107 Jahre nach der Gründung beginnt bei Bentley ein neues Kapitel. Der Torcal ist das erste rein elektrische Serienmodell der britischen Marke und zugleich ihre vierte Modellreihe. Das fünf Meter lange Luxus-SUV kommt mit bis zu 888 PS, 113-kWh-Batterie und maximal 600 Kilometer WLTP-Reichweite. Zum Start gibt es zwei Versionen.
Dass Bentley irgendwann ein Elektroauto bauen würde, war absehbar. Interessanter ist deshalb, wie die Briten den Wechsel vollziehen. Der Torcal soll nicht einfach ein elektrisches Gegenstück zu einem bestehenden Modell sein. Bentley nutzt ihn vielmehr als Ausgangspunkt für eine neue Generation von Fahrzeugen. Design, Fahrwerk, Innenraum und Bedienkonzept sollen auch kommende Modelle prägen, unabhängig von deren Antrieb.
Entwickelt, konstruiert und gebaut wird der Torcal am Stammsitz in Crewe. Mit ihm erweitert Bentley sein aktuelles Angebot aus Verbrennern und Plug-in-Hybriden erstmals um einen vollelektrischen Antrieb. Und obwohl das Auto mit fünf Metern Länge alles andere als kompakt ausfällt, ist es laut Hersteller der kürzeste Viertürer im aktuellen Programm.
Neues Gesicht für Bentley
Unter Designchef Robin Page entstand ein vergleichsweise flach gezeichnetes SUV mit langem Radstand und kurzen Überhängen. Die klassische Bentley-Silhouette bleibt erkennbar, einige Details brechen allerdings deutlich mit der bisherigen Formensprache. Besonders auffällig ist die Front mit beleuchtetem Rautenmuster anstelle eines klassischen Kühlergrills.
Bentley nennt unter anderem den Continental T als historische Referenz. Am Heck wiederum finden sich Ideen wieder, die erstmals die Studie EXP 15 zeigte. Die Karosserie kommt mit vergleichsweise wenigen Sicken und Linien aus. Stattdessen sollen Proportionen und Flächen die Form bestimmen. Auffällig sind vor allem die breiten hinteren Kotflügel und die nach hinten schmaler werdende Kabine.
Der Torcal trägt außerdem als erstes Serienmodell das überarbeitete Bentley-Emblem, das die Marke 2025 vorgestellt hat. Zur Markteinführung stehen fünf Felgendesigns zur Verfügung. Das Basismodell fährt serienmäßig auf 21-Zoll-Rädern, beim Torcal S sind 22 Zoll Standard.
Bis zu 888 PS und 1.350 Nm
Technisch lässt Bentley beim ersten Elektroauto wenig Zurückhaltung erkennen. Zwei permanent erregte Synchronmaschinen sorgen für Allradantrieb. An der Hinterachse sitzt ein Sperrdifferenzial mit Lamellenkupplungen an beiden Ausgangswellen.
Der normale Torcal leistet 821 PS und entwickelt maximal 1.194 Nm. Für den Sprint von 0 auf 100 km/h nennt Bentley 3,4 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 250 km/h. Darüber rangiert der Torcal S. Mit aktivierter Launch Control stehen hier 888 PS und 1.350 Nm bereit. 100 km/h erreicht er laut Hersteller nach 2,9 Sekunden, maximal sind 260 km/h möglich.
Damit liefert der Torcal das höchste Drehmoment eines bisherigen Bentley. Bemerkenswert ist allerdings die Begründung für die Leistungsgrenze. Nach Angaben des Herstellers entschied sich die Entwicklungsabteilung bewusst gegen noch extremere Beschleunigungswerte, weil diese von vielen Kunden als unangenehm empfunden würden. Die Elektromobilität entwickelt eben ihre ganz eigenen "Probleme" ...
113-kWh-Akku und 400-kW-Laden
Die Hochvoltbatterie arbeitet standesgemäß mit einer Nennspannung von 800 Volt. Sie besteht aus 192 Lithium-Ionen-Pouchzellen und besitzt eine netto nutzbare Kapazität von 113 kWh. Bentley nennt bis zu 600 Kilometer Reichweite nach WLTP, was reichlich optimistisch klingt. Die entsprechenden EU-Homologationswerte standen zum Zeitpunkt der Veröffentlichung allerdings noch aus.
