Es gibt Autoveranstaltungen. Und dann gibt es die Monterey Car Week. Eine Woche lang verwandelt sich die kalifornische Halbinsel in den vermutlich außergewöhnlichsten Treffpunkt der automobilen Welt. Wir waren 2026 mittendrin und haben schnell verstanden, warum diese Woche unter Autofans einen fast legendären Ruf genießt.
Schon am ersten Morgen wird klar, dass hier andere Maßstäbe gelten. Während über der Monterey Bay feiner Nieselregen hängt und dichter Nebel die Küste einhüllt, rollen auf den Straßen Ferrari F40, McLaren F1, Koenigsegg und seltenste Porsche durch den ganz normalen Berufsverkehr. Spätestens jetzt weiß jeder Besucher, dass die eigentliche Autoshow längst begonnen hat.
Die Monterey Bay hat ihr ganz eigenes Klima. Fast jeden Morgen beginnt grau und kühl. Erst am frühen Nachmittag kämpft sich die Sonne durch die Wolkendecke. Mit dem typischen Kalifornien-Bild hat das wenig gemeinsam. Zur Atmosphäre passt es dagegen erstaunlich gut.
Die eigentliche Autoshow findet draußen statt
Wer zum ersten Mal hier ist, macht anfangs einen entscheidenden Fehler. Man hetzt von Veranstaltung zu Veranstaltung und versucht möglichst viel mitzunehmen. Nach kurzer Zeit merken wir, dass man sich damit einen großen Teil des Erlebnisses entgehen lässt.
Denn die Car Week spielt sich nicht nur hinter Zäunen oder auf Golfplätzen ab. Sie passiert überall. Vor Hotels. An Tankstellen. Auf Supermarktparkplätzen. An jeder Kreuzung. Selbst ein kurzer Spaziergang zum Kaffee entwickelt sich plötzlich zur kleinen Autoshow.
An vielen Straßen sitzen Besucher auf Campingstühlen. Manche haben Teleobjektive aufgebaut, andere filmen einfach mit dem Smartphone. Sobald irgendwo das Geräusch eines Zwölfzylinders auftaucht, richten sich dutzende Kameras gleichzeitig auf die Straße. Wenige Sekunden später fährt vielleicht ein Ferrari F40 vorbei. Oder ein Porsche Carrera GT. Oder ein Prototyp, den man erst Stunden später auf einer Herstellerbühne offiziell präsentiert bekommt.
Genau diese Momente machen Monterey einzigartig. Was auf anderen Veranstaltungen hinter Absperrungen steht, fährt hier einfach am Straßenrand vorbei. Und oft wirkt selbst der Hotelparkplatz spektakulärer als komplette Automessen.
Der sympathische Gegenentwurf heißt Concours dLemons
Die Car Week beginnt ganz bewusst nicht mit Millionenschätzen, sondern mit einem Augenzwinkern. Der Concours dLemons in Seaside versteht sich als Gegenentwurf zum Perfektionismus der übrigen Woche.
Hier werden keine makellos restaurierten Klassiker gefeiert. Stattdessen stehen Autos auf dem Rasen, die schon ab Werk keine Schönheitspreise gewonnen hätten. Andere wurden von ihren Besitzern mit bemerkenswerter Kreativität verschönert oder vielmehr verschlimmbessert. Echte Zitronen also, auf englisch "Lemons". (Seitens der Macher zudem ein Wortspiel mit Le Mans.)
Das Ergebnis reicht von herrlich skurril bis völlig absurd. Trotzdem steckt hinter vielen Fahrzeugen erstaunlich viel Liebe zum Detail. Gerade deshalb macht der Concours dLemons so viel Spaß. Niemand nimmt sich hier wichtiger als nötig und genau das tut der Car Week gut.
Deutsche Autokultur mitten in Kalifornien
Ein paar Kilometer weiter schlägt Legends of the Autobahn einen völlig anderen Ton an. Organisiert von den amerikanischen Markenclubs für Audi, BMW und Mercedes fühlt sich das Treffen eher wie ein riesiges Clubfestival an als wie ein klassischer Concours.
