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Test: VW Tiguan Allspace mit 240-PS-TDI

Braucht man einen Tiguan, der 230 fährt und 60.000 Euro kostet?

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München, 7. Februar 2018 - Da steht man also vor diesem verblüffend großen und orangefarbenen Tiguan und fragt sich, wer das Ding eigentlich kaufen soll? Also nicht den verblüffend großen Tiguan (richtiger Name: Allspace) an sich. Der wird die nächsten Jahre öfter über den Tresen wandern als grotesk bunte Funktionsjacken. Aber diesen ganz speziellen Tiguan hier. Ich meine, der Tiguan Allspace ist quasi DAS Musterbeispiel für perfekte Familienauto-Effizienz. Würde es das Wort Familienauto noch nicht geben, man könnte es einfach durch Tiguan Allspace ersetzen. Er ist einzig dafür gemacht, Sie plus all ihre Kinder plus all Ihre Hunde plus all Ihre Sportgeräte plus Ihr halbes Haus möglichst stressfrei durch die Weltgeschichte zu kutschieren. Und das am besten so, dass Sie sich nicht bis an Ihr Lebensende verschulden müssen. "Unser" Tiguan Allspace aber ist ein 240-PS-TDI mit so ziemlich allem, was die Aufpreisliste hergibt. So habanero-orange (715 Euro) wie er da steht, kostet er 60.145 Euro. Hui. Da kann man nur hoffen, dass er richtig richtig gut ist.

Im Skoda-Würgegriff
Vieles spricht dafür. Schließlich ist der Tiguan Allspace im Prinzip ein Skoda Kodiaq mit VW-Logo. Und der Kodiaq - die meisten werden es wissen - ist derzeit wohl die vernünftigste Möglichkeit, sein Geld automobil anzulegen. Mehr Nutzen und Qualität für weniger Kohle gibt es aktuell nicht. Gefühlt zumindest. Auch in Wolfsburg muss man das irgendwann erkannt haben. Der normale Tiguan ist zweifelsfrei ein großartiges Auto. Dummerweise befindet er sich in einem hundsgemeinen tschechischen Würgegriff: Verglichen mit dem kleineren Skoda Karoq ist er zu teuer, verglichen mit dem größeren Skoda Kodiaq ist er zu eng. Also hat man ihn "allgespaced". Sprich: Man hat ihn um 21,5 Zentimeter gestreckt und ihm knapp elf Zentimeter mehr Radstand gegönnt. Sieben Sitzplätze hat er nun auch, wenn Sie das wollen. Wie im Kodiaq gibt es nun also drölftrillionen Meter Beinfreiheit, eine um 18 Zentimeter längsverschiebbare Rückbank und ein Kofferabteil der Größe Sibiriens.

Allspace hat etwas kleineren Kofferraum
Müssen wir den Tiguan Allspace dann überhaupt noch testen? Ist nicht eh alles genau wie im Kodiaq? Mitnichten, verehrte Leser. Es gibt durchaus Unterschiede. Und die sind teils größer als man denkt. Beim Kofferraumvolumen zum Beispiel steckt unser siebensitziger Allspace schon mal den ersten Tiefschlag ein. 230 (bei aufgestellter dritter Sitzreihe) bis 1.775 Liter klingen luxuriös, ein Siebensitzer-Kodiaq aber packt 270 bis 2.005 Liter weg. Ein Wert, der sich auch subjektiv nachempfinden lässt. Die dritte Sitzreihe selbst tut das, was dritte Sitzreihen nun mal so tun: Für sehr junge Fahrgäste bietet sie ausreichend Platz, für größere Menschen eher nicht. Der fünfsitzige Allspace übrigens lockt mit 760 bis 1.920 Liter Ladevolumen und wirkt im Gepäckabteil zwangsläufig weniger zerklüftet. Nur so als Tipp.


