Nicht einmal zehn Jahre ist es her, dass der vietnamesische Automobil- und Elektromotorradhersteller Vinfast seine Pforten für die Produktion öffnete. 2017 wurde der erste Automobilfertigungskomplex in Hai Phong eröffnet. 2023 folgte der weltweite Start mit einem wachsenden BEV-Portfolio.
2025 stellten die Vietnamesen ihre europäischen Vertriebskanäle von einem Showroom-basierten Konzept hin zu einem Händlermodell um. Das soll zwar stetig ausgebaut werden, zeigt sich derzeit aber noch überschaubar. Deutschland wird zum zentralen Standort der europäischen Strategie. Und das ist auch bitter nötig. Denn wenn Sie bei ihren Verwandten und Bekannten von Vinfast reden, gucken zu 99,9 Prozent ratlose Augen zurück.
Der Vinfast VF6 drängt jetzt in ein sehr europäisches Segment, das unter den Elektroautos reichhaltig und qualitativ hochwertig bestückt ist. Als kompaktes SUV warten auf den VF6 mit Skoda Elroq, Volvo EX30 und Opel Mokka Electric nicht nur etablierte Namen, sondern auch richtig gut gestartete Stromer. Und dann wäre da auch noch das "World Car of the Year" 2025, der Kia EV3. Da braucht es gute Argumente, um einen Krümel vom Kompakt-Keks wegzufrühstücken.
Genau die will Vinfast mit dem VF6 bei der Ausstattung, dem Komfort, der einfachen Modellpalette ohne große Aufpreisliste und über den Preis liefern. Dazu stehen Vinfast VF6 Eco und Plus zur Auswahl. Ersterer kommt mit 130 kW, letzterer mit 150 kW Leistung. Beide Motoren werden mit einem 59,6-kWh-Akku kombiniert. So sollen Reichweiten von bis zu 410 Kilometern (Eco) erreicht werden.
| Schnelle Daten | Vinfast VF6 Plus (2025) |
| Antrieb | Frontantrieb |
| Systemleistung / Max Drehmoment | 150 kW (204 PS) / 310 Nm |
| Höchstgeschwindigkeit | 175 km/h |
| Stromverbrauch / Reichweite (WLTP) | 20,4 kWh / 379 km |
| Akku | 59,6 kWh |
| DC-Ladegeschwindigkeit / 10 - 70 Prozent | ca. 1,4 kWh/min / 25 Minuten |
| Preis | 38.990 € |
Karosserie und Design | Innenraum | Fahrbericht | Batterie und Laden | Preise | Fazit
Karosserie und Design
Ich bin keine Freundin von super schlanken Scheinwerfern. Das nimmt Autos oft ein dominantes Charaktermerkmal. Und so wirkt der Vinfast VF6 mit seinen langgezogenen Bändern, die mittig in V-Form zusammenlaufen, als würde er ein gepflegtes Nickerchen halten. Interpretieren wir die Lage also neu: Stellen Sie sich die großen Augen aus dem Film "Cars" auf der Frontscheibe vor: Nun schmunzelt der Vietnamese freundlich.
Diese Vorstellung passt dann auch viel besser zu seinem gefälligen Kompaktdesign. Kurze Überhänge, ein knackiges Heck und Hartplastikbeplankung lassen ihn eher nach Kumpeltyp aussehen. Auch wenn der Hüftschwung ein wenig zu sehr nach Alfa Romeo Junior oder Tonale schreit. Ersterer ist mit 4,17 Metern übrigens ein weiterer Konkurrent auf der Liste. Auf 4,24 Metern Länge wirkt der VF6 insgesamt gefällig und wenig aufdringlich. Damit fehlt ihm aber auch das gewisse Etwas, gerade in unserer Testwagenfarbe "Neptungrau".
Bilder von: InsideEVs.de
Für Menschen mit Hang zur Unauffälligkeit sicher eine gute Wahl. Wer es etwas emotionaler mag, und farbliche Akzente setzen will, hat zumindest mit einem optional erhältlichen kräftigen "Deep-Ocean"-Grün oder "Krimsonrot" die Möglichkeit, etwas nachzuhelfen. Gerade in Grün wirkt der Kompakte noch ein wenig freundlicher und individueller - zumindest im Konfigurator.
Innenraum
Wer auch im Innenraum auf farbliche Akzente setzen will, ist an das "Neptungrau" gebunden. Denn nur mit dieser Außenfarbe kann der Vinfast VF6 auch in "Mocca Braun" ausgestattet werden. Allerdings nur in der Plus-Variante. Alle anderen Außenfarben sowie die Einstiegsversion Eco werden mit einem schlichten schwarzen Innenraum kombiniert.
