Im Prinzip können wir (und alle anderen) einpacken. Es ist hiermit beschlossen. Der Alfa Romeo Cuorerosso ist - mit gewaltigem Abstand - das schönste Auto des Pariser Autosalons 2026. Vermutlich sogar das schönste Stück Autodesign der letzten 20 bis 30 Jahre. Ja um Himmels Willen, von welcher Muse ist Alfa-Designchef Alejandro Mesonero denn hier bitte geküsst worden. Und dann steckt unter der Haube auch noch der 2,9-Liter-Biturbo-V6 aus den aktuellen Quadrifoglios.
Wo Sie unterschreiben müssen, um einen zu bekommen? Jap, war auch mein erster Gedanke. Nun, das ist (noch) der Haken an der Sache. Der Cuorerosso ist eine Studie. Auch wenn er angeblich Designmerkmale zeigt, die wir bei künftigen Modellen des Cuore Sportivo wiedersehen sollen. Ich hoffe einfach mal, es sind alle Designmerkmale.
Dieses Auto ist so ein verdammt cooler, rotzfrecher Schlag ins Gesicht für die komplette derzeitige Autoindustrie, weil Alfa a) die Zukunft seiner Marke nicht mit dem hunderdsten x-beliebigen SUV oder Crossover zeigt, sondern mit einer fast schon provokant sexuell geformten Limousine. Und b) weil Alfa beweist, dass man auch 2026 PKWs zeichnen kann, die nicht aussehen, wie eine Computermaus, ein Kühlschrank mit LED-Schlitzen und 20 Bildschirmen oder ein 5,20 Meter langes Klimagerät mit Jaguar-Logo.
Mainfest für die Zukunft der Marke
Alfa teaserte vor einigen Wochen ja recht kryptisch und gewohnt geschwollen ein Concept Car an. Der Cuorerosso sei "das Auto, auf das jeder Alfisti lange gewartet hat". Würde ich als eingefleischter Alfisti so unterschreiben. Zudem "richtet es sich an alle, die noch immer gerne Auto fahren und authentische Erlebnisse am Steuer suchen". Auch das ist in dieser hinreißenden Hülle sehr gut vorstellbar. Schließlich sehen Sie hier ein "Manifest für die Zukunft der Marke". Das bekommen wir bei Alfa gefühlt alle drei Jahre serviert und dann passiert genau nichts, aber wir geben die Hoffnung nicht auf.
Die Zukunft ist bei Alfa gegen jeden aktuellen Trend eine 4,70 Meter lange, 1,95 Meter breite und lediglich 1,30 Meter hohe Limousine mit gegenläufig öffnenden Türen, die mehr Kurven hat als die Nordschleife. Das Team um Alejandro Mesonero begann praktisch bei null und schuf zunächst eine Skulptur ohne Räder, Scheiben oder Scudetto. So ließ sich alles ausblenden, was ein Auto normalerweise sofort erkennbar macht, um sich ganz auf Volumen, Proportionen und Oberflächen zu konzentrieren. Offensichtlich klappte das ganz hervorragend.
Man erkennt vorne eine aggressivere, fokussiertere Weiterentwicklung der aktuellen Giulia. Und sehe nur ich hier einen Schuss des Einzelstücks Giulia SWB Zagato von 2022? Schauen Sie mal von schräg vorne auf den hinteren Kotflügel - hat was vom Brera, oder? Vogelwild und so heiß, dass man sich von Kleidungsstücken befreien möchte, wird es schließlich am Heck. Hier sehen wir das millionenschwere Supercar 33 Stradale von 2023, aber irgendwie auch eine ganze Menge Lancia Stratos. So gut.
Sehr erfreulich klingt, dass es sich beim Cuorerosso keineswegs nur um eine Designübung handeln soll. Einige der bei der Studie eingeführten Lösungen sind bereits patentiert und sollen nachweislich in künftigen Modellen zum Einsatz kommen.
