Lucid Gravity Grand Touring (2026) im Test: Anziehungskraft groß genug?

Fahrdynamisch bärenstark, muss der Kalifornier bei Bedienung und auch ein wenig beim Verbrauch Federn lassen

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Preisangaben, die eventuell im Artikel vorkommen, beziehen sich i.d.R. auf Deutschland.

Bei Lucid brennt der Baum. Angezündet wurde er nicht etwa durch die zweifelsfrei feurige Performance des Modellportfolios, sondern durch wirtschaftliche Probleme, die hauptsächlich mit Versäumnissen im operativen Bereich zu tun haben. Kosten und Qualität sind zwei Hauptthemen, die der neue Chef Silvio Napoli in den Griff kriegen muss. Zuletzt hatte man im zweiten Quartal 2026 eine Milliarde Dollar Verlust eingefahren, 18 Prozent der Belegschaft sollen gehen. 

Da hilft es freilich nicht, dass der kommende Tesla-Model Y-Konkurrent namens Cosmos kürzlich um fast ein Jahr auf Herbst 2027 verschoben wurde, aber der Kunde soll nicht mehr unfreiwillig Versuchskaninchen spielen. Man wolle "die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen und kein Produkt auf den Markt bringen, bevor es wirklich bereit ist, sagte Napoli kürzlich.

Mit dem Mittelklasse-Crossover muss man dringend benötigte Stückzahlen machen. 2025 hat man mit 16.000 verkauften Autos zwar ein Plus von 55 Prozent erzielt, aber man bewegt sich nach wie vor auf vergleichsweise niedrigem Niveau. 

Lucid Gravity Grand Touring (2026) im Test

Ein Grund: Wer einen Lucid will, muss tief in die Tasche greifen. Und damit schlagen wir endlich die Brücke zu unserem heutigen Test-Kandidaten. Der siebensitzige Gravity ist hierzulande nicht unter 94.000 Euro zu haben. Unser Grand Touring, also die reichweitenstärkste Variante mit leicht hanebüchenen 617 kW Leistung, liegt im hier gezeigten Testwagentrimm gar bei 146.200 Euro Euro. 

Da braucht eine in Europa noch immer weitgehend unbekannte Marke starke Argumente. Zudem ist die Toleranzschwelle für Fehler in diesen Preisgefilden eher niedrig. Ob der ungewöhnlich proportionierte Lulatsch aus Kalifornien dahingehend abliefern kann, klärt der Test.


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Abmessungen/Design I Innenraum/Kofferraum/Infotainment I Fahreindrücke/Verbrauch I Fazit


Was ist das?

Nach der Limousine Air (die auch in unserem jüngsten Test als Grand Touring zu überzeugen wusste) ist der Gravity das zweite Modell des amerikanischen Edel-Elektroauto-Herstellers Lucid. Das Unternehmen selbst sagt, der Gravity stehe auf einer "brandeuen SUV-Plattform", aber natürlich basiert er auf LEAP (Lucid Electric Advanced Platform) und nutzt in weiten Teilen Komponenten, die auch beim Air zum Einsatz kommen. 

Lassen Sie sich von seiner ungewöhnlichen Formgebung nicht irritieren. Auch wenn er aussieht, als hätte man ihn sehr lange mit einem unglaublich mächtigen Haartrockner geföhnt, geht er gegen die klassische Siebensitzer-Nobel-SUV-Konkurrenz vom Schlage eines Mercedes EQS SUV, Volvo EX90 oder Tesla Model X (inzwischen eingestellt) ins Rennen. Lucid sieht ihn auch als Konkurrent klassischer Verbrenner-Größen wie BMW X7 oder Mercedes GLS. Von unten mucken zudem Hyundai Ioniq 9 und KIA EV9 auf.  

Lucid Gravity Grand Touring 2026 im Test Lucid Gravity Grand Touring 2026 im Test Bilder von: InsideEVs.de

Der Gravity setzt auf ein "Aluminium-intensives" Fahrwerk mit Doppelquerlenkern vorne und Mehrlenkerachse hinten. Dazu kommen adaptive Dämpfer. Anders als beim Air gibt es bei ihm jedoch tatsächlich "Air". Luftfedern mit justierbarer Fahrhöhe sind Serie. Wer das Handling-Paket bucht, erhält zudem dreifach verstellbare Federraten, die an die verschiedenen Fahrmodi gekoppelt sind. Außerdem beinhaltet es eine Hinterachslenkung, die den Wendekreis von 12,8 auf 11,7 Meter stutzt. 

