Wenn Ferrari als Maßstab in der Welt der Supersportwagen gilt, dann steht Rolls-Royce seit Jahrzehnten wie keine andere Marke für automobile Luxusklasse. Diese Position wurde über viele Jahre durch konsequente Markenführung aufgebaut und vor allem mit großer Kontinuität gehalten. Beide Marken konnten ihre Rolle trotz Wirtschaftskrisen, Pandemien, politischer Turbulenzen, neuer Technologien und der wachsenden Konkurrenz chinesischer Automobilhersteller behaupten.
Der Fall Rolls-Royce ist dabei besonders interessant. Nach der Übernahme durch BMW im Jahr 2003 stärkte die britische Marke ihre Stellung im Luxussegment weiter - auch dank der größeren Ressourcen, die der deutsche Konzern bereitstellen konnte.
Fünf Jahre zuvor, 1998, war der frühere Partner Bentley vom Volkswagen-Konzern übernommen worden. Auch diese Transaktion ermöglichte es der traditionsreichen britischen Marke, sich weltweit als echter Luxusautohersteller zu etablieren. Doch was ist seitdem passiert?
Keine direkten Rivalen mehr
Einer der Faktoren, die die Zukunft beider Marken besonders stark geprägt haben, ist die Tatsache, dass Rolls-Royce und Bentley aufgehört haben, wirklich direkte Konkurrenten zu sein. Zwar gelten beide als Luxusmarken, und einige ihrer Modelle bewegen sich in ähnlichen Segmenten. Doch Rolls-Royce positioniert sich bei Exklusivität und Preisen eine Stufe darüber. Modelle wie der Cullinan und der Phantom bestätigen das eindrucksvoll.
Auch deshalb unterscheiden sich ihre Verkaufszahlen so deutlich. Im Jahr 2003 verkaufte Bentley weltweit 1.017 Fahrzeuge - etwa 3,4-mal so viele wie Rolls-Royce. Damals war die Welt der Ultra-Luxusautos noch eine Nische für sehr wenige Kunden, vor allem in Europa, und konzentrierte sich hauptsächlich auf große Limousinen. Beide Marken begannen jedoch schnell zu wachsen, als sie den US-Markt stärker in den Fokus nahmen.
Foto: Rolls-Royce
2007 stellten beide neue Rekorde auf: Rolls-Royce überschritt die Marke von 1.000 Fahrzeugen, Bentley jene von 10.000 Einheiten. Am Ende dieses Jahrzehnts hatten beide Hersteller ihre Volumina deutlich gesteigert. 2010 lagen die weltweiten Verkäufe von Rolls-Royce fast neunmal höher als 2003. Bentley hatte im gleichen Zeitraum ein Volumen erreicht, das etwa fünfmal so groß war.
Im Jahr 2011, nach der Finanzkrise in den USA, schloss Bentley das Jahr mit 7.003 weltweit verkauften Fahrzeugen ab. Rolls-Royce konnte in diesem Jahr 3.538 Autos absetzen, also knapp die Hälfte.
In den folgenden Jahren setzte sich das Wachstum fort, vor allem dank erschwinglicherer Modelle wie dem Bentley Continental und dem Rolls-Royce Ghost. Gleichzeitig begann sich der Abstand zwischen den beiden Marken zu verringern. 2019, kurz vor der Pandemie, wurden auf jeden Rolls-Royce 2,3 Bentley verkauft. Beide Marken beendeten das Jahr mit einem neuen Absatzrekord.
Im vergangenen Jahr fiel dieses Verhältnis dagegen auf ein historisches Tief: nur noch 1,8 Bentley pro Rolls-Royce. Anders gesagt: In den vergangenen zehn Jahren ist Rolls-Royce schneller gewachsen als der Wettbewerber - vor allem getrieben durch die Einführung des Cullinan und, in geringerem Maße, des Spectre, des ersten vollelektrischen Modells der Marke.
Bentley hingegen muss sich heute mit den Schwierigkeiten und zahlreichen Herausforderungen auseinandersetzen, die den Volkswagen-Konzern betreffen, zu dem die Marke nach wie vor gehört.
Der Autor des Artikels, Felipe Munoz, ist erfahrener Analyst der Automobilindustrie und Content Creator von Car Industry Analysis in den sozialen Medien.








