getrimmt. Die Sitze sind mit leicht abwaschbarem Kunstleder bezogen. Im Laderaum schützen eine widerstandsfähige Gummimatte und ein robustes Trennnetz den Passagierraum vor verladener Ausrüstung, Jagdhunden oder erlegtem Wild. Eine Heckscheiben-Wisch-Waschanlage sorgt selbst nach matschigen Revierfahrten für freien Durchblick.

Opel Kadett C 1.6 S Pirsch 1979

Ich nehme Platz und staune, wie schlicht der einst in der Basis 11.800 Mark teure Wagen wirkt. Rechts gibt es nicht etwa einen Drehzahlmesser, stattdessen gähnen einen die Wassertemperatur und die Tankuhr an. Dazu passt das viele nackte Blech in den Türen, jedoch dürfte es kaum einen Kadett Pirsch geben, der so gut erhalten ist. Abwaschbares Kunstleder vermittelt den Charme alter Schulranzen und Mercedes-Taxis.

Unter der Haube arbeiten die bewährten, längs eingebauten Vierzylinder-Benziner, die ihre Kraft über ein manuelles Viergang-Schaltgetriebe an die Hinterräder übertragen. Neben dem 1,2-Liter-Basismotor mit 52 PS (38 kW) und der stärkeren 1.2-S-Variante mit 60 PS (44 kW) und 88 Nm Drehmoment markiert das Modell 1.6 S die Speerspitze der Pirsch-Modelle. Dieser 1979 gebaute Reihen-Vierzylinder leistet aus 1.584 ccm Hubraum stramme 75 PS (55 kW) und verhilft dem Jagdwagen zu einer Höchstgeschwindigkeit von 157 km/h.

Er steckt in "meinem" Pirsch unter der Haube. Leider reicht es nur zu einer kurzen Runde auf dem Opel-Werksgelände. Eine Rakete ist der Kadett trotz seiner rund 900 Kilogramm Leergewicht zwar nicht, aber das sollten die Jagdwagen auch nicht sein. Hauptsache, man kommt dank nur 1,58 Meter Breite gut durch den Wald und kann bei Bedarf ein erlegtes Tier ins Heck legen. Quasi die lodengrüne Version von "Pack den Tiger in den Tank". 

Opel Kadett C 1.6 S Pirsch 1979

Keine riesigen Stückzahlen, aber erfolgreich

Trotz der klaren Nischenausrichtung erweist sich das Konzept als echter Vertriebserfolg. In den ersten Monaten entscheiden sich immerhin 4,5 Prozent aller Kadett-Käufer für den robusteren Kombi. Dennoch bleibt der Pirsch extrem exklusiv: Von den insgesamt 1.701.075 gebauten Kadett C (darunter 190.461 Kombis) rollen in den Modelljahren 1978 und 1979 lediglich jeweils rund 1.000 Exemplare als Jagdwagen vom Band.

Damit ist der Pirsch heute seltener als der seltene Kadett Aero. Das hier abgebildete, perfekt restaurierte Exemplar aus dem Jahr 1979 ist übrigens eine Leihgabe eines privaten Sammlers aus Bayern. Und wir fragen uns: Wie wäre es eigentlich heute mit einem Frontera in Jagd-Ausführung?

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Autor: Roland Hildebrandt