Zwischen perfekt gepflegten Youngtimern, seltenen Sondermodellen und aufwendig umgebauten Fahrzeugen kommt man schnell mit Besitzern ins Gespräch. Hier wird nicht nur präsentiert, sondern gefachsimpelt. Wer wissen möchte, wie groß die Begeisterung für deutsche Automobile in den USA tatsächlich ist, findet hier die Antwort.
Die Atmosphäre bleibt angenehm entspannt. Niemand scheint es eilig zu haben. Man schlendert über den Golfplatz, schaut unter Motorhauben und entdeckt immer wieder Details, die selbst eingefleischten Markenfans neu sind. Gerade diese Bodenständigkeit macht Legends of the Autobahn zu einem der sympathischsten Termine der gesamten Woche.
Willkommen bei The Quail
Dann folgt der Moment, an dem Monterey endgültig in eine andere Welt abbiegt. The Quail, A Motorsports Gathering gehört längst zu den exklusivsten Veranstaltungen der gesamten Autoszene.
Schon der Eintrittspreis von rund 1.500 Dollar sortiert das Publikum. Dafür bekommt man allerdings deutlich mehr als nur Zugang zum Gelände. Champagner, Austern, Kaviar und erstklassiges Catering gehören genauso selbstverständlich dazu wie perfekt gepflegte Fairways und eine Organisation, die kaum Wünsche offenlässt.
Natürlich wirkt das alles stellenweise ziemlich dekadent. Zwischen Luxusuhren, Designerkleidung und Prominenten verliert man manchmal fast die Autos aus dem Blick. Gleichzeitig muss man anerkennen, wie perfekt diese Veranstaltung inszeniert ist. Der Golfplatz bietet eine traumhafte Kulisse und jeder Hersteller versucht, seinen Auftritt noch etwas spektakulärer zu gestalten als der Nachbar.
Die wichtigste Premierenbühne des Jahres
Längst ist The Quail mehr als nur eine exklusive Autoshow. Für viele Hersteller ist die Veranstaltung zur wichtigsten Bühne für Weltpremieren geworden.
2026 reiht sich eine Neuheit an die nächste. Lamborghini enthüllt den Revuelto SV, Bugatti bringt den spektakulären Destrier mit, Cadillac zeigt das kompromisslose V One Concept und Acura präsentiert den Nexera Vision. Porsche ist mit dem neuen Flachbau dabei. Dazwischen wechseln sich Pressekonferenzen, Interviews und Präsentationen beinahe ohne Pause ab.
Bilder von: Motor1.com Deutschland
Wer versucht, jede Enthüllung mitzunehmen, scheitert zwangsläufig. Kaum hat sich eine Menschentraube aufgelöst, bildet sich wenige Meter weiter bereits die nächste.
Restomods stehlen den Supersportwagen die Show
Mindestens genauso spannend wie die offiziellen Premieren ist allerdings ein anderer Trend. Restomods entwickeln sich endgültig zum neuen Luxussegment.
Singer gehört inzwischen fast zum Pflichtprogramm. Noch mehr Aufmerksamkeit ziehen allerdings Gunther Werks, Ruf oder Totem auf sich. Ihre Fahrzeuge zeigen eindrucksvoll, wie weit sich das Thema inzwischen entwickelt hat.
Bilder von: Motor1.com Deutschland
Der Gunther Werks GXR Evo verbindet die klassische Form des Porsche 993 mit modernster Technik und einer nahezu vollständig neuen Carbonkarosserie. Ruf geht mit dem Ehra sogar noch weiter und entwickelt praktisch ein komplett eigenes Fahrzeug, das nur noch optisch an einen klassischen Elfer erinnert.
Totem verfolgt bei seinen Alfa Romeo Neuinterpretationen einen ähnlichen Ansatz. Vom ursprünglichen Auto bleibt teilweise kaum mehr als die Grundidee erhalten. Trotzdem erkennt man sofort den Charakter des Originals. Genau diese Verbindung aus Tradition und Hightech scheint derzeit den Nerv vieler Sammler zu treffen.
Und plötzlich stehen dutzende Ferrari F40 vor einem
Zwischen all den Premieren gibt es Momente, in denen selbst erfahrene Autofans einfach stehen bleiben. Einer davon ist die große Ferrari F40 Schau. Eine solche Zahl perfekt erhaltener F40 an einem Ort zu sehen, wirkt beinahe surreal. Dazu kommen historische Lamborghini Diablo, japanische GT Legenden und zahlreiche weitere Sonderausstellungen.
