Die seit 2020 angebotene S-Klasse (Baureihe 223) hatte es bis hierhin nicht immer leicht. Ganz generell zieht das Segment der ausgewachsenen Luxus-Limousinen nicht mehr so wie einst (selbst in China nicht). Zudem holte man sich 2021 mit dem rein elektrischen EQS selbst Konkurrenz ins Haus. Luxus wird zunehmend anders wahrgenommen und die Technologie entwickelt sich rasend schnell.
Okay, machen wir uns nichts vor: Der EQS ist keine ernsthafte Konkurrenz, andere Edel-Limos wie der ebenfalls bald Facelift-fällige BMW 7er tun sich aber ähnlich schwer. Doch auch wenn der S-Benz nach wie vor der Bestseller in seiner Klasse ist, wurde es höchste Zeit für ein Facelift. Ein sehr großes Facelift. Gute fünf Jahre nach der Markteinführung präsentiert der Stern nun "das umfangreichste Update aller Zeiten innerhalb einer S-Klasse-Generation".
Exterieur: Status durch Licht und Chrom
Äußerlich hätte wir bei dieser vollmundigen Ankündigung eigentlich ein bisschen mehr erwartet. Gleichzeitig sind wir froh, dass sich nicht all zu viel geändert hat. Der W223 ist ein Bild von einem Auto, da ist subtiles Vorgehen zu begrüßen. Wobei die Subtilität zumindest an der Front ein wenig Schaden nimmt. Mercedes hat den Kühlergrill der S-Klasse um satte 20 Prozent vergrößert. Statt bisher drei tragen nun vier horizontale Chromlamellen den Anspruch der Luxuslimousine zur Schau.
Bilder von: Mercedes-Benz
Bilder von: Mercedes-Benz
Erstmals ist der Grill zudem beleuchtet (mit kleinen dreidimensionalen Sternen im Chrom-Finish). Weiteres Novum: der klassische, aufrecht stehende Mercedes-Stern auf der Haube kann optional beleuchtet werden. Ein Feature, das in Europa diskutiert werden dürfte, in den Hauptmärkten USA und China aber sicher gut ankommt.
Die Lichtsignatur ändert sich ebenfalls: Vorne gibt es ein neues "Twin-Star"-Design in den Scheinwerfern, hinten leuchten in den Rückleuchten nun drei verchromte Sterne. Das neue Digital Light-Scheinwerfersystem sorgt für bis zu 40 Prozent mehr Illumination.
Ein nettes Detail für Technik-Nerds: Die neuen 20-Zoll-Vielspeichen-Räder werden in einem speziellen Hochdruck-Gussverfahren hergestellt. Das erlaubt dünnere Wandstärken, spart Gewicht und ermöglicht filigranere Designs als herkömmlicher Niederdruckguss.
Wer es sportlicher mag, greift zur neuen AMG Line Plus. Sie addiert zum normalen AMG-Look (jetzt mit größeren Lufteinlässen) das Night-Paket, 20-Zoll-Räder und dunkel verchromte Endrohre.
Neues Interieur wirft Fragen auf
Die wohl radikalste Änderung findet im Innenraum statt. Das vertikale Zentraldisplay des Vorfacelifts ist Geschichte. Mercedes führt den MBUX Superscreen als Standard ein.
Anders als beim Hyperscreen im EQS, wo auch der Tacho unter Glas ist, steht hier das 12,3-Zoll-Fahrerdisplay (optional mit 3D-Effekt) weiterhin frei. Daneben verschmelzen das 14,4-Zoll-Zentraldisplay und der 12,3-Zoll-Beifahrerbildschirm unter einer durchgehenden Glasfläche. Damit einher geht eine völlig neue Architektur der Lüftungsdüsen. Statt der vier runden Düsen oben gibt es nun ein breites Lamellenband, das sich bis in die Türen zieht.