Apropos Lenkung: Selbige ist mit einer Übersetzung von 13:1 und 2,2 Umdrehungen von Anschlag zu Anschlag gewohnt direkt. 

Technische Daten Lucid Gravity Grand Touring
Antrieb 2 Permanentmagnet-Motoren; Allrad; 617 kW (839 PS); 1.232 Nm
0-100 km/h / Höchstgeschwindigkeit 3,6 Sekunden / 250 km/h
WLTP-Verbrauch / Testverbrauch 18,8 - 19,1 kWh / 25,5 kWh (mit 22/23 Zoll)
WLTP-Reichweite / errechnete Test-Reichweite 715 km / 482 km
Akku 123 kWh
Ladegeschwindigkeit AC / DC 400 kW / 22 kW
DC-Ladedauer 20 - 80 % keine Angabe
Basispreis / Testwagenpreis 116.900 Euro / 146.200 Euro

Wie der Air setzt auch der Gravity Grand Touring auf zwei Permanentmagnet-Motoren und Allradantrieb. Die Systemleistung liegt bei 617 kW (839 PS) und 1.232 Nm Drehmoment. Die Batteriekapazität beträgt 123 kWh. Dank der 926-Volt-Plattform sind auch stattliche Ladegeschwindigkeiten möglich. Im Vergleich zur inzwischen gut vier Jahre alten Limousine (300 kW) haben die Kalifornier hier nochmal ein wenig aufgebohrt - der Gravity schafft am Schnelllader bis zu 400 kW, beim AC-Laden sind bis zu 22 kW drin.

In den USA ist das Auto seit Frühjahr 2025 erhältlich, bei uns wurden die ersten Fahrzeuge etwa ein Jahr später ausgeliefert. 

Abmessungen/Design

Mit einer Länge von 5.035 mm, 2.000 mm Breite, 1.658 mm Höhe und einem Radstand von 3.035 mm ist der Lucid Gravity nahezu gleichauf mit dem Tesla Model X und in etwa auf Augenhöhe mit dem Volvo EX90 oder einem Kia EV9. Ein Mercedes EQS SUV, das ihm bei Luxus-Anspruch und Preis deutlich näher kommt, ist länger und hat mehr Platz zwischen den Achsen. 

Für ein SUV verfügt der schon optisch extrem schneidige Gravity über einen Sensations-cW-Wert von 0,24 (EQS SUV: 0,26). Dass ihm dieser beim Verbrauch weniger unter die Arme greift als erhofft, werden wir gleich noch sehen.

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Das Gewicht des Siebensitzers beträgt 2.749 Kilogramm. Bis zu 2.500 Kilo kann er an den Haken nehmen. Eher ungewöhnlich in diesem Umfeld: Lucids XL-SUV setzt auf verschiedene Felgengrößen, was man sonst eher von Sportwagen kennt. Standard sind 20 Zoll vorne und 21 Zoll hinten. Maximal werden - wie im Falle unseres Testwagens - 22 und 23 Zoll große Rundlinge in die Radkästen gequetscht.

Optisch wildert der Gravity in gleich mehreren Segmenten. Was meinen Sie, liebe Leser - können wir uns auf "SUV-Van-Coupé" einigen? Außer frage steht, dass auch er (wie das Erstlingswerk von Lucid) jede Menge Präsenz hat und sein gehobenes Preisschild mit entsprechender Designqualität und einem sehr sauberen Finish rechtfertigt.

Innenraum/Kofferraum/Infotainment

Bei Ambiente, Verarbeitung und Materialqualität spielt der Gravity in der gleichen Liga wie seine Limousinen-Verwandtschaft, also ganz weit oben. Die Stilsicherheit im Innenraumdesign und bei der Auswahl der Materialien passen zum Preisschild. Und wie schon beim Lucid Air starrt der nicht unbedingt leicht zu beeindruckende Redakteur Wagner auf diese monumentale Glaskuppel, die im Gravity noch deutlich üppiger ausfällt und er fragt sich, wie um alles in der Welt man dieses Meisterwerk der Lichtdurchflutung technisch hinbekommt (zumal es obendrein nie zu unangenehmer Sonneneinstrahlung oder Wärmeentwicklung kommt). 

Was die Bedienung betrifft, geht auch das SUV der Amerikaner sehr eigene und nicht immer ganz nachvollziehbare Wege. Das schwebende Riesen-Display kennen wir aus der Limo, der Zentralbildschirm ist im Gravity allerdings nicht versenkbar. Dazu gibt es ein neues Lenkrad, das man - warum auch immer? - mit Touch-Wisch-Feldern statt richtiger Tasten versehen hat. Man sollte das wieder ändern. 

