Nur 2,28 Meter lang, aber bis zu 149 km Reichweite und bis 85 km/h Höchstgeschwindigkeit: Das ist der Silence S04, den Nissan ab sofort in Deutschland anbietet. Wir haben das Wägelchen im Süden von Köln getestet.
Der Silence S04 ist ein Elektro-Leichtfahrzeug wie der Microlino, der Opel Rocks Electric oder der Ari 902. Nissan hat die Exklusivrechte für den Vertrieb in Deutschland, doch produziert wird das Wägelchen vom spanischen Infrastruktur-Konzern Acciona, dem die Marke Silence gehört. Neben dem vierrädrigen S04 bietet Silence auch die Elektro-Zweiräder S01+, S01 und S02 an. Diese sollen ebenfalls von Nissan vertrieben werden, doch das soll offenbar erst zur Motorradmesse EICMA verkündet werden, die am 7. November beginnt.
| Schnelle Daten | Silence S04 L7e 14 kW |
| Antrieb | 2 Elektro-Radnabenmotoren hinten |
| Systemleistung / Drehmoment | 14 kW (19 kW Peak) / k.A. |
| 0-50 km/h / Höchstgeschwindigkeit | <7 Sek. / 85 km/h |
| Energiespeicher | 2 Akkus à 5,6 kWh (entnehmbar) |
| WMTC-Reichweite | 149 km |
| Aufladen | mit 0,6 kW in 7-9 Stunden |
| Länge / Breite / Höhe | 2,28 m / 1,27 m / 1,57 m |
| Kofferraum | 247 Liter |
| Preis | 16.745 Euro |
Exterieur | Antrieb und Akku | Interieur | Fahreindrücke | Preise | Fazit
Exterieur
Der vom spanischen Hersteller auch Nanocar genannte Winzling ist wie erwähnt nur 2,28 Meter lang, aber stattliche 1,57 Meter hoch. Damit wirkt er neben einem Opel Astra wie ein Riese, neben dem Hinterrad eines Traktors aber wie ein Zwerg.

Wegen der geringen Breite von nur 1,28 m ist der Silence S04 höher als breit, was der Autofahrerin oder dem Autofahrer von vornherein ein mulmiges Gefühl gibt. Als ich das Ding an der Nissan-Zentrale in Wesseling bei Köln zum ersten Mal live sehe, rüttele ich denn auch mal am Dach, um zu sehen, wie stabil das Nanocar auf den Rädern steht. Er lässt sich leicht bewegen, schwankt aber nicht zu sehr. Also Entwarnung.
Der S04 hat nur einen Scheinwerfer in der Mitte wie ein Motorrad. Dazu kommen links und rechts davon aber noch winkelförmige LED-Tagfahrlichter, die an Opel erinnern. Optisch wirkt der Wagen ein wenig wie eine Albino-Kampfwespe: Er kommt stets in Schwarz und Weiß daher, und die entsprechenden Teile wirken segmentartig, wie bei einem Insekt. Basis ist eine Gitterrahmenstruktur. Die Türen sind aus Metall, das meiste andere aber aus Kunststoff. Alles in allem kommt der Wagen auf 435 Kilo ohne Batterien oder 517 Kilo mit zwei Akkus.
Antrieb und Akku
Die Batterien werden nach dem Öffnen der Türen links und rechts unter den Sitzen in die Karosserie geschoben. Meine Testversion L7e 14 kW kommt mit zwei Batterien daher, beide Batterieplätze sind also belegt. Klopft man gegen den LED-Ring am Akku, dann erscheinen Segmente, die einem den Ladestand verraten. Komplett aufgeladen, speichert jeder Akku 5,6 kWh; zwei davon sorgen für eine Reichweite von rund 150 km im Motorradzyklus WMTC.

Die Batterien lassen sich entnehmen und können so zu Hause aufgeladen oder an einer Tauschstation gewechselt werden. Letztere soll es "perspektivisch" bei Tankstellen und dergleichen geben. Das ist die schnelle Möglichkeit, den Silence S04 wieder fahrbereit zu machen. Die langsame ist das Aufladen. Und jetzt halten Sie sich fest: Der Wagen wird nicht über eine Typ-2-Steckdose aufgeladen, sondern über einen geradezu winzigen US-Stromanschluss mit drei Polen, den Sie vielleicht vom PC oder Drucker her kennen.

Aufgeladen wird nur mit 600 Watt, also 0,6 kW. Das dauert selbst bei schmalen 5,6 kWh Speicherkapazität sieben bis neun Stunden. Wohlgemerkt, pro Akku. Aber gut, die meisten Menschen brauchen auch etwa acht Stunden Schlaf täglich. Außerdem: Die Reichweite von 149 km ist für die Stadt üppig. Ich zum Beispiel müsste damit nur einmal pro Woche laden, wenn ich jeden Tag in die Redaktion müsste, die 15 km einfach von meiner Wohnung entfernt liegt.
Die 41 Kilo schweren Akkus kann ich als Schreibtischarbeiter nicht heben, aber Gott sei Dank kann man sie mit einem kleinen Wägelchen herumziehen. Zum Aufladen müsste ich sie entweder eine kleine Stufe zur Haustür heraufziehen oder drei Türen nacheinander passieren. Dann ginge es in den Aufzug hoch in den sechsten Stock. Dort würde ich das Ding anschließen, und den zweiten Akku holen. Und das alles jede Woche. Aber vielleicht ist die Lage bei Ihnen ja günstiger. Einfacher ginge es sicher mit einer Batteriewechselstation.