Und der zeigt sich minimalistisch und souverän verarbeitet in klaren horizontalen Linien im schlanken Design. Physische Bedienelemente gibt es im VF6 an Türen (Fensterheber) und Lenkrad. Alles andere muss über das Infotainment-System eingestellt oder nachgesehen werden (Inklusive der Bedienung für das Licht) - mit Ausnahme der Fahrstufen! Hierfür wurden große Taster prominent unterhalb des Bildschirms platziert. Das erinnert zuweilen an Telefone aus den 1980er-Jahren, wirkt aber durchaus charmant und gut bedienbar.
Bilder von: InsideEVs.de
Letzteres würde ich gerne auch über das Infotainment berichten. Leider gestaltet sich das in den Unterseiten als etwas zu verschachtelt und vollgepackt. Zudem arbeitet es sehr langsam und zu wenig berührungssensitiv. Bei Einstellungen kommt es damit immer wieder zu Verzögerungen: nicht nur auf den Seiten, sondern auch bei den Auswirkungen. Die Außenspiegel bewegen sich zum Beispiel erst eine gute Sekunde nach Betätigung.
Mit dem integrierbaren Android Auto wird es leider auch nicht besser. Regelmäßigen Ausfällen folgen komplette Neustarts. Die instabile Verbindung wirkt sich ebenfalls auf die Sprachqualität beim Telefonieren aus. Mit dem Vinfast brauchen Sie Geduld.
Auch beim Aussteigen: Denn als ich den Vinfast VF6 das erste Mal zuschloss und gehen wollte, blieb der Bildschirm aktiv. Einen Moment später wies ein unscheinbarer Kasten auf das Herunterfahren hin, was je nach Tagesform zwischen zehn und 30 Sekunden in Anspruch nimmt. Also keine Angst. Falls Sie Erfahrung mit Windows 95 haben, kennen Sie das sicher noch. Einfach machen lassen ist hier die Devise!
| Abmessungen | Vinfast VF6 Plus (2025) |
| Länge x Breite x Höhe | 4.241 x 1.834 x 1.565 mm |
| Radstand | 2.730 mm |
| Gewicht | 2.038 kg |
| Zuladung | 435 kg |
| Kofferraumvolumen | 423 - 1.576 Liter |
| Max. Anhängelast | - |
Insgesamt aber bietet der VF6 einen guten Sitz- und Raumkomfort, auch wenn die vorderen Sitze noch etwas mehr Tiefe in der Einstellung vertragen könnten. Seltsamerweise sind im Konfigurator sowohl Fahrer- als auch Beifahrersitz in der Pro-Version mit Lüft- und Heizfunktion ausgezeichnet, unser Testwagen konnte jedoch nur den Fahrersitz beheizen. Sehr zum Ärger meiner Beifahrerin.
Hinten sitzt es sich bis zu Größen von 1,80 Meter recht bequem. Der Kofferraum ist mit seinen 423 Litern Ladevolumen gut ausgestattet. Ladekabel finden unter der ersten Abdeckung in einem Extraabteil Platz. Sperrige Güter kriegt der kompakte Vietnamese ebenfalls hin. Mittels Umklappen der Rückbank entsteht eine recht ebene Fläche von 1.576 Litern. Das reicht dicke für 'nen stylischen Wohnzimmertisch.
Bilder von: InsideEVs.de
Fahrbericht
Zum rein visuellen Rangieren ist der Vinfast VF6 am Heck mit kleiner Scheibe zu klobig gestaltet. Vor allem die breiten C-Säulen verhindern eine gute Rundumsicht. Im Hellen ist das vorhandene farbenfrohe Kamerasystem eine gute Alternative, im Dunkeln und Nassen verblasst das Bild leider viel zu schnell. Das können gerade die Konkurrenten Kia EV3 und Volvo EX30 deutlich besser.
Das Lenkrad zeigt zwar Leichtigkeit und eine kompakte Größe, das Kurbeln aber wirkt etwas unangenehm. Eine Haptik und Griffigkeit zum Wohlfühlen will sich nicht richtig einstellen. Insgesamt wirkt es im Umfang zu dick und in der Größe zu klein, gerade für hektischere Fahrmanöver wie Kurvenkombinationen oder beim Ausweichen.
Zudem zerrt der Frontantrieb bei starker Beschleunigung am Lenkrad, obwohl der Vietnamese ein Durchdrehen der Räder zulässt. In Kurven mangelt es bei selbigem Vorgang am zuverlässigen Nachlauf. Der VF6 stellt hier nur widerwillig die Räder gerade, sodass ein Nachjustieren dringend nötig ist. Im Zusammenspiel mit der leichtgängigen Lenkung fehlt es hier insgesamt an Feintuning und Feedback, zumal auch das Fahrwerk labil und undurchsichtig wirkt.