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Die Scheibenwischer-Betätigung auf Mini-Touchbuttons ganz links im Instrumentenscreen ist ein nervtötendes Sicherheitsrisiko, auch die Lenkrad- und Außenspiegelverstellung im Infotainmentbildschirm und dann eben über die Wischfelder im Lenkrad gehört auf den Prüfstand. 

In diesem Zusammenhang würde ich Ihnen gerne von einer brauchbaren Sprachbedienung berichten, aber wie bereits im Lucid Air, hatte selbige im Test einfach keine Lust. Der Hersteller schiebt es auf unsere Nachfrage hin auf den sehr frühen Stand des Testwagens und gelobt Besserung. In den Kundenfahrzeugen würde das Problem nicht mehr auftauchen, zugleich gesteht man ein, bei der Sprachbedienung sicher noch etwas Luft nach oben zu haben.  

Und um meinen Lucid-Bedien-Rant komplett auf die Spitze zu treiben, hier noch zwei Punkte, die in einem Auto dieser Prestige-Kategorie ebenfalls sehr schwer zu verargumentieren sind: 

1. Bei jedem neuen Start muss man dann doch recht tief ins Infotainment-Menü, um den Geschwindigkeitswarner und den Spurhalte-Assistenten zu deaktivieren. Lucid wird nach eigenen Angaben hier bald eine Shortcut-Lösung anbieten. In diesem Zuge sollte man auch gleich noch über den Spurhalte-Aufpasser drüberbügeln, denn selbiger reagiert auf Fahrbahnmarkierungen wie die Axt im Walde und braucht dringend Feinschliff.

2. Und dann sollte man sich womöglich nochmal mit den Herrschaften von Google zusammensetzen. So gut deren Navi-Lösung in den allermeisten Fällen auch hier funktioniert, so irritiert war ich über einen planerischen Totalausfall bei einer Routenplanung mit Ladestopp in einer - zugegebenermaßen - sehr ländlichen Gegend. Da wurde ich über Straßen geleitet, die irgendwann kaum noch als solche zu identifizieren waren. Eine Ladesäule rückte dennoch in immer weitere Ferne. Die eigenhändige Suche nach einem bekannten Schnellrestaurant mit ebensolchen Ladern beendete das Chaos kurz vor knapp.

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Abgesehen von den erwähnten Bedien- und Software-Hemnissen ist das Gravity-Interieur jedoch ein Hort der gehobenen Entspannung. Vorne paart sich eine optimale Sitzposition mit eher Lounge-artigem Gestühl und vielen Ablagemöglichkeiten. Die Platzverhältnisse in Reihe 2 und auch 3 sind nicht weniger als feudal. Wir reden hier also von einem echten Siebensitzer, dessen multiple Sitzreihen- und Kofferraum-Konfigurationen sich auch logisch und einfach bedienen lassen. 

Das Kofferraumvolumen beträgt mit eingeklappter dritter Sitzreihe 780 Liter, schickt man auch die mittlere Sitzbank in den Boden, entstehen maximal 3.239 Liter Stauraum. Diese sehr große Zahl beinhaltet auch den - wie im Lucid Air - erfreulich brauchbaren 230-Liter-Frunk, dem man locker zwei größere Weekender anvertrauen kann.  

Fahreindrücke/Verbrauch

Aus meiner bescheidenen Sicht heraus definiert sich Lucid vor allem über drei Dinge: gehobene Design-Ansprüche (außen wie innen), einen technisch brillanten, hocheffizienten Antriebsstrang sowie eine bemerkenswerte Fahrdynamik. Um die beiden letzten Eigenschaften geht es jetzt. 

Der Lucid Air hat bereits in unzähligen Tests bewiesen, dass er diese Felder nicht nur bespielen kann, er dominiert sie förmlich. Aber funktioniert das auch bei einem nicht gerade zierlichen SUV mit drei Sitzreihen? Zweifel erscheinen angebracht. 

Allerdings eliminiert der Gravity diese Bedenken schneller, als er von 0-100 km/h schießt. Das geschieht in leicht debilen 3,6 Sekunden. Doch natürlich geht es auch hier nicht in erster Linie um Geschwindigkeit. Dass selbst ein Auto, welches halbwegs beladen drei Tonnen auf die Waage bringt, mit 839 umgehend anliegenden PS in der Lage ist, seinen Insassen jegliche Farbe aus dem Gesicht zu beschleunigen, sollte niemanden überraschen. Also ja, auch dieses Luxus-Elektroauto ist sehr schnell. Haken dran. 