Interessanter als die reine Reichweite dürfte auf längeren Strecken die Ladeleistung sein. Am passenden Schnelllader soll der Torcal bis zu 400 kW saugen. Bentley gibt für den Bereich von zehn auf 80 Prozent weniger als 20 Minuten an. Rund 161 Kilometer zusätzliche Reichweite sollen sich unter optimalen Bedingungen in sieben Minuten nachladen lassen.
Für die Batterie verspricht Bentley zehn Jahre beziehungsweise 100.000 Meilen Garantie, umgerechnet rund 161.000 Kilometer.
Aktives Fahrwerk ohne klassische Stabilisatoren
Beim Fahrwerk führt Bentley ebenfalls neue Technik ein. Erstmals verwendet die Marke eine vollaktive Federung in Kombination mit adaptiven Zweiventil-Dämpfern. Jeder Dämpfer lässt sich einzeln aktiv ansteuern. Das System übernimmt zugleich die Wankkontrolle, weshalb Bentley auf konventionelle Querstabilisatoren verzichten kann.
Eine elektronische Hinterachslenkung gehört zur Serienausstattung. Die Hinterräder schlagen um bis zu fünf Grad ein und reduzieren den Wendekreis auf 11,1 Meter. Für ein fünf Meter langes SUV ist das zumindest auf dem Papier ein bemerkenswerter Wert.
Serienmäßig verzögert der Torcal mit Stahlbremsen und 420 Millimeter großen Scheiben vorn sowie 370 Millimetern hinten. Optional gibt es - vermutlich zum Gegenwert eines Kleinwagens - eine Carbon-Siliziumkarbid-Keramikbremse. Dann wachsen die Scheiben auf 440 Millimeter an der Vorderachse und 410 Millimeter hinten.
550 Liter Stauraum auf zwei Gepäckabteile verteilt
Trotz seiner Positionierung als kleinster Viertürer soll der Torcal natürlich ein vollwertiges Reisefahrzeug bleiben. Der hintere Kofferraum fasst 460 Liter. Unter der Fronthaube kommen weitere 90 Liter hinzu. Insgesamt stehen damit 550 Liter Gepäckraum zur Verfügung.
Auch bei den Assistenzsystemen legt Bentley nach. Insgesamt 25 Radar-, Kamera- und Sensoreinheiten überwachen die Umgebung. Auf schmalen Straßen kann das Auto bei einem entgegenkommenden Hindernis automatisch zu einer zuvor erkannten Ausweichstelle zurücksetzen.
Hinzu kommen automatisiertes Garagen- und Parallelparken sowie eine Remote-Parkfunktion per App. Bestimmte Parkmanöver lassen sich anlernen. Die vier elektrisch betätigten Türen können sich radargestützt selbst öffnen und schließen. Der Fahrer kann seine Tür sogar durch Betätigen des Bremspedals schließen.
Viel Technik, aber weiterhin echte Schalter
Im Cockpit setzt Bentley auf gebogene OLED-Displays, verzichtet aber nicht vollständig auf physische Bedienelemente. Am Lenkrad und auf der Mittelkonsole bleiben klassische Schalter erhalten. Das dürfte gerade bei einem Auto interessant sein, das seinen Luxusanspruch nicht allein über Bildschirmfläche definieren möchte.
Eine Gesichtserkennung identifiziert den Fahrer und lädt persönliche Einstellungen für Sitz, Lenkrad und Assistenzsysteme. Das Smartphone kann als Fahrzeugschlüssel dienen. Ein Augmented-Reality-Head-up-Display blendet Navigation und Hinweise der Assistenzsysteme in das Sichtfeld ein.
Die neu entwickelten Vordersitze sind serienmäßig 16-fach elektrisch verstellbar und verfügen über Heizung, Belüftung, verstellbare Seitenwangen und Massagefunktion. Optional bietet Bentley seine Systeme Postural Adjust und Smart Seat Climate an. Bei der umfangreichsten Wellness-Ausstattung umfasst die Massage neben Rücken und Schultern auch die Beine.
