Angetestet: Der Audi Nuvolari ist Supersportwagen-Exzess in Bestform

Ingolstadt meldet sich mit einem Baby-Hypercar zurück. Der Nuvolari hat das Zeug zu etwas Großem

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Für unsere US-Kollegen von Motor1.com hat der große Jonny Lieberman den heftigsten Audi-Schocker der letzten 20 Jahre bereits bewegen können. Wir wollen Ihnen seine ersten Eindrücke nicht vorenthalten. 

Mit der Vorstellung des Nuvolari brachte Audi im Juni das Netz zum Beben. Als Schwestermodell des Lamborghini Temerario stand der Nuvolari zugleich für die Nachricht, dass der Ausstieg aus dem Bau von Verbrennungsmotoren noch warten kann.

Und was für ein Motor für diese Kehrtwende: Der V8 hat 4,0 Liter Hubraum, wird von zwei Turboladern zwangsbeatmet und leistet 588 kW (800 PS). Dazu dreht er fulminante 10.000 U/min. Noch einmal: 10.000 Touren! Mit Turbos!

Hinzu kommen drei Axialflussmotoren - zwei an den Vorderrädern und einer flach zwischen Motor und Getriebe. Sie sorgen für eine Systemleistung von 1.001 PS. Das entspricht der Leistung des Bugatti Veyron.

Audis 700.000-Dollar-Ansage

Audi Nuvolari First Drive Review

Der Audi Nuvolari ist vieles. Vor allem aber ist er mit Abstand das teuerste straßenzugelassene Auto, das Audi je gebaut hat. Nach heutigem Wechselkurs sprechen wir von 701.000 US-Dollar (die deutsche Kundschaft wird einen Basispreis von knapp 600.000 Euro berappen müssen; Anm.d.Red.).

Auch die Optionen sollte man nicht vergessen. Wenn der Lamborghini Temerario irgendein Anhaltspunkt ist, werden Extras für den Nuvolari nicht günstig. Die Chancen stehen gut, dass viele Exemplare am Ende bei rund 1.000.000 US-Dollar liegen werden - eine enorme Summe für die Marke. Zudem ist der Nuvolari die erste limitierte Edition, von der lediglich 499 Einheiten verkauft werden.

Audi Nuvolari First Drive Review Audi Nuvolari First Drive Review Fotos: Tobias Sagmeister | Audi

Dass ein Audi-Supersportwagen ein technischer Zwilling eines Lamborghini ist, ist nichts Neues. Man denke an den R8 der ersten Generation und den damaligen Lambo Gallardo. Die zweite R8-Generation kam parallel zum Huracan. Nun drehen sich die Rollen ein Stück weit um: Der Nuvolari positioniert sich oberhalb des aktuellen Temerario - beim Preis, bei der Leistung und vermutlich auch beim Prestige.

Weitere Unterschiede sind Karosserieteile aus Carbon statt der Aluminium-Paneele des Temerario sowie dreifach verstellbare, beziehungsweise vorprogrammierte Dämpfer der Fahrwerksspezialisten KW. Außerdem besitzt der Audi ein radikal vereinfachtes Interieur - anders als beim Concept-C-Prototyp jedoch mit Fixpunkten, die vom Lamborghini vorgegeben sind. So gibt es beispielsweise einen angewinkelten Touchscreen statt eines eleganten, versenkbaren Displays wie im Concept C.

Ein Temerario mit Manieren

Audi Nuvolari First Drive Review

Wer hinter dem Lenkrad Platz nimmt, muss schon sehr genau wissen, wie das Lenkrad eines Revuelto oder Temerario aussieht, um die Verbindung zu erkennen. Man findet dieselbe Anordnung mit vier zentralen Tasten wie bei den italienischen Verwandten. Eine der Tasten hat sogar eine rote Einfassung, wurde aber von links oben nach rechts unten am Lenkrad verlegt.

Der Rest des Innenraums wirkt im Vergleich praktisch wie Tag und Nacht. Die meisten Temerario schreien förmlich Lamborghini - Muster, kräftige Farben, auffällige Nähte. Der Nuvolari ist ruhig, teutonisch kühl und für das Geld für den ein oder anderen vielleicht sogar zu schlicht. Die massiven Aluminiumstücke, aus denen die Türgriffe bestehen, gefallen mir allerdings sehr. Genau wie im Concept C, der hoffentlich einen ziemlich konkreten Ausblick auf künftige Audis gibt.

Der Nuvo, in dem ich sitze, trägt die Nummer 000 von 499; es handelt sich um ein Vorserienauto. Laut Audi entspricht er zu etwa 98,5 Prozent dem späteren Serienfahrzeug. Gleichzeitig ist er Mitte August 2026 das einzige straßentaugliche Exemplar auf diesem Planeten.

Audi Nuvolari First Drive Review

Ich bekomme die Anweisung, alle elektronischen Helfer eingeschaltet zu lassen; bitte das Auto nicht ausreizen. Außerdem ist die private Straße, auf der wir unterwegs sind, tatsächlich Teil einer Wohngegend. Nicht nur das: Die Straße ist alt und schmal. Das hier ist also kein vollständiger Test - damit ist in etwa einem Jahr zu rechnen.

