VW Passat Variant TDI (2024): Alleskönner im Test

Der Letzte seiner Art beweist noch einmal seine Vormachtstellung

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Der VW Passat als Kombiversion Variant feiert in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag und sollte somit mitten im Leben stehen. Tatsächlich ist sein Ende aber bereits beschlossene Sache, denn die aktuelle Baureihe B9 wird die letzte Passat-Generation sein, so wie wir sie kennen. Grund genug, den Qualitäten des großen Kombis auf den Grund zu gehen. Und davon gibt es genügend!

Was ist das?

Der VW Passat - vor allem als beliebte Kombiversion - ist seit Ewigkeiten der Inbegriff von Wirtschaftlichkeit, Praxisnutzen und Zuverlässigkeit. Millionen von Dienstwagenfahrern über die Jahrzehnte können nicht irren! So weckt natürlich auch die neue Baureihe hohe Erwartungen.

VW Passat Variant 2.0 TDI R-Line (2024) im Test

Konsequenterweise strich Volkswagen die unbeliebte Limousine und bietet den Passat - anders als Skoda das Schwestermodell Superb - nur noch als Variant an. Stichwort Skoda Superb: Erstmals überließ Volkswagen der tschechischen Marke die Entwicklung der beiden eng verwandten Modelle Passat und Superb, was vor allem dem Passat nicht geschadet hat. Dazu später mehr.


Exterieur | Interieur | Infotainment | Motor | Fahrverhalten | Kosten | Fazit


Exterieur

Optisch bleibt sich der Passat treu mit klaren Linien, wenig Überraschungen und eindeutiger Zugehörigkeit zur VW-Palette. Unser Testwagen als R-Line mit weißem Lack und schwarzen Akzenten der R-Line "Black Style" macht schon im Stand mächtig Eindruck. Erstaunlich, wie lang der Passat mittlerweile geworden ist! Mit 4,92 m Länge reicht er mitten in die Oberklasse hinein und überragt seinen Urahnen von vor 50 Jahren um satte 72 Zentimeter. Die Proportionen stimmen trotzdem und von allen Seiten betrachtet wirkt der lange Lulatsch sehr gefällig.

Ins Auge stechen auch die neuen IQ-Light-Scheinwerfer mit ihrer schönen Lichtgrafik, die von einer beleuchteten Querspange bei Dunkelheit ergänzt wird. Die Rückleuchten sind wie neuerdings bei VW üblich durch ein Leuchtband verbunden und bieten drei verschiedene Begrüßungs-Choreografien, die individuell konfiguriert werden können.

Negativ fällt am Heck die nun deutlich sichtbare, offene und dadurch schnell verschmutzende  Rückfahrkamera auf. Die Zeiten der elegant ausfahrenden, in das Logo integrierten Kamera sind leider - wohl aus Kostengründen - vorbei. 

Schnelle DatenVW Passat Variant 2.0 TDI (2024)
MotorVierzylinder-Turbodiesel, 1.968 ccm
Getriebe7-Gang-DSG
AntriebVorderrad
Leistung 110 kW / 150 PS
Drehmoment360 Nm
Basispreis48.495 Euro

Interieur

Der Längenzuwachs von 15 Zentimetern im Vergleich zum direkten Vorgänger hat dem Kofferraumvolumen natürlich nicht geschadet, im Gegenteil. Das Volumen stieg nochmal von 650 auf 690 Liter. Der Eindruck ist einfach überwältigend. Das Frachtabteil ist mit schnöden Koffern völlig unterfordert. Getränkekisten? Dutzende. Rennrad? Gerne zwei. Eine Duschkabine vom Baumarkt? Ohne Probleme. Luftmatratze zum spontanen Incar-Camping? Herzlich gern!

Dabei ist das Abteil auch noch komplett gerade, hat keine Stufen und auch keine innere Ladekante. Vier solide Gepäckhaken und eine verstellbare Schiene helfen beim Sortieren. Sogar eine 220V-Steckdose ist mit an Bord. Da merkt man die Verwandtschaft zum Praktiker Skoda Superb (simply clever!) deutlich. Zudem verfügt der Passat nun über ein elektrisches Gepäckrollo, was einem die Verrenkungen in den langen Kofferraum erspart. Ein Feature, das BMW seinem Oberklassekombi 5er Touring übrigens gerade gestrichen hat…

Die neuen Außenmaße kommen natürlich auch den Insassen zugute, obwohl auch im Vorgänger niemand Grund zur Klage hatte. Nun aber bietet vor allem die Rücksitzbank derart viel Raum, dass sämtliche Oberklasse-Limousinen einpacken können. Zudem ist auch viel Platz unter den Vordersitzen für die Füße und an seitlicher Bewegungsfreiheit mangelt es auch nicht.