Bilder von: Alfa Romeo
Nicht alles, was wir hier sehen, bleibt also auf das Konzeptfahrzeug beschränkt. Der Stil soll - angepasst an die jeweiligen Abmessungen und Anforderungen - die Richtung für künftige Alfa-Romeo-Modelle vorgeben. Das klingt schon wieder arg nach Verwässerung, vor allem, wenn man hört, dass der Design-Transfer mit dem für 2027 angekündigten Kompakt-SUV beginnen soll.
Eine Zukunft mit mehreren Antriebsoptionen
Immerhin steckt unter der Karosserie eine Botschaft, die ähnlich schön ist, wie das Blechkleid selbst. Der Cuorerosso wurde mit dem 2,9-Liter-Biturbo-V6 konzipiert, den wir bereits aus den Quadrifoglio-Versionen der aktuellen Giulia und des Stelvio kennen - allerdings elektrifiziert. Was genau das heißt, bleibt noch unklar. Der Sechszylinder steht also nicht zur Disposition. Vielmehr geht es darum, wie er sich mit elektrifizierten Antriebskonzepten kombinieren lässt.
Dazu erfährt man von offizieller Stelle, dass die Studie nicht auf eine bestimmte Antriebstechnologie festgelegt ist. Das kennen wir von Alfa ja bereits. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass eine hochemotionale Alfa-Limo mit reinem Elektroantrieb nicht so wirklich funktionieren würde und vermutlich bin ich damit nicht alleine. Also könnte ein derartiges Modell grundsätzlich mit Hybrid-, Plug-in-Hybrid- oder rein elektrischem Antrieb umgesetzt werden. Die Idee dahinter: Quadrifoglio soll auch künftig für die leistungsstärksten Alfa Romeo stehen - selbst wenn diese elektrifiziert sind.
Innen so herrlich anti-zeitgeistig wie außen
Ah, schauen Sie mal - innen geht es genau so großartig weiter. Keine Display-Monstrositäten weit und breit. Stattdessen ist das digitale System - verblüffend raffiniert - in die Mittelkonsole integriert, als läge es unter der Oberfläche des Mitteltunnels. Es arbeitet mit physischen Bedienelementen zusammen, die ihrerseits mehrere Funktionen übernehmen.
Vor dem Fahrer befindet sich eine Neuinterpretation des Tuben-Cockpits, das sich an die Fahrmodi Cruise, Sport und Quadrifoglio anpassen lässt. Je nach Einstellung zeigen zwei Elemente gleichzeitig Navigations- und Fahrzeuginformationen an. Alternativ bleibt nur ein Element aktiv, wenn der Fokus ganz auf dem Fahren liegen soll.
Auch diese Lösung ist ebenso wie der in die Mittelkonsole integrierte Bildschirm patentiert. Alfa Romeo sieht darin eine Technologie, die künftig in Serienmodellen der Marke zum Einsatz kommen könnte. Das wäre wirklich sehr zu begrüßen.
Was bleibt vom Cuorerosso?
Bleibt die Frage, was letztlich von der großen Show dieser anbetungswürdigen Studie wirklich im Autohaus ankommt? Wenn wir eines wissen, dann dass Alfa Romeo schon sehr viel versprochen hat, was am Ende nicht zu halten war.
So schön die Vorstellung einer schneidig-erotischen Sportlimousine mit - sagen wir - 600-PS-Mildhybrid auch sein mag: dass sowas wirklich kommt, halte ich für nicht sehr wahrscheinlich. Und wenn, dann eher zu einem Preis und in einer Stückzahl, von denen nur ganz wenige etwas haben.
Sollte es Alfa mit dem Design-Transfer ernst meinen, können wir uns immerhin damit trösten, dass wir ein paar sehr schöne Crossover mit grandiosen Interieurs bekommen. Und wenn die Limousine doch kommen sollte und auch nur annähernd so aussieht, wie das hier, werde wohl nicht nur ich mich fragen: "Wo muss ich unterschreiben?"