Lucid Gravity Grand Touring 2026 im Test

Wohltuender ist eher, dass der Erbauer auch bei seinem ersten SUV die Gewichtsverteilungsvorteile der Elektromobilität mit der hauseigenen Fähigkeit verbindet, ganz und gar exzellente Fahrwerke zu entwickeln. Und so taucht der Gravity nicht etwa weit unter der Latte durch, die sein Bruder Air fahrdynamisch so hoch gehängt hat. Nein, eher nimmt er den Kampf motiviert und mit verblüffend sauberer Körperspannung an.    

Kurven jeglicher Couleur durcheilt er unbeeindruckt und nahezu regungslos. Und das auch mit Geschwindigkeiten, die den Ausdruck "Affenzahn" mehr als verdienen. Im Zusammenspiel mit der immens direkten, recht schwergängigen und gleichzeitig erfreulich mitteilsamen Lenkung entsteht so ein Fahrgefühl, dass sich reichlich unwirklich anfühlt. Einfach, weil es so gar nicht zu Form/Gewicht/Einsatzzweck dieses KFZ passen will. Bravo.

Als kleiner Hemmschuh erweist sich aber auch hier die dreistufig einstellbare Rekuperation. Wie beim Air gibt es eine Stufe, in der gar nicht rekuperiert wird und weitere zwei, die schon mit arg viel Fleiß den Rückgewinnungsanker werfen. Eine etwas mildere vierte Stufe wäre hier fein.

Interessanterweise konnte unser Testwagen das herausragende Komfort-Niveau des Air nicht ganz halten. Trotz Luftfederung. Nicht falsch verstehen, das Lucid-SUV federt in den allermeisten Fällen tadellos und trotz der fokussierten Fahrperformance überaus angenehm. Bei kurzen Stößen oder gröberen Bodenwellen wirkte er aber nicht ganz so souverän und cool wie der Air. 

Diesen Umstand würde ich zum Großteil der mächtigen Rad-Reifen-Kombination in die Schuhe schieben. Die Flanken der 22 und 23 Zoll großen Räder sind klapperdürr. Da empfiehlt es sich vor dem Kauf mal einen Gravity mit dem serienmäßigen 20-/21-Zoll-Felgenpärchen Probe zu fahren. Dieses bietet nämlich noch einen weiteren Vorteil: Laut Lucid einen Verbrauchsvorteil von 0,7 kWh sowie 28 Kilometer mehr Reichweite. Das wären dann bis zu 748 Kilometer mit einem randvollen Akku. 

Lucid Gravity Grand Touring 2026 im Test Lucid Gravity Grand Touring 2026 im Test Bilder von: InsideEVs.de

In der Praxis ein - so ehrlich muss man sein - utopischer Wert. Denn von den knapp 19 kWh WLTP-Verbrauch, die der junge Autobauer für sein Familienauto mit den optionalen 22-/23-Zoll-Rädern angibt, waren wir beim Test meilenweit entfernt. Das überrascht durchaus, konnte doch der Air erst kürzlich in unserem Test seinen Nimbus als Verbrauchswunder eindrucksvoll untermauern, kam selbst auf der Langstrecke mit 17,7 kWh aus. 

Bei sehr ähnlichem Streckenprofil - viel Autobahn mit 100 - 150 km/h, viel Landstraße und ein wenig Stadtverkehr - lag der Gravity zwischen 25 und 27,5 kWh. Da liegt die Reichweite dann eher im Bereich von 400 bis 450 Kilometern.  

Fazit

Der Lucid Gravity Grand Touring ist ein hochwertig-extravagant durchgestyltes Familien-SUV mit einem sehr stilsicheren, luxuriösen und geräumigen Interieur. Die Bedienung weist einige Eigenheiten auf, über die man eventuell nochmal nachdenken sollte. 

Was die Fahrdynamik und das Fahrgefühl betrifft, dürfte ihm in dieser Klasse schwer beizukommen sein. Beim Verbrauch konnte er die hohen Erwartungen nicht ganz erfüllen, liegt da wohl eher gleichauf mit den Mitbewerbern als deutlich vor ihnen. 

Alles in allem ein starkes Debüt. An die komplett überragende Performance seines Limousinen-Bruders Air Grand Touring reicht er für uns nicht ganz heran.

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Autor: Stefan Wagner