Hongqi CA-770: Als China VW eine rote Fahne schenkte

Eine sechs Meter lange Staatslimousine als Geschenk für einen VW-Chef: Wir saßen Probe

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Das Depot der Autostadt hält viele tolle Geschichten und Autos bereit. Nicht nur Volkswagen stehen hier in Reih und Glied, sondern gewissermaßen die Meilensteine des Automobilbaus. Ein ganz besonderes Objekt machte uns neugierig, denn diese staatstragende Limousine ist nicht nur leicht skurril.

Das Auto hat auch eine überaus interessante Geschichte: Der Hongqi CA-770 "Rote Fahne", den der damalige VW-Chef Carl Hahn von der chinesischen Regierung geschenkt bekam.

Es war ein Auftritt, der in Wolfsburg niemanden kalt ließ. Eine fast sechs Meter lange, pechschwarze Limousine rollte 1990 auf das Werksgelände, kleine rote Chromflaggen auf den Kotflügeln. Ein Hongqi CA-770, Baujahr 1981, einst Staatskarosse der Volksrepublik China. Und nun ein Geschenk an Carl Hahn, den Vorstandsvorsitzenden von Volkswagen. Wer das Fahrzeug damals mit eigenen Augen sah, verstand sofort, dass dies keine gewöhnliche Geste war.

Hongqi CA-770 Rote Fahne 1990 Autostadt

Die Übergabe durch eine hochrangige FAW-Delegation war eine Verbeugung vor einem Visionär, der früher als die meisten erkannte, was China für die Automobilindustrie bedeuten konnte. Hahn hatte 1982 das Steuer bei Volkswagen übernommen und bereits ein Jahr später die 1984 beginnende Montage des Santana in China durchgesetzt, damals ein gewagter Schritt in ein Land, das sich dem Westen gerade erst vorsichtig öffnete.

Das Joint Venture Shanghai-Volkswagen 1984 folgte. Ohne die hartnäckige Überzeugungsarbeit des inzwischen leider verstorbenen Carl Hahn gäbe es weder FAW-Volkswagen und die (immer noch) bedeutende Rolle, den der Konzern heute in China verkörpert.

Klassenfeind im Motorraum

Der Hongqi selbst ist ein Fahrzeug voller Widersprüche. Sein Name bedeutet "Rote Fahne", und tatsächlich zierten kleine rote Chromfähnchen die Haube jedes Exemplars. Doch unter dieser politisch aufgeladenen Symbolik arbeitete ein V8-Motor, dessen Konstruktion sich unverkennbar an amerikanischen Chrysler-Aggregaten aus den 1950er-Jahren orientierte.

FAW fertigte ihn letztlich eigenständig und in metrischen Maßen, taufte ihn "Hongqi 8V100Q" und schwieg über seine Inspirationsquellen. Das Ergebnis: 5.655 Kubikzentimeter Hubraum, 162 kW und eine Höchstgeschwindigkeit von 162 km/h. Für eine Staatskarosse der Mao-Ära war das beeindruckend.

Die Geschichte des Modells begann 1965, als Mao Zedong den bis dahin genutzten Dongfeng CA71 für unzureichend befand. Ein Vierzylinder war seiner Meinung nach schlicht keine angemessene Untermauerung der Staatsmacht, womit er natürlich nicht ganz unrecht hatte. Was folgte, war der CA-72 mit V8-Motor, inspiriert von Chrysler und sowjetischen ZIL-Staatskarossen.

Noch im selben Jahr erschien der stilistisch überarbeitete CA-770 als direkter Nachfolger. Bis 1981 entstanden in reiner Handarbeit im FAW-Werk Changchun nur 847 Einheiten des langen CA-770 sowie 129 Exemplare der kürzeren CA-771-Variante, dazu Panzerversionen, Cabrios, Landaulets und ein einmaliges Sechstürer-Unikat.

Wiedergeburt zum Hahn-Geburtstag

Der Hahn-Hongqi erhielt nach seiner Ankunft das Wolfsburger Kennzeichen WOB-V 27 und zog ins VW-Museum ein. Dort blieb er bis 2004. Im Jahr 2016 feierte er ein Comeback, als Carl Hahn seinen 90. Geburtstag feierte: Der Hongqi tauchte wieder auf, frisch restauriert und bereit, den Jubilar standesgemäß zu chauffieren. Heute gehört das Auto zur umfassenden Sammlung des ZeitHaus in der Autostadt Wolfsburg.

Und genau dort konnten wir auf Tuchfühlung gehen mit der historischen Karosse. Das Auto macht schon im Stand einen erhabenen Eindruck, ganz klar von den amerikanischen Straßenkreuzern inspiriert. Viel Chrom, klassische Zierelemente und der schwarze Lack lassen einen auch heute nicht kalt. 

Bilder von: Motor1.com Deutschland

Noch mehr zum Staunen gibt es im Innenraum. Wir klettern erstmal auf die Rückbank und sind überwältigt vom Platzangebot. Plüschige Velours-Polster, breite Armlehnen, Gardinen an den Fenstern und jede Menge Holz lassen den Fond eher wie ein gemütliches Kaminzimmer wirken als einen schnöden Auto-Innenraum.

Der sprichwörtliche rote Teppich und der ausklappbare Tisch machen deutlich, dass man auch schon damals in China eine klare Vorstellung von luxuriösem Reisen hatte. Sogar eine ausklappbare dritte Reihe für den Sekretär fehlt nicht. Kein Problem bei knapp sechs Meter Auto für den "Großen Vorsitzenden".

Modell Hongqi CA-770
Baujahr 1965-1981
Motor V8 "Hongqi 8V100Q", 5.655 cm³
Leistung 162 kW / 220 PS bei 4.400 U/min
Drehmoment 420 Nm
Höchstgeschwindigkeit 162 km/h
Radstand 3.720 mm (CA-770) / 3.400 mm (CA-771)
Länge / Breite / Höhe 5,98 / 1,99 / 1,64 m
Gewicht 2.730 kg
Stückzahl 847 (CA-770) + 129 (CA-771)

Chinesisches Wohnzimmer

Eine Reihe weiter vorn herrscht ein ähnlicher Luxus. Die fett gepolsterte, durchgehende Sitzbank ließ auch den Chauffeur schwärmen, der auf ein komplett holzgetäfeltes Armaturenbrett blickte. Auch hier wurde das Ganze mit viel Chrom aufgehübscht. Bei genauerem Hinsehen kann man die feine Handarbeit an den teuren Teilen erkennen. Bei weitem nicht perfekt, aber mit viel Seele haben die chinesischen Handwerker das Auto damals zusammengesetzt.

Wir drehen den Zündschlüssel, und schon summt der dicke V8 im Maschinendeck los. Erstaunlich geschmeidig, leise und fast vibrationsfrei steht das chinesische Triebwerk seinen westlichen Artgenossen in nichts nach und steht dem Auto wunderbar. 

Bilder von: Motor1.com Deutschland

Dieses Auto passt wunderbar ins Depot des ZeitHaus in der Autostadt, denn genau solch automobile Kulturgüter gilt es zu bewahren, erzählen sie doch einzigartige Geschichten und historische Begebenheiten. 

© Motor1.com
Autor: Christopher Otto