Lamborghini Temerario (2026) im Test: Grandi Emozioni?

Der Nachfolger des Huracan soll alles besser können. Aber kann er auch dessen Leidenschaft vermitteln? Unser Selbstversuch ...

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Ohne den kultigen V10 im Heck hat der Lamborghini Temerario als Nachfolger des Huracán von Anfang an in den Augen (und vor allem Ohren) der Fans eine Hypothek zu tragen. Im süditalienischen Apulien durfte ich den neuen Lambo ausgiebig Probe fahren und kann eines vorwegnehmen: Dieser Lamborghini ist anders. Er kombiniert die brutale Marken-DNA mit einer fast schon gefälligen Eleganz. Ein Widerspruch? Vielleicht. Aber ein verdammt guter. Der Sound ist allerdings wieder ein anderes Thema.

Unter dem neuen Kleid steckt eine Revolution. Der legendäre V10 des Huracán ist Geschichte. An seine Stelle tritt ein 4,0-Liter-V8-Biturbo, flankiert von drei Elektromotoren. Zusammen ergeben sie 920 PS Systemleistung. Ein technisches Meisterwerk, das beweisen muss, ob es die Seele seines Vorgängers ersetzen kann.

Lamborghini Temerario (2026) im Test

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Schnelle Daten Lamborghini Temerario (2025)
Motor 4,0-Liter-V8-Biturbo + 3 E-Motoren
Systemleistung 677 kW / 920 PS
Getriebe 8-Gang-Doppelkupplungsgetriebe
Antrieb Hybrid-Allradantrieb
Beschleunigung 0-100 km/h 2,7 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit 343 km/h
Gewicht (trocken) 1.690 kg
Preis Testwagen 374.000 Euro

Karosserie / Innenraum

Lamborghini hat es wieder geschafft. Der Temerario sieht aus 100 Metern Entfernung sofort wie ein Kampfstier aus SantAgata aus. Die Silhouette ist markentypisch, die Überhänge kurz und die Front mit ihrer aggressiven Haischnauze tief geduckt. Doch die Linienführung ist fließender, weniger zerklüftet als beim Vorgänger. Natürlich gibt es Lufteinlässe, Flaps und Kanten im Überfluss, doch sie fügen sich organischer in das Gesamtbild ein.

Gerade in der Testwagenfarbe, einem auffälligen Türkis-Metallic, ist der Temerario ein absoluter "Headturner". Die Italiener feiern das Design, Daumen gehen hoch, Jugendliche zücken ihre Handys. Das Heck ist dann eine Show für sich. Es gibt den Blick auf die gewaltigen 325er-Walzen frei, zeigt scharfe Kanten unter den Rückleuchten und eine hoch montierte, doppelflutige Auspuffanlage. Gekrönt wird das Spektakel von einem riesigen Diffusor, der gefühlt einen halben Meter nach hinten herausragt. Extrovertiert ja, aber nicht mehr nur brutal.

Bilder von: Motor1.com Deutschland

Wer es dann schafft, sich am breiten Schweller und der schrägen A-Säule vorbei in die flache Flunder zu fädeln (Zuschauer möglichst vermeiden), wird überrascht. Drinnen herrscht erstaunlich viel Platz. Mit meinen 1,87 Metern habe ich eine Kopffreiheit, die selbst die Werksangabe - Platz für einen 1,90 Meter großen Fahrer mit Helm - glaubhaft macht. Die vielfach verstellbaren Sportsitze mit justierbaren Wangen sind hervorragend. Einzig der linke Radkasten ragt weit in den Fußraum und rückt die Fußstütze etwas unbequem zur Mitte.

Das Ambiente ist eine Mischung aus Rennwagen und Luxuslounge. Feinstes Alcantara und Leder dominieren, doch der Blick fürs Detail enttäuscht an manchen Stellen. Das matte Carbon wirkt eher wie günstiges Plastik und um einige der offen zur Schau gestellten Torx-Schrauben quillt unschön die Dichtung hervor. Da hätte ich mir mehr Finesse gewünscht. Das Thema Alltagstauglichkeit endet beim Gepäck. Der vordere Kofferraum wird fast vollständig von den Ladekabeln beansprucht, hinter die Sitze passt jeweils nur ein kleiner Rucksack.

Bilder von: Motor1.com Deutschland
Abmessungen
Länge 4.706 mm
Breite (ohne Spiegel) 1.996 mm
Höhe 1.201 mm
Radstand 2.658 mm
Leergewicht 1.690 kg

Antrieb

Kommen wir zum Herzstück, dem komplett neu entwickelten Antriebsstrang. Der Abschied vom V10-Sauger schmerzt, doch was Lamborghini hier konstruiert hat, ist technisch brillant. Der 4,0-Liter-V8-Biturbo leistet allein schon 800 PS und dreht bis zu schier unglaublichen 10.000 Touren. Dazu gesellen sich drei E-Motoren. Zwei davon bilden die E-Achse vorn, der dritte sitzt im Gehäuse des neuen 8-Gang-Doppelkupplungsgetriebes und hat eine klare Mission: das Turboloch auslöschen.

