Das ist wohl einer der besten Parkplätze für Auto-Fans: Wir dürfen unser Fahrzeug direkt vor dem BMW-Museum in München abstellen. Mit Blick auf die BMW Welt und den Olympiapark. Allerdings handelt es sich bei unserem fahrbaren Untersatz auch nicht um irgendeinen Wagen, sondern um einen Klassiker aus der BMW-Sammlung.
Gemeinsam mit einer ganzen Horde Altblech strahlt die Sonne auf das leibhaftige Autoquartett. Ich nutze die Gelegenheit, um bei einem Kaltgetränk die Besucher zu beobachten. Viele von Ihnen, besonders die jüngeren, zieht es zum BMW M3 (E30). Das Kultauto der Generation Insta/TikTok. Etwas im Schatten steht sein Nachfolger.
Erinnern Sie sich noch an 1994? Während Eurodance-Hits die Charts stürmen und der VW Golf den deutschen Straßenbild-Einheitsbrei anführt, schiebt BMW klammheimlich eine Variante des M3 nach, die bis heute viele nicht auf dem Schirm haben: die Viertürer-Limousine der Baureihe E36.
Zwei Zylinder mehr
Als 1992 der M3 der zweiten Generation erscheint, rüsten die Münchner auf. Der unvergessene Krawall-E30 mit seinen mächtigen Backen weicht dem fast schon grazilen E36 Coupé. Statt des kehligen Vierzylinders S14 hält nun ein Reihensechszylinder Einzug. Der zweite M3 ist von vornherein im Lastenheft des E36 eingeplant, er ist nicht dermaßen kompromisslos in Richtung Motorsport entwickelt wie sein Vorgänger.
Doch BMW spürt schnell: Es gibt da draußen Kunden, denen der 5er (E34) M5 bereits zu gewichtig oder zu teuer ist, die aber dennoch Kind, Kegel und Kreditkarte flott von A nach B befördern wollen.
Die Lösung debütiert 1994: Der M3 als klassische Stufenheck-Limousine. Kein monströser Heckflügel, keine aufgeblasenen Kotflügel. Einzig die M-Außenspiegel, leicht geänderte Schürzen, 17-Zoll-Alufelgen und ein dezent tiefergelegtes Fahrwerk verraten dem Kenner, dass hier kein müder 316i vorfährt.
Die Produktion der BMW M3 Limousine (E36) beginnt im Juni 1994. Im Gegensatz zum Coupé, der eigentlichen Standardkarosserie des BMW M3, ist die Limousine in ihrer Ausstattung etwas luxuriöser ausgerichtet. Insgesamt gibt es zwei verschiedene Ausführungen der M3 Limousine (und ein US-Modell), die sich vor allem am Motor unterscheiden lassen.
Der S50B30-Motor der ersten Variante zeichnet sich durch die erstmalige Verwendung einer variablen Nockenwellenverstellung (VANOS) für die Einlassnockenwelle aus. In dieser Version wird die Limousine bis August 1995 gebaut. Exakt 1.835 Fahrzeuge entstehen.
Mehr Hubraum geht immer
In einer umfangreichen Revision von Optik, Motor und Ausstattung entsteht ab Februar 1995 eine verbesserte Version der BMW M3 Limousine (E36). Der Motor bekommt durch Änderungen an Bohrung und Hub einen Hubraum von 3,2 Litern (S50B32). Er zeichnet sich außerdem durch eine stufenlose Verstellung von Ein- und Auslassnockenwelle (Doppel-VANOS) aus, eine Technologie, die hier erstmals zum Einsatz kommt.
Damit erreicht der BMW M3 (E36) eine Leistung von 321 PS. Ab September 1996 ist eine spezielle Version der BMW M3 Limousine erstmals auch auf dem nordamerikanischen Markt zu erwerben. Im November 1996 beginnt man auch im Werk Rosslyn die Produktion für Südafrika. Ansonsten wird die BMW M3 Limousine weiterhin in Regensburg produziert. Insgesamt entstehen weltweit 10.600 Stück. Erst mit Einführung des E90 bietet BMW ab Frühjahr 2008 wieder eine viertürige Variante des M3 an.
Wohnlich statt wild
Einsteigen. Das Cockpit ist typisch 90er-Jahre-BMW: Konsequent zum Fahrer geneigt, schwarzer Kunststoff-Charme, verfeinert mit M-Sesseln, die phänomenalen Halt bieten. Die einst als Option verfügbaren Holz-Zierleisten geben dem E36-M3 einen unerwartet gediegenen Charme. Schon an diesem Detail zeigt sich die höhere Orientierung in Richtung Komfort. Leder in den Türverkleidungen werten den M3 gegenüber seinen gewöhnlichen 3er-Brüdern deutlich auf.
Das dürfen Kunden damals auch erwarten, schließlich steht ein M3 Coupé mit satten 85.000 DM in der Preisliste. Ein normaler 325i kommt fast 30.000 Mark günstiger. Unser Fahrzeug für den heutigen Tag ist eine M3 Limousine von 1996, also schon mit dem 3,2-Liter-Motor, im zeitgeistigen Farbton "Techno Violett Metallic". Grundpreis: 88.500 Mark.
Kraft im Verborgenen
Wir drehen den Zündschlüssel des S50B32-Saugmotors. Zunächst meldet sich der große Reihensechszylinder leise schnurrend zu Wort. Kein künstliches Auspuff-Ploppen, kein unnötiges Kaltstart-Gebrüll für die Nachbarschaft. Stattdessen eine bassige Grundnote im Turbinenklang.
Gibt man der Maschine jedoch Zunder, wacht die Bestie auf. 321 PS mobilisiert das Saugmotor-Meisterwerk bei 7.400 U/min, das maximale Drehmoment von 350 Nm steht bei 3.250 U/min bereit. Über 4.500 Touren wechselt der Tonfall von sonor zu einem süchtig machenden, metallischen Sägen.
In 5,5 Sekunden beschleunigt die Limousine auf Tempo 100. Was im bergigen Umland des Tiroler Achensees freilich nicht ausprobiert werden soll. Hier sind die langgezogenen Kurven der perfekte Raum für den M3. Die Lenkung arbeitet herrlich rückmeldungsintensiv, das Sechsgang-Schaltgetriebe belohnt die Handarbeit mit exakten Wegen und mechanischem Feedback der Extraklasse.
Analoge Freude am Fahren
Nichts piept und klingelt, keine Meldungen auf irgendwelchen Mäusekino-Displays. Nur ich, er, Tacho und Drehzahlmesser. Und die immerwährende Erkenntnis: Hubraum ist durch nichts zu ersetzen. Bummelei zum Supermarkt? Gar kein Problem. Auf freier Strecke zwei Gänge runterschalten und den Sechszylinder hochjubeln lassen? Erst recht nicht.
Warum die M3 Limousine der E36-Baureihe so faszinierend bleibt? Weil sie das perfekte Understatement verkörpert. Während das M3 Coupé über die Jahre leider oft Opfer zweifelhafter DTM-Optik-Tuner wird, überleben die viertürigen Exemplare meist in pflegenden Händen.
Heute ist die M3 Limousine vom unterschätzten Gebrauchtwagen längst zum gesuchten und teuren Youngtimer gereift. Wer noch ein ehrliches, unverbasteltes Exemplar im Originalzustand ergattern möchte, muss tief in die Tasche greifen. Im Raum stehen inzwischen 40.000 Euro und mehr für gute Fahrzeuge. Doch als Belohnung winkt wohl einer der ehrlichsten, analogsten Sport-Viertürer, die BMW je gebaut hat.








