Man kennt sie. Und irgendwie auch wieder nicht. Die Rede ist nicht von den eigenen Nachbarn, sondern von Autos, die so unauffällig blieben, dass sie heute nur eingefleischte Fans noch kennen. Solche Modelle müssen nicht zwangsläufig Flops gewesen sein, aber sie liefen unter dem Radar des gewöhnlichen Autokäufers.
In unregelmäßiger Folge holen wir hier unter dem Titel "Kennen Sie den noch?" solche Old- und Youngtimer aus dem Nebel des Vergessens.
Selten ist das nicht: Neue Autos werden mit hochtrabenden Ambitionen präsentiert, entwickeln sich aber zum Rohrkrepierer. Bei einigen Modellen ist das verdient, bei einigen eher bedauerlich. So wie im Fall des Infiniti Q30. Das Modell entstand im Rahmen der strategischen Expansion von Nissans Nobelmarke nach Europa und stellte einen zentralen Versuch dar, im volumenstarken Premium-Kompaktsegment Fuß zu fassen.
Einen ersten Ausblick auf ein Kompaktmodell gab Infiniti im September 2013 auf der Internationale Automobil-Ausstellung in Frankfurt am Main mit der Studie Q30 Concept. Die Serienversion wurde zwei Jahre später auf derselben Messe erstmals öffentlich präsentiert. Die Produktion begann im Dezember 2015 im Nissan-Werk im britischen Sunderland.
Der Q30 war das erste speziell für Europa entwickelte Modell der Marke. Hintergrund war die seit 2010 bestehende Allianz zwischen Renault-Nissan und Daimler. Durch diese Kooperation griff Infiniti auf technische Komponenten der Mercedes A-Klasse zurück. Plattform, zahlreiche Bedienelemente sowie Teile der Antriebstechnik stammten aus Stuttgart.
Gleichzeitig kamen Motoren sowohl von Mercedes als auch von Renault zum Einsatz. Parallel zum Kompaktmodell wurde mit dem QX30 eine höhergelegte SUV-Variante angeboten, quasi der Vetter des GLA. Und nur 373-mal in Deutschland neu zugelassen.
Das Motorenprogramm orientierte sich stark an der technischen Basis aus dem Daimler-Regal. Angeboten wurden drei Benzin- und zwei Dieselmotoren mit Turboaufladung und Direkteinspritzung beziehungsweise Common-Rail-Technik.
Die Benziner umfassten einen 1,6-Liter-Turbo mit 122 PS und 200 Nm, eine stärkere Ausführung desselben Aggregats mit 156 PS und 250 Nm sowie einen 2,0-Liter-Turbo mit 211 PS und 350 Nm.
Auf Dieselseite standen ein 1,5-Liter-Vierzylinder mit 109 PS und 260 Nm sowie ein 2,2-Liter mit 170 PS und 350 Nm zur Verfügung.
Serienmäßig erfolgte die Kraftübertragung je nach Variante über ein Sechsgang-Schaltgetriebe oder ein Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe. Der Vorderradantrieb war Standard, während Allradantrieb für die stärkeren Motorisierungen optional beziehungsweise beim Zweiliter-Benziner serienmäßig angeboten wurde.
Die Fahrleistungen variierten je nach Motorisierung erheblich. Die Höchstgeschwindigkeit reichte von 190 km/h beim Basismodell bis zu 235 km/h beim stärksten Benziner. Die Beschleunigung von 0 auf 100 km/h lag zwischen 12,0 Sekunden beim kleinen Diesel und 7,2 Sekunden beim Topbenziner. Die kombinierten Verbrauchswerte bewegten sich bei den Benzinern zwischen rund 5,6 und 6,2 Litern je 100 Kilometer (später nach WLTP-Umstellung höher), während die Dieselmodelle Werte zwischen etwa 3,9 und 4,4 Litern erreichten. Alle Varianten erfüllten die Abgasnorm Euro 6, spätere Modelle Euro 6c beziehungsweise Euro 6d-TEMP.
Obwohl die technische Basis stark an Mercedes angelehnt war, entwickelte Infiniti ein eigenständiges Design. Charakteristisch sind geschwungene Linienführungen und stark modellierte Seitenflächen. Abmessungen und Radstand entsprechen weitgehend den Plattformspendern; mit 2,70 Metern Radstand bewegt sich der Q30 auf dem Niveau der A-Klasse und ihres SUV-Ablegers.