Bilder von: InsideEVs.de
Die Karosserie neigt zum Nachwippen, zu weich gestaltete Stoßdämpfer hinten verursachen dann auch bei schneller genommenen Schlaglöchern oder in verkehrsberuhigten Zonen mit Speed-Bumps einen Durchschlag. Am wohlsten fühlt sich der kleine Kompakte mit seinen zwei Tonnen dann auch auf der Autobahn bei 120 km/h. Beim ruhigen Cruisen kann er seine Stärken im Geradeauslauf ausspielen, denn Kurvenlagen und Dynamik sind nicht so sein Ding.
Am besten mit ausgeschalteten Assistenzsystemen: Denn die melden sich gern sehr aufdringlich oder machen durch Fehlfunktionen auf sich aufmerksam (Fernlicht, Geschwindigkeit). Leider ist der Vorgang mit einem verschachtelten Marsch durchs Infotainment-System verbunden. Es lohnt sich, das vor dem Start einzustellen, um unabgelenkt fahren zu können.
Der Sportmodus sollte zudem gemieden werden. Der VF6 wirkt hier eher wie ein hyperaktives Eichhörnchen auf Koffein. Das ist von einer annähernden Verbindung zum Sport so weit weg, wie "Eddie the Eagle" von großen Weiten auf der Skisprungschanze - leider unbrauchbar.
Batterie und Laden
Zwar bietet der Vinfast VF6 mehrere Rekuperationsstufen, die sind im Gegensatz zur Konkurrenz (mit Ausnahme des Mokka) auf stärkster Stufe jedoch immer noch vergleichsweise schwach. One-Pedal-Driving gibt es nicht. Vermutlich ahnen Sie es bereits: Auch die Rekuperation ist nur über das Menü anpassbar. Das ist nicht zeitgemäß - gerade wenn man gerne individuell über Schaltwippen oder Tasten nachjustiert.
Bei der Pro-Variante verspricht Vinfast eine Reichweite von 379 Kilometern. Die haben wir bei Temperaturen zwischen 10 und 15 Grad nicht erreicht. Die Tendenz ging eher in Richtung 250 Kilometer. Dabei liegt der VF6 mit seinem angegebenen Stromverbrauch von 20,4 kWh in seiner Klasse schon eher auf den hinteren Plätzen.
Ein weiteres Manko zeigt sich dann beim Laden: Über die 50 kW kam der Kompakte in unserem Test bei zwei Ladevorgängen nicht weit hinaus. Die versprochenen 25 Minuten von zehn auf 70 Prozent sind so nicht zu schaffen. Wir benötigten von etwa 15 auf 40 Prozent schon knappe 17 Minuten. Für 46,7 kWh stand der VF6 eine ganze Stunde an der Schnellladesäule.
Bilder von: InsideEVs.de
Preise und Konkurrenz
Die Wahl des Modells ist beim Vinfast VF6, wie bereits erwähnt, überschaubar. Die Eco-Variante mit 130 kW und 17-Zoll-Felgen startet ab 34.990 Euro. Die 150 kW starke Plus-Ausstattung kostet 38.990 Euro, ist mit 19-Zöllern bestückt, kommt mit Head-up-Display und bietet ein Panorama-Glasdach. Mehr Geld können Sie nur noch in Außen- und Innenfarbe stecken.
Die Konkurrenz steht reichhaltig da: Der Kia EV3 startet als Air bei 35.990 Euro, den Opel Mokka Electric gibt es mit 115 kW ab 36.740 Euro. Skoda bietet seinen Elroq derzeit ab 44.180 Euro (85) an. Der Tscheche ist so beliebt, dass ein Bestellstopp für die Einstiegsversionen Elroq 50 und 60 (ab 33.900 Euro) ausgesprochen wurde. Bei den beiden geht es voraussichtlich erst wieder im Frühjahr weiter - Warten ist angesagt. Bleibt noch der ähnlich minimalistische Volvo EX30 ab 38.490 Euro.
Fazit
Der Vinfast VF6 ist ein kumpelig aussehender Kompakter, der leider noch zu viele Kinderkrankheiten zeigt. Mit seinen Abstimmungsfehlern, Schwächen beim Laden und den technischen Unzulänglichkeiten wirkt er unausgereift. Das wirft den Vietnamesen im hart umkämpften SUV-Kompaktmarkt leider weit hinter die Konkurrenz zurück.
Da helfen auch Preis, Raum- und Komfortkonzept nicht mehr. Sie treffen mit jeder Einstiegsvariante der genannten Konkurrenten eine bessere Wahl. Zumal es in diesem Jahr, beispielsweise mit einem VW ID. Cross, noch mehr Konkurrenz hagelt. Will Vinfast in diesem Segment in Europa bestehen, gibt es noch einiges zu tun.