Mehr Platz geht eigentlich kaum, wie auch meine beiden (testwagenerfahrenen) Kinder nachdrücklich bestätigen. Und deren Urteil als ausgewiesene Rückbankspezialisten lassen wir auf jeden Fall gelten! Dazu ist die Bank angenehm geformt und auch die Oberschenkelauflage passt. Man sitzt hier auch Erwachsener richtig gut.

Noch lieber sitzen wir aber vorn und auch dort herrscht Raum im Überfluss. VW-typisch sitzt man sehr tief in den ausgezeichneten Ergoactive-Massagesitzen, die den Rücken bei Bedarf auch schön kräftig durchkneten. Die Ergonomie ist ausgezeichnet, mit Ausnahme der Armlehne in der Tür, die selbst in der tiefsten Sitzposition etwas zu niedrig ist, um den Ellenbogen abzustützen und gleichzeitig das Lenkrad zu halten.

Die Materialauswahl und das Styling entsprechen (endlich) wieder dem von Volkswagen erwarteten Standard. Vor allem die wirklich tolle Ambientebeleuchtung und die mit feinen Ziernähten veredelten Alcantara-Applikationen rücken dieses Interieur doch deutlich in Richtung Oberklasse. Dazu gesellen sich viele sinnvolle Ablagen und eine hinterlüftete induktive Ladeschale, in der die Smartphones trotzdem überhitzen. In der Tür steckt nun auch ein praktischer Regenschirm, der Superb lässt grüßen.

AbmessungenVW Passat Variant 2.0 TDI (2024)
Länge4.917 mm
Breite1.849 mm
Höhe1.521 mm
Radstand2.837 mm
Kofferraum690 - 1.920 Liter
Leergewicht1.678 kg
Zuladung562 kg
Stützlast90 kg
Anhängelast2.000 kg

Infotainment

Alle Bedienelemente sind gut erreichbar, vor allem der riesige, 15 Zoll große Bildschirm des "Discover Pro Max"-Infotainmentsystems. Dieser ist derart dominant, dass er nicht nur einen Teil des Blickfeldes nach vorn einnimmt, sondern auch starke Analogien zu amerikanischen Polizeifahrzeugen mit ihren auf einer Halterung montierten Laptops weckt. Der kleinere 13,2-Zoll-Bildschirm des Standardsystems fügt sich deutlich harmonischer in das Interieur ein.

Die gewaltige Screen-Größe vereinfacht im Gegenzug die Bedienung entscheidend. Hier hat Volkswagen nach dem Debakel beim Vorgängersystem viel Feinarbeit investiert und alle Menüs neu geordnet. Die Bedienung und Einstellung klappt - auch dank einer konfigurierbaren Favoritenleiste im oberen Teil - mittels großer Icons tatsächlich sehr gut.

VW wollte zwar von den Temperatur- und Lautstärke-Slidern nicht abkehren, beleuchtet diese aber nun immerhin. Und da man dort nicht slidern MUSS, sondern auch einfach auf + oder - tippen kann, finden wir das gar nicht schlecht.

Genau wie die Möglichkeit, sich das Assistenzmenü als Favorit auf dem Screen abzulegen. Nun genügen drei Klicks - also ca. 3 Sekunden - um die nervigen Spur- und Tempowarner abzuschalten. Dieser Wert scheint heutzutage ja fast wichtiger zu sein als Klassiker wie der 0-100-Sprint…

Motor

Wo wir gerade beim Thema sind: Im Motorraum unseres Passat steckt die Allzweckwaffe des VW-Konzerns, nämlich der zwei Liter große Turbodiesel in der 150-PS-Variante. Und obwohl dieser Antrieb mittlerweile sehr gut bekannt ist, überzeugt er uns jedes Mal aufs Neue.

Natürlich ist der Diesel kein Sprinter, geht aber stets zügig und druckvoll zu Werke. Der Standardsprint von 0 auf 100 km/h ist in 9,0 Sekunden erledigt. Auch bis zur Spitze von 223 km/h geht es zügig weiter, wobei der Tacho einem weit über 240 km/h vorgaukelt.