All das vorangestellt: Was für ein faszinierender Supersportwagen.

Der Nuvolari leistet rund neun Prozent mehr als der Temerario, und zwar ausschließlich dank der bereits erwähnten drei Elektromotoren. Bei dem Tempo, das ich fahre, kann ich diesen Unterschied unmöglich spüren. Wir machen keine Launch-Control-Starts und keine Beschleunigungsduelle aus der Fahrt heraus - das ist heute aus erwähnten Gründen nicht drin.

Trotzdem erinnere ich mich an die Präsentation des Temerario in Portugal auf dem Circuito do Estoril, als ich auf der Start-Ziel-Geraden 306 km/h erreichte und ziemlich beeindruckt war, wie schnell dieses Auto war. Zusätzliches elektrisches Drehmoment, das einen noch schneller nach vorn katapultiert? Der technische Fachbegriff dafür lautet wohl: verrückt.

Audi Nuvolari: Erster Fahrbericht Foto: Tobias Sagmeister | Audi Der Nuvolari-Innenraum ist ruhig, teutonisch kühl und für das Geld vielleicht sogar zu schlicht.

Die großen Räder tragen dieselben Reifen wie der Lambo - klebrige, eigens abgestimmte Bridgestone Potenza Sport. Ich komme zwar nicht annähernd in den Grenzbereich, aber der Grip dürfte enorm sein.

Eine wesentliche Veränderung betrifft den Fahrkomfort. Audi und Lamborghini haben seinerzeit ganze Arbeit geleistet, den R8 sowohl vom Gallardo als auch vom Huracan abzugrenzen. Selbst ein echter Zyniker würde zugeben, dass sich die beiden Autos trotz gemeinsamer Rohkarosserie und Antriebseinheit sehr unterschiedlich fuhren.

Mit den aufwendigen KW-Dämpfern geht Audi hier noch einen Schritt weiter. Die Federung wirkt erwachsener: genauso sportlich wie im Lamborghini, aber übermäßige Karosseriebewegungen - also genau jene Art von Nervenkitzel, die ein Lamborghini-Fahrer vermutlich sucht - werden geglättet. Laut Audi ist das teilweise das Ergebnis von Quattro predictive ride, das reichlich Rechenleistung nutzt, um einzelne Räder hinsichtlich Drehmomentverteilung und Bremsmoment zu beeinflussen und zugleich für jeden einzelnen KW-Dämpfer die passende Voreinstellung auszuwählen.

Welche Technik auch immer dahintersteckt: Das Ergebnis ist ein souveränes Gefühl absoluter Straßenhoheit. Ziemlich beeindruckend.

Fazit: Fragen Sie uns später noch einmal ...

Audi Nuvolari First Drive Review

Aus meiner kurzen, nicht schnellen genug gefahrenen und überwachten Ausfahrt im Nuvolari lassen sich nur schwer konkrete Schlüsse ziehen - abgesehen von der überlegenen Dämpfung. Ausgehend von dem, was ich über den Temerario weiß, können mehr Leistung, Gewichtsreduzierung durch Carbon und bessere Dämpfer eigentlich nur ein außergewöhnliches Fahrerauto ergeben. Sicher sagen kann ich das derzeit noch nicht - ich bin allerdings zu 98,5 Prozent sicher.

Worauf ich mich ebenfalls freue: einen Nuvolari in einer anderen Farbe als Silber zu sehen. Ich weiß, das ist so ein deutsches Audi-Ding, aber bitte - Graustufen sind nun einmal von Natur aus langweilig. Nach einem Gespräch mit einem Mitglied des Nuvolari-Designteams wurde mir versichert, dass deutlich farbenfrohere Versionen kommen werden. Im Grunde ist alles möglich, was der Besitzer wünscht - einschließlich sichtbarem und eingefärbtem Carbon sowie einer Lackierung, die von Audis entstehendem Formel-1-Team inspiriert ist.

Was offen bleibt: Wie ordnen wir den Audi Nuvolari ein? Hypercar? Supersportwagen? Baby-Hypercar?

Der Bugatti Veyron gilt allgemein als erstes Hypercar der Welt - so wie sich die meisten einig sind, dass der Lamborghini Miura der erste Supersportwagen war. Mehrere Faktoren trugen dazu bei, dass der Veyron diesen Titel erhielt: vierstellige PS-Zahl, siebenstelliger Preis, limitierte Produktion, eine Höchstgeschwindigkeit von deutlich über 200 mph und ein eigenständiges Chassis, das mit keinem anderen Auto geteilt wurde.

Der Audi Nuvolari erfüllt drei dieser Kriterien (1.001 PS!), verfehlt aber zwei wegen des gemeinsam genutzten Chassis und des vergleichsweise niedrigen Preises. Wird das für die 499 Besitzer eine Rolle spielen? Eher nicht. Aber die Zeit wird es zeigen. Sie wird auch zeigen, wie genau sich der Nuvolari fährt.

Bis dahin ist das hier als fundierte Einschätzung zu verstehen.

 
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Autor: Jonny Lieberman