Super Navi, Materialien eher Mittelmaß
Wie sieht‘s im Cockpit aus? Nun, qualitativ nehmen sich Allspace und Kodiaq weniger als erwartet. Wer die üppigen Kodiaq-Dekore, die aussehen wie ein mittelmäßiges Holzimitat-Imitat, nicht mag, wird im Tiguan wohl glücklicher. Die Materialqualität der meisten Oberflächen wirkt aber relativ gleich. Für ein 30.000-Euro-Auto, das der Allspace in der absoluten Basis ist, bedeutet das: völlig okay, vermutlich sogar überdurchschnittlich. Für ein 60.000-Euro-Auto, das unser Testwagen nun mal ist, bedeutet das aber: stark ausbaufähig, mehr Ikea als Rolf Benz. Das ein oder andere Material, die semi-attraktive Head-up-Display-Scheibe … unserer Meinung nach hilft der Beige-Overkill mit den grauen Leisten auch nicht unbedingt. Ein schwarzes Interieur macht dieses Auto deutlich edler, aber das nur am Rande. Seine Ehre rettet der XXL-Tiguan mit dem hervorragenden, gestochen scharfen Discover-Pro-Navi (2.230 Euro), dem empfehlenswerten Active Info Display (510 Euro) sowie der narrensicheren, logisch aufgebauten Bedienung. Auch das Fahrerassistenzpaket Plus (1.060 Euro) konnte in unserem Test voll überzeugen. Auf der Autobahn fährt dieses Auto im Prinzip von alleine (Sie lassen die Hände trotzdem schön am Lenkrad, dass das klar ist) und das sehr angenehm und zuverlässig.

Tiguan Allspace viel agiler als der Kodiaq
Sie fragen sich gerade, was denn jetzt ist mit den Unterschieden zum Kodiaq? Ja, schon klar, Skodas Riesenbären-affines SUV kann das auch alles. Mit dem tollen Navi und den Fahrhilfen und so. Was der liebe Kodiaq aber nicht kann: Dynamik. Auch nur den Hauch davon. Er fährt extrem sicher und wahnsinnig komfortabel, aber er ist weich, er wankt und seine Karosserie schaukelt wie das berühmte Schlauchboot auf dem Rhein. Im Vergleich wirkt der Tiguan Allspace wie ein komplett anderes Auto. Trotz im Prinzip gleichem Aufbau. Auch wenn beide die adaptiven Dämpfer an Bord haben. In Wolfsburg hat man die Feder- und Dämpferraten halt einfach ein ganzes Stück straffer gedreht. Das stört den Komfort eher wenig bis gar nicht (kurze Stöße frisst der Allspace nicht ganz so galant), hilft in der Kurve aber ungemein. Verglichen mit dem Kodiak wedelt der große Tiguan förmlich ums Eck, fühlt sich deutlich wendiger, wacher an und neigt sich spürbar weniger. Ein himmelweiter Unterschied. Selbiger ist gegenüber dem kurzen Tiguan übrigens eher gering. Der längere Radstand schadet der Agilität des Allspace gefühlt nicht die Bohne.

Schnell, aber eigentlich unnötig
Tja, und dann wären da noch die 240 PS. Und 500 Newtonmeter Drehmoment. Ein echtes Alleinstellungsmerkmal in dieser Klasse. Die Tschechen drehen nämlich "schon" bei 190 PS den Hahn zu. Die meisten anderen Konkurrenten noch viel früher. Will man das? Jawohl ja, nicht nur dank serienmäßigem Allrad und DSG knallt dieser TDI-Eiltransport Sie und all Ihr Hab und Gut in 6,7 Sekunden auf Tempo 100. Schluss ist erst, wenn der Hund aus dem Seitenfenster bricht, respektive bei 228 km/h. Braucht man das? Natürlich nicht. Der Biturbo-Diesel ist an sich ein sehr feines Aggregat. Nicht der Allerkultivierteste, aber ein echter Dampfhammer, der selbst mit den gut 1.900 Kilo des Allspace leichtes Spiel hat. Der Haken ist nur: Wenn sie nicht gerade Geschwindigkeitsrekorde im Ziehen Ihres Pferdehängers aufstellen wollen (Anhängelast: 2,4 Tonnen), werden Sie mit dem 190-PS-TDI kaum schlechter dastehen. Der ist zudem 75 Kilo leichter, 0,7 Liter sparsamer und beinahe 6.000 Euro günstiger. Und wenn es nicht unbedingt ein Selbstzünder sein muss: Der 180-PS-Benziner versteht sich prächtig mit dem Allspace und kostet gar über 9.000 Euro weniger.