Bentley komponiert einen eigenen Elektro-Sound
Eine ungewöhnliche Lösung haben die Entwickler für das Thema Antriebsgeräusch gefunden. Statt einen Verbrennungsmotor digital nachzuahmen, ließ Bentley einen eigenen Sound entwickeln. Als rhythmische Grundlage diente der 6,75-Liter-V8 der Marke. Musiker spielten dazu unter anderem Schlagzeug, Viola und Bassgitarre ein.
Die daraus entstandene Bentley Dynamic Symphony verändert sich abhängig von Geschwindigkeit und Leistungsanforderung. Im Sport-Modus wird sie lauter, auf Wunsch lässt sie sich komplett abschalten. Selbst andere Geräusche entstanden aus analogen Aufnahmen. Für den Blinker nahm Bentley etwa einen Hammerschlag auf Leder auf, andere Signaltöne basieren auf dem Klang eines Kristallglases. Eigentlich eine ziemlich coole Idee.
Beim Audiosystem stehen zwei Varianten zur Wahl. Serienmäßig gibt es 620 Watt und 16 Lautsprecher. Die gemeinsam mit Naim entwickelte Alternative bringt 1.780 Watt, 28 Lautsprecher, zusätzliche Schallwandler in den Sitzen und Dolby Atmos 7.1 mit.
Wolle, Holz und Aluminium statt Elektroauto-Show
Bei den Materialien versucht Bentley, den Torcal nicht grundsätzlich anders als seine bisherigen Modelle zu behandeln, schließloich betrachtet man sich auf diesem Gebiet als Benchmark. Leder, Holz, Aluminium und klassische Metallbedienelemente bleiben erhalten. Neu ist unter anderem ein gemeinsam mit Fox Brothers entwickelter Stoff aus 100 Prozent Merinowolle. Bentley bezeichnet ihn als ersten nach dem Responsible Wool Standard zertifizierten Wollstoff für den Automobilbereich.
Mulliner bietet außerdem Ombré Walnut an. Dafür werden bis zu 1.000 Schichten aus Reststücken von Walnussholz und Recyclingpapier miteinander verpresst und anschließend auf weniger als einen Millimeter Stärke geschnitten. Dazu kommen Sunburst Aluminium, sechs Holzfurniere, zwei technische Oberflächen und sechs Hochglanzvarianten.
Allein für Leder stehen 15 Farbtöne zur Auswahl, ebenso viele gibt es für Dinamica. Die Merinowolle kann in fünf Farben bestellt werden. Ein dimmbares Glasdach namens Frosted Diamond ergänzt die Optionsliste.
Torcal und Torcal S zum Marktstart
Neben der Mehrleistung unterscheidet Bentley den Torcal S auch optisch vom Basismodell. Er erhält schwarze Außendetails und Spiegelkappen, abgedunkelte Rückleuchten, einen eigenen Heckdiffusor, Seitenschweller und zusätzliche Elemente an der Front. Rote Bremssättel, S-Embleme, Sportpedale und schwarzer Klavierlack im Innenraum gehören ebenfalls zum Paket.
Der reguläre Torcal tritt zurückhaltender auf. Hier verwendet Bentley serienmäßig satinierte silberne Zierelemente und offenporiges Crown Cut Walnut. Preise und ein konkretes Datum für den Marktstart nennt die Pressemitteilung noch nicht. Auch die endgültigen Verbrauchs- und Reichweitenwerte für die EU stehen bis zur Typgenehmigung aus.
Für Bentley ist der Torcal schon jetzt mehr als eine zusätzliche Baureihe. Er ist das erste Serienauto in 107 Jahren Markengeschichte, bei dem kein Verbrennungsmotor für den Vortrieb zuständig ist. Gleichzeitig vermeidet Bentley einen vollständigen Schnitt mit der bisherigen Modellpalette. Verbrenner, Hybridmodelle und der neue Elektroantrieb sollen zunächst nebeneinander angeboten werden.