Genau das macht The Quail so besonders. Links wird gerade ein neues Hypercar enthüllt, während sich rechts die größere Menschentraube um einen 40 Jahre alten Ferrari bildet. Nicht immer gewinnt das Neueste die meiste Aufmerksamkeit.
Pebble Beach bleibt die Krönung
Den Abschluss bildet traditionell der Pebble Beach Concours dElegance. Noch eleganter. Noch traditionsreicher. Und in seiner Bedeutung für die Oldtimerszene praktisch konkurrenzlos.
221 außergewöhnliche Automobile stellen sich 2026 der Jury. Viele davon gelten als die besten erhaltenen Exemplare ihrer Baureihe. Andere erzählen Geschichten aus den Anfangsjahren des Motorsports oder gehörten berühmten Persönlichkeiten.
Rund 20.000 Besucher sollen den Concours besuchen. Nach unseren Eindrücken wirkt diese Zahl keineswegs übertrieben. Schon früh am Morgen füllen sich die Wege rund um das berühmte 18. Fairway.
Vergangenheit und Zukunft teilen sich denselben Rasen
Während auf dem Concours historische Meisterwerke um Auszeichnungen kämpfen, zeigt der Concept Lawn die automobile Zukunft.
BMW bringt das Vision BMW Alpina Coupé und das M Concept Neue Klasse nach Kalifornien. Bugatti präsentiert den Destrier. Cadillac zeigt erneut das V One Concept. Acura, Bentley und zahlreiche weitere Hersteller nutzen die Bühne für Studien und exklusive Einzelstücke.
Besonders im Gedächtnis bleibt uns der Vision BMW Alpina. Zwischen all den aggressiv gezeichneten Hypercars wirkt seine elegante Linienführung fast schon zurückhaltend. Gerade deshalb zieht das große Coupé ständig Besucher an.
Daneben präsentiert AMG seinen neuen viertürigen GT in einem grellen Neongelb. Eigentlich ein Auto, das Aufmerksamkeit garantiert. Dummerweise steht direkt davor das elegante Alpina Coupé. Der Kontrast könnte kaum größer sein. Uns zieht es jedenfalls immer wieder zum deutlich harmonischer gezeichneten BMW.
Ferrari baut seine eigene kleine Welt
Beeindruckend fällt auch Ferraris Auftritt aus. Rund 65 historische Fahrzeuge stehen auf dem First Fairway. Hinzu kommen moderne Supersportwagen, Einzelstücke und Prototypen. Allein diese Sammlung würde andernorts eine komplette Veranstaltung tragen.
Am Ende gewinnt allerdings ein Duesenberg SSJ Special Speedster von 1935 den Titel Best of Show. Vorbesitzer: Hollywood-Legende Clark Gable. Auch das passt perfekt zu Pebble Beach. Hier entscheidet nicht die höchste Leistung oder der spektakulärste Heckflügel, sondern automobile Geschichte.
Eine Woche, die man erlebt haben muss
Monterey ist teuer. Hotels kosten während der Car Week ein kleines Vermögen. Restaurants und Eintrittskarten ebenfalls. Wer mehrere Veranstaltungen besucht, merkt das schnell im Reisebudget.
Trotzdem würden wir jedem Autofan empfehlen, diese Reise wenigstens einmal im Leben zu machen. Nicht wegen eines einzelnen Ferrari, Porsche oder Bugatti. Nicht wegen Champagner oder Kaviar. Sondern weil sich nirgendwo sonst die komplette Automobilwelt so selbstverständlich begegnet.
Am Ende bleiben vor allem die kleinen Momente in Erinnerung. Die Menschen auf ihren Campingstühlen. Das Warten auf den nächsten seltenen Sportwagen. Der Hotelparkplatz, der spektakulärer aussieht als mancher Messestand. Und das Gefühl, dass hinter der nächsten Kurve jederzeit etwas auftauchen kann, das man vermutlich nie wieder zu Gesicht bekommt.