Diese Mission erfüllt er mit einer Perfektion, die sprachlos macht. Das Ansprechverhalten ist selbst im Vergleich zu einem Saugmotor eine neue Dimension, es ist fast auf dem Niveau eines reinen Elektroautos. Ein Wimpernschlag am Gaspedal genügt und der Temerario schießt ansatzlos nach vorne, zumindest in den scharfen Fahrmodi. Wenn dann kurz darauf der volle Ladedruck der Turbos einsetzt, wird der Schub so brutal, dass man wirklich wissen sollte, was man tut. Gerade im Corsa-Modus sind die Zügel doch recht locker und beim reinknallen des zweiten Gangs kommt dann auch schon mal kräftig das Heck.

Die Kraft ist schier unendlich und wird über das blitzschnelle Getriebe ansatzlos verwaltet. In nur 2,7 Sekunden katapultiert sich der 1.690 Kilogramm schwere Keil auf Tempo 100. Dabei ist selbst "untenrum", also unter 6.000/min, jede Menge Power vorhanden. Wo bei anderen dann schon Schluss ist, legt der V8 im Temerario nochmal nach und orgelt brutal bis fast in fünfstellige Drehzahlregionen. Racefeeling pur!

Die große Frage ist jedoch der Klang. Es heult, zischt und pfeift aus allen Ecken. Man sitzt direkt vor der Maschine und hört die Mechanik arbeiten, die Elektromotoren surren und die Turbos atmen. So weit, so geil. Der V8 selbst bleibt im normalen Drehzahlbereich aber enttäuschend zurückhaltend, klingt manchmal fast ein wenig nach Diesel. Emotionen im Stil des alten V10-Kreischens kommen erst auf, wenn man die Gänge manuell ausdreht und die Nadel über 6.000 U/min jagt. Dann, auf dem Weg zur 10.000er-Marke, entfesselt er ein Gänsehaut-Crescendo. Legal ist dies selbst im ersten Gang allerdings kaum erreichbar.

Von außen übrigens klingt das Ganze auch bei niedriger Drehzahl durchaus ansprechend bis gänsehauterzeugend, nur kommt davon im Innenraum recht wenig an. Ganz im Gegensatz zur heutigen Mode, den Sound künstlich im Innenraum zu verstärken, verzichtet Lamborghini darauf. Muss man ja auch mal hervorheben ...

Überraschend ist die Spreizung beim Verbrauch. Im Spaßmodus fließen locker über 20 Liter durch die Leitungen. Wer es im Strada-Modus ruhig angehen lässt, kann den Hybrid-Sportler aber auch mit Werten um die 10 Liter bewegen. Beeindruckend, aber sicher nicht artgerecht. Zudem kann der Plug-in-Hybrid einige Kilometer rein elektrisch fahren. Das reicht, um morgens lautlos aus dem Wohngebiet zu schleichen, was wiederum für mehr soziale Akzeptanz sorgt. Versuchen Sie das mal mit einer Corvette C8 ...

Motor & Fahrleistungen
Motorbauart V8 Biturbo - 4,0 l + 3 E-Motoren
Hubraum 3.995 ccm
Leistung (Verbrenner) 800 PS bei 9.000-9.750 U/min
Drehmoment (Verbrenner) 730 Nm bei 4.000-7.000 U/min
Systemleistung 920 PS

Fahrverhalten

Die Spreizung des Temerario ist auch beim Fahrwerk gewaltig. Über die vier Fahrmodi Città, Strada, Sport und Corsa lässt sich der Charakter grundlegend verändern. In Città gleitet er meist rein elektrisch und flüsterleise durch die Stadt, die Lenkung ist butterweich. Strada ist der ideale Begleiter für die Landstraße, komfortabel und zurückhaltend. Wer hier Leistung abruft, muss das Gaspedal schon nachdrücklich bearbeiten. Bis hierhin passt der Temerario wirklich für jedermann und -frau und lässt keinerlei Angst aufkommen, zumal die Elektronik jederzeit hilfreich den Anker wirft.

Erst in Sport spannt das Auto die Muskeln spürbar an. Das ESC lässt mehr Bewegung im Heck zu und ein beherzter Tritt aufs Gas in der Kurve überfordert selbst die ultrabreiten Bridgestone-Potenza-Sport-Reifen schnell. Richtig ernst wird es im Corsa-Modus. Hier ist alles auf maximale Attacke getrimmt. Die Straßenlage ist zumindest auf glattem Geläuf phänomenal. Trotz der immensen Leistung gelingt es kaum, den Wagen in ein Untersteuern zu zwingen. Übersteuern ist allerdings jederzeit drin, auch gern abrupt und überraschend. Mittelmotor bleibt halt eine Zicke ...

