Mini Countryman Untamed im ersten Fahrbericht: Wie wild ist er wirklich?

Wir konnten den "ungezähmten" Countryman schon im Gelände testen. Das Ergebnis überrascht durchaus

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Untamed heißt ungezähmt. Ein großes Wort für einen Mini Countryman, der im Alltag wahrscheinlich häufiger Tiefgaragen als Tiefsand sehen wird. Ganz neu ist die Idee nicht, denn schon beim Vorgänger gab es eine Untamed Edition. Damals war das vor allem Design. Diesmal soll hinter der Abenteuer-Optik zumindest ein bisschen echte Technik stecken.

Für die erste Fahrt könnte der Schauplatz kaum besser passen als der Lake Tahoe in den USA. Wälder, Schotter, Camping, Outdoor-Sport, dazu ein erstaunlich harter Offroad-Parcours: Mini möchte offenbar gleich zeigen, dass man es mit dem neuen Countryman Untamed ernster meint. Und tatsächlich wird aus dem zunächst etwas modisch wirkenden Abenteuerpaket im Gelände eine ziemlich interessante Geschichte.

Mini Countryman Untamed Edition erster Test

Schon der normale Countryman sieht nach Abenteuer aus

Die aktuelle Countryman-Generation bringt dafür eine gute Basis mit. Das größte Mini-Modell steht kantig und aufrecht auf der Straße, wirkt bulliger als seine Vorgänger und trägt den Offroad-Look ohnehin schon serienmäßig recht überzeugend. Gleichzeitig bleibt das Auto kompakt genug, um im Alltag nicht auszuufern, bietet innen aber erstaunlich viel Platz für fünf Personen und Gepäck.

Bei Mini stellt man sich nach eigener Aussage immer wieder die Frage, wie viel Auto der Mensch wirklich braucht. Beim Countryman glaubt man, die passende Größe gefunden zu haben. Das klingt nach Marketing, ist aber gar nicht so falsch.

Mini Countryman Untamed Edition erster Test

Die Untamed Edition schiebt den Auftritt nun sichtbar in Richtung Gelände. Front und Heck bekommen kräftiger gezeichnete Unterfahrschutzelemente, auch die Seitenschweller wirken robuster, dazu kommt ein neuer Kühlergrill mit vertikalen Streben. Dark-Steel-Details und das Untamed-Logo mit Bergmotiv an der C-Säule setzen weitere Akzente.

Nicht alles trifft unseren Geschmack. Die dunklen Schutzfolien an Radläufen und Motorhaube mögen vor Steinschlägen schützen, wirken optisch aber etwas bemüht und folgen den Formen des Countryman nicht besonders elegant. Ohne sie wäre der Auftritt in unseren Augen sauberer. Sehr gut steht ihm dagegen Frozen Nomad Blue, der erste matte Serienlack von Mini, der die kantigen Flächen des Autos schön herausarbeitet.

Mini Countryman Untamed Edition erster Test

Viel Aufwand für eine Felge

Auch bei den neuen 19-Zoll-Rädern wurde erstaunlich viel Aufwand betrieben. Die Designer erzählen von mehreren Entwicklungsdurchgängen nur für diese Felge, die bewusst dreidimensional ausgeformt wurde und mit ihren fünf kräftigen Speichen an robuste Offroad-Räder erinnern soll. Das Ergebnis sieht gut aus, passt zum Auto und wirkt erfreulich unaufgeregt.

Am Ende bleibt es natürlich eine Felge. Angesichts einiger erstaunlich komplizierter oder schlicht hässlicher Räder auf dem Markt ist eine gut proportionierte Felge aber durchaus etwas wert. Dass Mini bei 19 Zoll Schluss macht, ist sinnvoll, weil größere Durchmesser den Reifenquerschnitt reduziert und damit dem gewünschten Offroad-Charakter widersprochen hätten.