Bilder von: Mercedes-Benz
Wir wissen nicht, wie es Ihnen geht, aber wir in der Redaktion waren uns beim ersten Blick auf das neue Cockpit relativ schnell einig: Das ist ein Anblick der einer hochpreisigen Limousine und gerade einer Luxus-Ikone wie der S-Klasse nicht würdig ist. Dieser Bildschirm-Overkill lässt jegliches Gespür für Stil und Eleganz vermissen. Wir wissen, dass China als nach wie vor größter Markt für den S diese Monster-Displays liebt, aber das ist in dieser Form für Ästheten schon schwer zu verdauen.
Bessere Nachrichten gibt es von der Bedienungsfront. Mercedes korrigiert einen der größten Kritikpunkte und entschärft die Touch-Bedienung am Lenkrad. Selbiges verfügt nun wieder über Wippschalter für Tempomat/Distronic und eine Walze für die Lautstärke-Einstellung.
Der KI-Sprachassistent nutzt ChatGPT-4o, Microsoft Bing und Google Gemini. Er kann sich Kontext merken und flüssige Dialoge führen. Als Avatar dient wahlweise eine "menschenähnliche Figur" oder der neue "LittleBenz". Für eine Verbesserung des Entertainment-Bereichs haben die Schwaben nun Disney+, YouTube, RIDEVU (Video-Streaming) und Amazon Music nativ integriert.
Ein Highlight ist die Digital Vent Control. Die Lüftungsdüsen werden nun nicht mehr manuell, sondern elektrisch verstellt (manuell ist aber weiterhin möglich). Das System erlaubt Presets wie "Fokus Fahrer" (kühle Luft ins Gesicht) oder "Relax Fond" (zugfrei). Im Chauffeur-Modus kann der Fahrer nun zudem die hinteren Düsen vom Cockpit aus steuern.
Neu ist auch die Gurtheizung vorne (bis zu 44 Grad). Was wie ein Gimmick klingt, soll laut Mercedes den Komfort spürbar erhöhen ("wie eine warme Umarmung") und die Sicherheit verbessern, da Passagiere eher bereit sind, dicke Winterjacken abzulegen.
Neu im Fond sind zwei abnehmbare MBUX-Fernbedienungen mit denen man Fahrzeugfunktionen wie Klimatisierung und Sonnenschutzrollos sowie die nun größeren 33,3-Zentimeter-Displays hinter den Vordersitzen bedienen kann. Die Bildschirme verfügen zudem über integrierte HD-Kameras und eignen sich damit für geschäftliche Videokonferenzen mit Microsoft Teams, Zoom oder Webex.
Üblich für ein Facelift sind einige neue Trim-Levels, Hölzer, Leder und Co. Erstmals gibt es im S auch eine gänzlich lederfreie Option. Insgesamt sind für den Chef-Benz im Rahme des neuen "Manufaktur Made to Measure"-Programms 150 Außenfarben, 400 Interieurfarben und unzählige weitere Individualisierungsmöglichkeiten verfügbar, die man dann eins zu eins mit einem persönlichen Berater durchsprechen kann.
Motoren: High-Tech für die Verbrenner
Große Freude bereitet allen Freunden der Motorenbau-Kunst der neue V8 im S 580 4MATIC.
Der 4,0-Liter-Biturbo (M 177 Evo) wurde massiv überarbeitet. Er leistet nun 537 PS und 750 Nm. Technik-Highlight: Das Aggregat nutzt nun eine Flat-Plane-Kurbelwelle (180 Grad Hubzapfenversatz).
Das kennt man normalerweise von Hochdrehzahl-Sportmotoren wie dem im AMG GT Black Series. In der S-Klasse dient der Tech-Stunt - zusammen mit einer neuen Zündfolge - jedoch dazu, interne Vibrationen und rotierende Massen zu reduzieren. Das Ansprechverhalten soll zudem deutlich spontaner sein.
Die Reihensechser-Benziner im S 450 und S 500 (M256 Evo) erhalten einen stärkeren elektrischen Zusatzverdichter, was dem Turboloch fast vollständig den Garaus machen soll. Das Drehmoment steigt auf bis zu 600 Nm (kurzzeitig 640 Nm im Overboost). Eine optimierte Kapselung soll den Geräuschkomfort weiter erhöhen.