Das Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe macht seine Sache während der Fahrt sehr gut, schaltet schnell, aber ruckfrei und hat fast immer den richtigen Gang parat. Zudem klappt das langsame Rangieren mittlerweile perfekt und samtig weich.

Sehr erstaunt waren wir wieder einmal über die Wirtschaftlichkeit dieses Antriebs. Hier zeigt sich einmal mehr, dass ein ausentwickelter Dieselmotor kaum zu schlagen ist. Trotz der stattlichen Außenmaße und eines Leergewichtes von über 1,7 Tonnen verbrauchten wir im Durchschnitt nur 6,3 l/100 km, und da waren durchaus schnelle Autobahnetappen dabei. Wenn man es drauf anlegt, kommt man auf deutlich unter 5 Liter/100 km. Und selbst auf einem nächtlichen Gewaltritt auf freier Autobahn mit weiten Strecken über 200 km/h lässt sich der Verbrauch nicht in die Zweistelligkeit treiben. Beeindruckend.

FahrleistungenVW Passat Variant 2.0 TDI (2024)
0 - 100 km/h9,0 s
Höchstgeschwindigkeit223 km/h
Verbrauch4,9 l/100 km (WLPT)

Das Ganze hat aber doch noch eine (wohlbekannte) Kehrseite. Nach wie vor leidet auch dieser Antrieb wie viele Konzernmotoren unter einer ausgeprägten Anfahrschwäche. Geradezu schlafmützig geht es die ersten Meter von der Kreuzung weg, um dann - bei unveränderter Gaspedalstellung - schlagartig mehr Leistung freizuschalten. Diese Ruppigkeit ist recht unkomfortabel.

Schlimmer, weil gefährlich ist jedoch die Eigenheit, beim langsamen Heranrollen an Kreuzungen und dann plötzlichem Beschleunigen ("rechts ist frei"), zunächst mehrere Sekunden (!) zum Sortieren der Gänge und anderen internen Prozessen verstreichen zu lassen, bis endlich etwas Leistung an den Rädern ankommt. Nun ist rechts meistens doch nicht mehr frei…

Fahrverhalten

Kommen wir wieder zu einem deutlich erfreulicheren Thema, nämlich dem Fahrwerk. Unser Testwagen war mit dem optionalen DCC-Pro-Fahrwerk ausgestattet und diese 1.045 Euro sollte wirklich jeder investieren. Durch die neuartige Dämpfertechnik, bei der Aus- und Einfedern erstmals separat geregelt wird, kann sich der Passat auf wirklich jede Gegebenheit perfekt einstellen.

Der Fahrer kann den Grad des Komforts mittels Sliders in 15 Stufen wählen, wobei die Spreizung extrem groß ist. In der weichsten Stufe schwebt der Passat förmlich über jede Gemeinheit hinweg, ohne aber ins Schaukeln zu verfallen. Das kann auch eine S-Klasse nicht besser!

In den sportlicheren Stufen strafft sich das Setup merklich und erlaubt in der härtesten Stufe kaum noch Seitenneigung, ohne allerdings zu bocken. Dazu gesellt sich mit der Progressivlenkung ein kongenialer Partner. Die Lenkung ist schön leichtgängig und direkt, vermittelt aber trotzdem viel Gefühl und wirkt nicht übernervös. So macht das Fahren sehr viel Spaß.

Kosten

Billig war der Passat noch nie und auch diese letzte Generation lässt sich ihre Qualitäten gut bezahlen. Für den 150 PS starken TDI muss man mindestens 48.495 Euro hinblättern. Unser R-Line-Modell kostet ohne Extras bereits 53.470 Euro. Der Testwagen - der allerdings wirklich sehr gut bestückt war - kommt auf stattliche 61.965 Euro. Viel Geld für einen Volkswagen. Wenn man allerdings in Betracht zieht, wie dicht der Passat mittlerweile den Konkurrenten der echten Oberklasse auf den Fersen ist, relativiert sich das Preisniveau etwas.

Fazit: 9/10

Der Passat ist und bleibt ein Alleskönner, der fast alles richtig macht, zu jedem Anlass passt, keinem wehtut und in seinen Qualitäten ein Niveau erreicht hat, das kaum noch zu toppen ist. Umso mehr fallen die kleinen, aber ärgerlichen Schwächen auf. Trotzdem ist es jammerschade, dass es die letzte Generation dieses Erfolgstyps sein soll.

 

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Autor: Christopher Otto