Mini Countryman Untamed Edition erster Test

Höhergelegt, aber nicht überall

Technisch wird es bei der Fahrwerkshöhe interessanter. Unser amerikanischer Countryman S ALL4 steht 15 Millimeter höher als das entsprechende Serienmodell. In Europa gilt das allerdings nicht für die Verbrenner. Hier bleibt deren Fahrwerk auf normalem Niveau, während nur die elektrischen Varianten angehoben werden und damit ungefähr die Bodenfreiheit der Verbrenner erreichen.

Hintergrund sind Homologationsanforderungen, unter anderem beim Fußgängerschutz. In Nordamerika gelten andere Voraussetzungen. Für deutsche Kunden ist deshalb wichtig, dass das oft zitierte Plus von 15 Millimetern eben nicht für jeden Countryman Untamed gilt.

Mini Countryman Untamed Edition erster Test

Fahrdynamisch ist das allerdings weniger dramatisch, als es auf dem Papier klingt. Den etwas höheren Schwerpunkt unseres US-Autos bemerkt man im normalen Straßenbetrieb kaum. Deutlich stärker verändern die speziell entwickelten Pirelli Scorpion All Terrain Plus den Charakter.

Die Reifen muss man wirklich wollen

Optisch sind die Pirelli ein Volltreffer. Sie geben dem Countryman genau die Robustheit, die zu dieser Edition passt, und im Gelände liefern sie zusätzliche Traktion. Auf Asphalt wird die Sache allerdings deutlich weniger romantisch.

Die Reifen rollen hörbar lauter ab, Unebenheiten kommen gröber durch, und auf schlechter Fahrbahn rumpelt der Countryman merklich stärker als mit normalen Straßenreifen. Auch beim Gripniveau darf man von einem All-Terrain-Reifen keine Wunder erwarten. Das ist konstruktionsbedingt und kein spezieller Fehler dieses Pirelli, fällt hier aber deutlich genug auf, dass man sich die Bestellung gut überlegen sollte.

Mini Countryman Untamed Edition erster Test

Wer die All-Terrain-Reifen nur wegen der Optik bestellt und fast ausschließlich Asphalt fährt, kauft sich einen spürbaren Komfortnachteil ein. Wer regelmäßig schlechte Wege oder Schotter unter die Räder bekommt, sieht die Sache anders. Gut ist deshalb, dass sie in Europa optional bleiben.

Auf der Straße bleibt er angenehm normal

Abseits davon fährt der Untamed zunächst wie ein Countryman. Die Lenkung ist direkt, präzise und angenehm ruhig um die Mittellage, ohne diese künstliche Nervosität, mit der manche Hersteller Sportlichkeit simulieren wollen. Das dick gepolsterte Lenkrad ist Geschmackssache, die Abstimmung dahinter überzeugt.

Unser Zweiliter-Vierzylinder mit 208 PS fällt eher unter solide Grundversorgung. Er macht wenig falsch, begeistert im normalen Fahrmodus aber auch niemanden mit besonderer Spontaneität. Das Ansprechverhalten ist eher dröge, erst im Go-Kart-Modus wird der Motor deutlich wacher. Dann reagiert er fast schon etwas zu spitz, was ausgerechnet im Gelände nicht immer ideal ist.

Mini Countryman Untamed Edition erster Test

Leistung fehlt trotzdem nie ernsthaft. Gerade im Gelände hätten wir allerdings gern den elektrischen SE ALL4 ausprobiert, weil sich das Drehmoment zweier Elektromotoren auf losem Untergrund besonders fein dosieren lassen dürfte.

Ein Innenraum, der nicht jedem Trend hinterherläuft

Innen hat Mini ebenfalls nachgelegt, allerdings eher mit Details. Blaue Keder und Ziernähte, spezielle Sportsitze, Dark-Steel-Akzente und robuste Gummimatten sollen die Outdoor-Idee fortsetzen. Auf die Fußmatten ist man bei Mini erstaunlich stolz. Sie sehen ordentlich aus, sind dreidimensional gestaltet und praktisch. Aber ja, es sind Fußmatten.