Auch im Schnee sehr brauchbar
Und damit sind wir auch wieder halbwegs in Preisbereichen, die für ein unprätentiöses Familien-SUV - und nichts anderes ist der Tiguan Allspace letztlich - angemessen erscheinen. Dieses Auto ist in der Gesamtheit seiner Fähigkeiten absolut großartig. Wir würden ihn auch dem normalen Tiguan jederzeit vorziehen. Es fällt uns schwer, an irgendetwas zu denken, was sich zwischen Schule, Fußballverein, Möbelhaus und großer Urlaubsfahrt besser schlagen könnte. Selbst im Schnee ist er eine Wucht (unsere etwas monothematische Bildergalerie beweist es). Zumindest mit Allrad und Offroad-Paket (160 Euro) gript der Wagen wie verrückt und weigert sich strikt zu untersteuern. Dafür brauchen Sie aber keinen 240-PS-Diesel für mindestens 46.600 Euro. Das sind Preisbereiche eines BMW X3 oder Audi Q5 und selbst wenn der Allspace viel praktischer ist, kommt er hier bei Anmutung und Aura einfach nicht hin.

Kleinigkeiten entscheiden
Also lieber einen kleineren Motor nehmen (4Motion-Allrad und DSG darf man sich hingegen unbedingt gönnen), Geld sparen und sich über einen der besten Allrounder freuen, die es derzeit gibt. Aber der Kodiaq ist im Schnitt zwei bis drei Tausender günstiger, sagen Sie? Stimmt. Und wenn Sie strikt auf die Moneten schauen, sind Sie mit dem nahezu gleichwertigen Skoda wahrscheinlich besser dran. Der Tiguan Allspace ist aber spürbar dynamischer und er hat schönere Instrumente (Active Info Display). Und wenn Sie es doch eilig haben, hat er 240 PS. Die hat der Kodiaq in diesem Leben wohl nicht mehr.

Gesamtwertung
Frage Eins: Lohnt sich der VW Tiguan Allspace gegenüber dem nahezu baugleichen aber günstigeren Skoda Kodiaq? Antwort: Ja, wenn Sie das dynamischere, minimal hochwertigere Auto wollen. Frage Zwei: Lohnt sich ein Tiguan Allspace mit 240-PS-TDI, der mit Ausstattung über 60.000 Euro kostet? Antwort: Nein, eigentlich nicht. Er ist wirklich schnell und auf der Autobahn ein Tier, aber er stößt so in Preisbereiche vor, die nur noch schwer verargumentierbar sind. Der XXL-Tiguan als solches ist ein absolut hervorragendes Auto. Unglaublich angenehm, perfekt bedienbar und unendlich geräumig. Aber mit einem kleineren Motor ist man sicher besser dran.

+ geniales Raumangebot; tolles Infotainment; eingängige Bedienung; sehr neutrales, ausgewogenes Fahrverhalten; deutlich dynamischer als der Skoda Kodiaq; bäriger Diesel

- mit kleinerem Motor ist man wohl nicht schlechter, aber viel günstiger dran; Cockpit-Materialien nur Durchschnitt; teurer als der Skoda Kodiaq

Modell VW Tiguan Allspace 4Motion 2.0 TDI 240 PS
Motor
Bauart Reihen- Dieselmotor, Biturbo
Zylinder / Ventile 4 / 4
Antrieb Allradantrieb
Getriebe Doppelkupplungsgetriebe
Gänge 7
Hubraum 1.968 cm³
Leistung 176 kW bei 4.000 U/min
max. Drehmoment 500 Nm bei 1.750 U/min
Kraftverteilung variabel
Fahrwerk
Lenkung elektromechanische Servolenkung
Räder vorn 235/55 R18
Räder hinten 235/55 R18
Spurweite vorn 1.575 mm
Spurweite hinten 1.564 mm
Wendekreis 11,9 m
Maße
Länge 4.701 mm
Breite 1.839 mm
Höhe 1.674 mm
Radstand 2.787 mm
Leergewicht 1.880 kg
max. Zuladung 605 kg
Kofferraumvolumen 760 l
Tank 60 l
Messwerte
Höchstgeschwindigkeit 228 km/h
Beschleunigung (0-100 km/h) 6,7 s
Verbrauch gesamt 6,5 l/100 km
Verbrauch innerorts 7,7 l/100 km
Verbrauch außerorts 5,8 l/100 km
Testverbrauch gesamt 8,3 l/100 km
CO2-Emission 170 g/km
Schadstoffklasse Euro 6

Stand: Februar 2018


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