Der OM 656 Evo im S 350 d und S 450 d ist der erste Serien-Dieselmotor mit einem elektrisch beheizten Katalysator. Das bringt das Abgasreinigungssystem schneller auf Temperatur und drückt die Emissionen drastisch - die Lebensversicherung für den Diesel in kommenden Normen.
Mehr Power kriegt die Kundschaft im Plug-in-Hybrid S 580 e. Die Systemleistung wächst um 55 kW auf nun 430 kW (585 PS), das Drehmoment liegt bei 750 Nm. Die elektrische Reichweite bleibt bei über 100 Kilometern, aber der E-Motor ist kräftiger geworden.
Für Staatsoberhäupter und andere solvente Menschen, die Feinde haben, bleibt der S 680 Guard im Programm. Er bietet die höchste zivile Schutzklasse VR10 und weiterhin einen 6,0-Liter-V12-Biturbo. Mit 612 PS und 830 Nm wuchtet er die Panzerlimousine nun bis auf 210 km/h (bisher 190 km/h).
Spezialfeatures wie ein Notfall-Frischluftsystem (Druckluftflasche für 2 Minuten Atmen bei Gasangriffen) und hydraulische Fensterheber (für die zentnerschweren Scheiben) bleiben an Bord.
Fahrwerk & Lenkung: Cloud-Daten gegen Schlaglöcher
Das Airmatic-Luftfahrwerk ist im S natürlich Serie, optional gibt es die E-Active Body Control. Neu ist bei beiden die Funktion "Intelligent Damping". Das System erkennt Bremsschwellen nicht nur per Kamera, sondern nutzt Car-to-X-Daten aus der Cloud. Wenn also eine andere S-Klasse irgendwo auf der Welt über eine Schwelle fährt, weiß Ihr Auto an derselben Stelle schon Bescheid und stellt die Dämpfer weich, bevor Sie das Hindernis überhaupt sehen.
Zudem ist die Hinterachslenkung nun Serie. Standardmäßig lenken die Hinterräder bis zu 4,5 Grad mit. Optional ist weiterhin die 10-Grad-Version erhältlich, die den Wendekreis auf Kleinwagen-Niveau (10,8 Meter) drückt.
MB.OS: Das neue Superhirn
Unter dem Blech arbeitet erstmals die neue Elektronik-Architektur MB.OS. Sie vernetzt Infotainment, Antrieb und Assistenzsysteme in einem "Superhirn".
Bis zu zehn externe Kameras, fünf Radarsensoren und zwölf Ultraschallsensoren kommen zum Einsatz. Diese Sensoren arbeiten mit einer leistungsstarken Steuereinheit zusammen, die auf MB.OS basiert. Algorithmen künstlicher Intelligenz verarbeiten die Sensordaten in Echtzeit, um das aktuelle Verkehrsgeschehen zu erfassen. Je nach gewähltem Paket bietet MB.Drive eine erweiterte Unterstützung beim kooperativen Lenken, Bremsen und Beschleunigen.
Das erweiterte Navigationssystem bietet eine Echtzeitansicht des Fahrzeugs und seiner Umgebung. Die Darstellung verbindet nahtlos die Assistenzsystem-Ansicht mit einer dreidimensionalen Darstellung der Umgebung und der Routenführung im Fahrerdisplay. Dabei werden auch andere Verkehrsteilnehmer wie Autos, Fahrräder, Motorräder und Fußgänger angezeigt. Die Integration der Infos in das Fahrerdisplay mittels 3D-Grafiken aus Game-Engines soll die Übersichtlichkeit verbessern.
Preise und Marktstart
Zu Preisen und Marktstart des großen S-Klasse-Facelifts hat Mercedes noch keine Angaben gemacht. Zum Markstart 2020 kostete der günstigste Diesel gut 93.000 Euro, für einen Benziner (S 450) musste man mindestens 106.000 Euro berappen.