Das Grundkonzept des Countryman muss ohnehin kaum verbessert werden. Das große runde OLED-Display, die hinterleuchteten Textilflächen, die eigenständigen Materialien und die dritte Lenkradspeiche in Form eines Gurtes ergeben einen Innenraum, der sofort als Mini erkennbar ist. Dazu kommen gute Sportsitze mit ordentlichem Seitenhalt und eine insgesamt sehr stimmige Ergonomie.

Mini Countryman Untamed Edition erster Test

Interessant ist, wie gelassen Mini auf die aktuelle Display-Aufrüstung anderer Hersteller reagiert. Ein zusätzlicher Bildschirm für den Beifahrer? Braucht man nach Ansicht der Verantwortlichen nicht und passt auch nicht zum Auto. Damit liegen sie aus unserer Sicht ziemlich richtig. Nicht jede technische Mode verbessert einen Innenraum.

Nur das Head-up-Display bleibt ein wunder Punkt. Die Informationen werden weiterhin auf eine ausfahrbare Plexiglasscheibe projiziert, was in einem ansonsten so sorgfältig gestalteten Cockpit erstaunlich altbacken wirkt. Hier dürfte Mini gern einmal etwas weniger traditionsbewusst sein.

Mini Countryman Untamed Edition erster Test

Im Gelände beginnt die eigentliche Überraschung

Dann verlassen wir den Asphalt. Und gleich zu Beginn wundern wir uns darüber, dass ein Auto namens Untamed keinen echten Offroad-Fahrmodus besitzt. Zwar gibt es eine entsprechende Mini Experience, doch die verändert vor allem Grafik und Atmosphäre im Innenraum, nicht die für das Gelände wichtigen Systeme.

Wer das DSC komplett ausschalten will, muss ausgerechnet den Go-Kart-Modus wählen. Zusätzlich legen wir den L-Modus des Getriebes ein, der die Drehzahl höher hält und zumindest ein wenig die Wirkung einer Untersetzung simuliert. Das funktioniert, ist aber unnötig umständlich. Ein eigener Offroad-Modus, der die passenden Einstellungen mit einem Tastendruck bündelt, wäre hier wirklich kein Luxus gewesen.

Mini Countryman Untamed Edition erster Test

Dann setzt sich unsere Gruppe in Bewegung. Vorneweg fährt der Instruktor in einem Jeep Wrangler. Das ist bereits ein ziemlich deutlicher Hinweis darauf, was Mini unter einem Testgelände versteht.

Der Parcours hat es tatsächlich in sich. Steile Anstiege, Tiefsand, große Steine und starke Verschränkungen wechseln sich ab, mehrfach kracht und schabt es hörbar unter dem Fahrzeug. Einige Passagen wirken ehrlich gesagt härter als alles, was die meisten Besitzer ihrem Countryman jemals freiwillig zumuten dürften.

Mini Countryman Untamed Edition erster Test

Er kann deutlich mehr, als er müsste

Gerade deshalb ist das Ergebnis beeindruckend. Der Countryman arbeitet sich überall durch, und zwar erstaunlich unspektakulär. Wo ein Rad entlastet wird, verteilt die Elektronik das Drehmoment sauber weiter, sodass die begrenzte mechanische Achsverschränkung weit weniger stört, als man erwarten würde.

Ein mechanisches Sperrdifferenzial gibt es nicht, vermisst haben wir es trotzdem selten. In tiefem Sand würden wir uns noch etwas Feinarbeit bei ABS und Traktionsregelung wünschen, weil die Elektronik dort gelegentlich etwas stärker eingreift, als es für maximalen Vortrieb ideal wäre. Insgesamt zeigt der Countryman aber erheblich mehr Geländepotenzial, als sein urbanes Image vermuten lässt.