Der Innenraum zeigt deutliche Anleihen bei Mercedes. Lenkrad, Klimabedienung, Sitzverstellung und einzelne Schalter wurden übernommen. Gleichzeitig integrierte Infiniti das Infotainmentsystem optisch stärker in das Armaturenbrett. Die Bedienbarkeit gilt als intuitiv, die Ablesbarkeit der Instrumente als gelungen.
Praktische Vorteile ergaben sich aus der höheren Karosserieform: Der Einstieg in den Fond fiel leichter als bei der A-Klasse, zudem erleichterte eine große Heckklappenöffnung das Beladen. Das Kofferraumvolumen betrug 368 bis 1.223 Liter und lag damit im Klassenmittelfeld. Einschränkungen bestanden bei der Übersicht nach hinten, weshalb optionale Kamerasysteme empfohlen wurden, darunter ein Rundumsichtmonitor mit Vogelperspektive.
Die Abstimmung zielte stärker auf Komfort als auf Sportlichkeit. Besonders die Sportversion mit tiefergelegtem Fahrwerk und 18-Zoll-Rädern reagierte auf kurze Fahrbahnunebenheiten vergleichsweise straff. Insgesamt blieb der Q30 jedoch komfortabler ausgelegt als die sportlich positionierte A-Klasse. Die Lenkung vermittelte Rückmeldung, zeigte jedoch um die Mittellage eine gewisse Unschärfe. Mit einem Leergewicht von rund 1,5 Tonnen in stärkeren Dieselversionen lag der Fokus klar auf Langstreckentauglichkeit statt Dynamik.
Zum Marktstart im Januar 2016 begann die Preisliste bei 24.200 Euro für den 122-PS-Benziner und lag damit deutlich unter vergleichbaren Varianten des Mercedes-Ablegers. Auch stärkere Versionen boten einen Preisvorteil gegenüber dem technischen Verwandten aus Stuttgart. Umfangreiche Serienausstattungspakete sollten zusätzliche Kaufanreize schaffen.
Die Erwartungen erfüllten sich jedoch nicht. Im Jahr 2016 wurden in Deutschland 974 Infiniti Q30 neu zugelassen, davon 752 mit Dieselantrieb und 441 mit Allradantrieb. 2017 folgten 513 Neuzulassungen, 2018 sank die Zahl auf 321 Fahrzeuge, 2019 wurden nur noch 89 Einheiten registriert, 2020 schließlich 67 Fahrzeuge. Insgesamt kamen zwischen 2016 und 2020 lediglich 1.964 Q30-Neuzulassungen zustande. Kein Wunder, dass der Q30 heutzutage selten ist: Gerade einmal 27 Fahrzeuge sind im Internet als Gebrauchtwagen gelistet.
Wer heute einen dieser wenigen verbliebenen Q30 ins Auge fasst, sucht buchstäblich die Nadel im Heuhaufen. Doch Vorsicht: Die Exoten-Situation hat ihre Tücken. Aufgrund des dünnen Werkstattnetzes wurde bei der Wartung teils gespart, und spezifische Karosserieteile sind im Falle eines Vorschadens schwer zu bekommen. Ein lückenloser Check der Historie ist hier Pflicht. Ein Report unseres Partners carVertical (hier ein Beispiel) deckt nicht nur Tachomanipulationen oder versteckte Unfallschäden auf, die bei diesem Exoten teuer werden. Oft helfen archivierte Fotos und Daten zur Werksausstattung dabei, den Pflegezustand einzuschätzen, während eine objektive Marktwertermittlung vor überzogenen Liebhaberpreisen schützt. SPONSORED LINK: Für Motor1-Leser ist der Check sogar 20 Prozent günstiger.
Ein wesentliches Problem blieb das dünne Händlernetz in Deutschland und Westeuropa. Trotz ambitionierter Pläne erreichte die Marke keine nachhaltigen Stückzahlen. Infiniti war bereits 2009 mit großen Erwartungen in Deutschland gestartet, blieb jedoch hinter den Prognosen zurück.
Im Zuge einer strategischen Neuausrichtung kündigte Infiniti schließlich den Rückzug aus Westeuropa an. Spätestens Anfang 2020 wurde der Vertrieb eingestellt. Bereits Mitte 2019 endete die Produktion von Q30 und QX30 in Sunderland. Als Ursachen gelten neben schwachen Verkaufszahlen auch die alternde Plattformbasis sowie wirtschaftliche Unsicherheiten im Zusammenhang mit dem Brexit.
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