Die Lenkung ist ein Meisterstück. Im Komfort-Modus angenehm leichtgängig, vermittelt sie dennoch ein messerscharfes und ultra-direktes Gefühl, ohne jemals nervös zu wirken. Im Corsa-Modus wird sie straff, aber nicht künstlich schwer. Selbst auf den miserablen und welligen Straßen in Apulien behält der Temerario im weichen Dämpfer-Setup eine beeindruckende Ruhe. Schaltet man die Dämpfer auf hart, wird er zum bockharten Rennwagen, der auf schlechtem Asphalt zu springen beginnt. Die Lift-Funktion, die die Front um mehrere Zentimeter anhebt, erweist sich im Alltag als Segen.

Infotainment/Bedienung

Das Cockpit wird von drei Displays dominiert. Das digitale Kombiinstrument ist brillant, vielfach konfigurierbar, zeigt in jedem Modus eine andere, gestochen scharfe Optik und liefert alle erdenklichen Informationen. Ein nettes Gimmick ist das schmale Beifahrerdisplay. Ob der Mitfahrer bei diesem Fahrerlebnis wirklich Unterhaltung braucht, sei dahingestellt. Das hochkant stehende zentrale Infotainment-Display überzeugt weniger. Die Menüführung ist verschachtelt und unübersichtlich. Immerhin laufen Apple CarPlay und Android Auto kabellos und stabil.

Die Bedienung erfordert Eingewöhnung. Am Lenkrad befinden sich vier Drehrädchen zur Einstellung der Fahrmodi oder der Fahrzeughöhe. Leider muss man auch über Tasten am Lenkrad blinken, was so ziemlich der größte Unsinn ist, zumal sich die rechte Taste zwischen den Drehreglern versteckt. Versuchen Sie mal bei eingeschlagenem Lenkrad zu blinken, Stichwort Kreisverkehr. 

Bilder von: Motor1.com Deutschland

Die großen, starrstehenden Schaltpaddel aus Metall sind in engen Kurven ebenfalls nicht immer optimal erreichbar. Dahinter lugt verschämt ein alter Audi-Bedienhebel für den Tempomaten hervor. Und ja, selbst im über 300.000 Euro teuren Supersportler findet sich die kleine rote Warn-LED der Alarmanlage in der Türverkleidung, die aussieht wie aus einem 90er-Jahre Elektronik-Katalog und so seit Jahrzehnten in jedem Fahrzeug des Volkswagen-Konzern auftaucht.

Kosten

Lamborghini lässt sich den neuen Temerario einiges kosten: 307.000 Euro stehen als Basispreis im Raum. Doch Hand aufs Herz, wer bestellt so ein Auto schon "nackt"? Werden Extras wie Leichtbau-Pakete oder Speziallacke gewählt, klettert die Summe rasant. Unser Testwagen etwa bringt es auf stolze 375.000 Euro und da ist noch viel Luft nach oben. Damit spielt der Italiener preislich in einer Liga, die früher fast nur den V12-Topmodellen vorbehalten war. Ein teurer Spaß, der die Messlatte im Segment extrem hoch legt.

Und die Konkurrenz? Ferrari schickt den 296 GTB ab rund 285.000 Euro ins Rennen, er gilt als der Handling-Meister mit purer Emotion. Wer es technischer mag, greift zum McLaren Artura, der mit rund 240.000 Euro fast als Schnäppchen durchgeht und durch sein niedriges Gewicht überzeugt. Porsche bleibt mit dem 911 Turbo S (ca. 271.000 Euro) der König der Alltagstauglichkeit, auch wenn er beim Show-Faktor nicht ganz mithält. Der Lambo ist zwar der Teuerste im Bunde, liefert dafür aber eine Leistung, die schon an der Tür von sündhaft teuren Hypercars klopft. Hier wird deutlich: Power hat ihren Preis, und Lamborghini verlangt ihn ganz ohne Reue.

Fazit 8,5/10

Der Lamborghini Temerario ist ein zweischneidiges Schwert. Mit dem Wechsel vom einzigartigen V10-Sauger zum V8-Biturbo-Hybrid hat er ein Stück seiner klanglichen Einzigartigkeit und rohen Emotion verloren. Er reiht sich nun technisch enger bei Ferrari und McLaren ein. Auf der anderen Seite ist er in fast jeder Disziplin ein objektiv besseres Auto geworden. Das Fahrwerk ist eine Sensation, das Platzangebot für einen Supersportler fast schon surreal gut und das Ansprechverhalten des Antriebs sucht seinesgleichen.

Die Hybridisierung bringt zwar Mehrgewicht, doch die Vorteile bei Performance und Ansprechverhalten machen diesen Nachteil mehr als wett. Am Ende bleibt ein Supersportwagen, der nahe an der technischen Perfektion ist. Er ist optisch eine Wucht, fährt sich absolut phänomenal und hat die meisten alten Audi-Anleihen erfolgreich abgelegt. Er ist zugänglicher, vielseitiger und schneller als der Huracán. Vielleicht hat er ein wenig Seele verloren, aber er hat eine gewaltige Portion Kompetenz gewonnen. Ein schon fast faustischer Pakt, der für Lamborghini voll aufgegangen sein könnte. Ob die Fans und Käufer den V10 vermissen werden, wird die Zeit zeigen.

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Autor: Christopher Otto