Mini Countryman Untamed Edition erster Test

Und Mini verdient Anerkennung dafür, diese Fähigkeiten nicht auf einem freundlichen Schotterweg demonstriert zu haben. Der Track war anspruchsvoll genug, dass man zwischendurch durchaus Mitleid mit dem Unterboden entwickeln konnte. Trotzdem kamen alle Autos oben an und anschließend wieder herunter. Das ist wahrscheinlich die überzeugendste Werbung für den Untamed, die man ihm mitgeben konnte.

Mini liefert die Basis, andere dürfen weitermachen

Im Gespräch mit Designchef Holger Hampf wird zugleich deutlich, weshalb Mini den Countryman nicht noch radikaler umgebaut hat. Budget, Kosten und Homologation setzen Grenzen, denn aus einer Edition sollte kein teures Spezialmodell werden. Innerhalb dieses Rahmens ist der Schritt Richtung Offroad erstaunlich konsequent ausgefallen.

Spannend ist, dass Mini das Auto ausdrücklich auch als Basis für Zubehöranbieter und Individualisierer versteht. Der Untamed soll eine Art Leinwand sein, auf der andere weiterarbeiten können. Was ein Großserienhersteller aus Homologations- oder Kostengründen nicht ohne Weiteres umsetzt, kann ein Nachrüster oft deutlich einfacher anbieten.

Mini Countryman Untamed Edition erster Test

Dazu passen die Kooperationen mit Autohome und Helinox. Das Dachzelt lässt sich dank Gasdruckfedern in wenigen Sekunden aufstellen, dazu kommen sehr leichte Campingmöbel. Zusammen mit den zusätzlichen Geländefähigkeiten entsteht so tatsächlich ein ziemlich reizvolles kleines Campingmobil.

4.700 Euro für mehr Abenteuer

Für Deutschland kostet die Untamed Edition 4.700 Euro Aufpreis. Mini rechnet nach Aussagen der Verantwortlichen mit einem Anteil von rund zehn Prozent innerhalb der Countryman-Baureihe. Das erscheint uns für Europa ziemlich ambitioniert, weil der praktische Bedarf an zusätzlicher Geländetauglichkeit hier überschaubar bleibt.

In Nordamerika dürfte das Konzept leichter verfangen. Unbefestigte Straßen, Camping, abgelegene Ferienhäuser und Outdoor-Aktivitäten gehören dort für viele Menschen stärker zum Alltag. Dass Mini den Untamed ausgerechnet am Lake Tahoe präsentiert, ist deshalb alles andere als Zufall.

Mini Countryman Untamed Edition erster Test

Trotzdem hat das Paket auch bei uns seinen Reiz. Wer einen ohnehin bulligen SUV noch konsequenter in Richtung Outdoor schieben möchte, bekommt ein stimmiges Gesamtpaket, das nicht bei der Optik stehen bleibt. Gerade im Premiumsegment dürften die 4.700 Euro für manche Käufer zudem weniger abschreckend wirken, als es die nackte Zahl zunächst vermuten lässt.

Untamed verspricht mehr Wildnis, als der Countryman am Ende tatsächlich liefert. Aber diesmal steckt hinter dem Namen eben deutlich mehr als eine besondere Farbe und ein paar Logos. Die Änderungen sind überschaubar, größtenteils sinnvoll und im Gelände erstaunlich wirksam.

Vor allem aber zeigt dieser Countryman, dass auch ein komfortabler, alltagstauglicher SUV mit vergleichsweise kleinen Eingriffen ziemlich weit kommen kann. Mini hat aus begrenzten Mitteln erstaunlich viel herausgeholt. Und wenn der Untamed tatsächlich nur der Anfang einer ganzen Reihe stärker auf Outdoor und Abenteuer ausgerichteter Modelle sein soll, ist das kein schlechter Auftakt.

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Autor: Christopher Otto