Der Akku arbeitet mit 51 Volt; man soll ihn künftig auch als Powerbank nutzen können, wozu allerdings noch ein Inverter nötig ist, weil der Akku natürlich Gleichspannung liefert. Den Wechselrichter will Nissan künftig ebenfalls offerieren. Der maximale Entladestrom liegt laut Datenblatt bei 280 Ampere; bei 51 Volt macht das 14,3 kW - das müsste auch für den Elektrogrill reichen.
Und im Winter? Man kann das Wägelchen bis minus 20 Grad draußen stehen lassen, aber Minusgrade schaden jedem Akku. Besser also, man nimmt die Batterien bei extremer Kälte mit ins Haus. Ansonsten schützt sich die Batterie auch selbst, mithilfe einer elektrischen Heizung.

Wie der Ladeanschluss verblüffte mich auch der Antrieb: Das Wägelchen hat Radnabenmotoren! Das ist der Grund dafür, dass die Hinterräder so seltsam aussehen. Die gefahrene Version bietet eine Systemleistung von 14 kW und eine Peakleistung von 19 kW. Damit sind bis zu 85 km/h möglich. Wie sich das fährt, lesen Sie im übernächsten Abschnitt. Zunächst steigen wir ein und sehen uns das Cockpit an.
Interieur
Ins Innere kommt man wegen der üppigen Höhe von 1,57 Metern sehr leicht. Drinnen gibt es zwei spartanisch aussehende Sitze, die wegen der geringen Breite das Wägelchens versetzt eingebaut sind: Die Person am Steuer sitzt zwei Handbreit weiter vorne als die Person auf dem Beifahrersitz. Mit einem Kollegen probierte ich die doppelte Besetzung aus: Im Stand kein Problem, aber wenn ich als Steuermann das Lenkrad in der Kurve nach rechts drehen würde, stieße ich dem Kollegen wohl den Ellenbogen gegen das Brustbein.

Die Sitze lassen sich längs verschieben, der Beifahrer kann sich also auch weiter nach hinten bugsieren. Zumindest beim Fahrersitz lässt sich auch die Lehnenneigung einstellen. Das ist auch die einzige Methode, die richtige Sitzposition zu finden, denn weder das Lenkrad noch die Sitzhöhe lässt sich justieren. Zum Lenken finde ich rasch eine gute Position, aber ich sitze sehr hoch im Fahrzeug und gucke auf den obersten Teil der Frontscheibe. Wer länger ist als 1,76 m wie ich, sollte probesitzen.

Ich gucke auf ein ziemlich großes Fahrerdisplay, auf dem der Ladestand zu sehen ist (in zwei Grafiken für die zwei Akkus), dazu die Restreichweite und das gefahrene Tempo. Außerdem gibt es noch eine Handyhalterung vor dem Beifahrersitz mitsamt drei Kabeln zum Anschließen; ich stöpsele mein Handy über den USB-C-Kabel an. Wer noch ein USB-A-Kabel hat, nutzt einen der beiden Anschlüsse daneben.

In den Türen gibt es Knöpfe für die elektrischen Fensterheber wie bei den normalen, großen Elektroautos. Auch die großen Außenspiegel lassen sich per Knopf einstellen. Der Innenspiegel fällt sehr klein aus, doch dafür stört er nicht beim Blick nach vorne, und der Blick durch die Heckscheibe wird nicht eingeschränkt, offenbar ist er leicht konkav geformt. Die Rundumsicht ist dank der großen Fensterflächen sehr gut.

Hinter den beiden Sitzen gibt es ein 247 Liter großes Stauabteil. Es ist allerdings nicht sehr praktisch geformt. Obwohl sich die Sitze längs verschieben lassen, wird ein ganzer Bierkasten hier wohl nicht hineinpassen. Die Pressesprecherin riet mir mit vielsagendem Lächeln, stattdessen doch lieber nur einen halben Kasten zu kaufen. Alle, deren Biermarke nicht in halben Kästen angeboten wird, nehmen eben keine zweite Person zum Einkauf mit und stellen den Kasten in den Beifahrer-Fußraum. Längere Dinge lassen sich transportieren, wenn man den Beifahrersitz-Lehne umklappt.

Ent- und verriegelt wird der Silence S04 entweder per konventionellem Schlüssel oder per App. Ein Zündschloss oder einen Startknopf hat der Wagen nicht. Wenn man die App nutzt, kann man gleich losfahren, wer den Schlüssel verwendet, muss zuvor noch einen zuvor festgelegten Geheimcode eingeben. Dafür werden die Tasten rechts am Armaturenbrett genutzt, mit denen man normalerweise die Klimaanlage, die Warnblinkanlage, den Parkmodus und dergleichen mehr aktiviert. Dann nur noch anschnallen, den Fahrmodus-Hebel rechts am Lenkrad auf "D" gedreht, und wir sind fahrbereit, es kann losgehen.

Fahreindrücke
Mit den acht Testfahrzeugen von Nissan, die teils noch spanische Nummernschilder hatten, teils erst tags zuvor eine deutsche Zulassung erhalten hatten, fuhren acht Journalisten vom Drachenfels bei Bonn zur Nissan-Zentrale in Wesseling. Schon auf den ersten Metern merke ich, dass das Ding nicht sehr komfortabel gefedert ist. Später werde ich feststellen, dass das Auto an den Hinterrädern Schraubenfedern hat, aber man spürt es kaum.

Außerdem hat das Wägelchen weder Servolenkung noch Bremskraftunterstützung. Ersteres lässt sich wegen des niedrigen Fahrzeuggewichts und des großen Lenkrads verschmerzen, aber die fehlende Servobremse macht sich bei der Bergabfahrt vom Drachenfels doch bemerkbar - ich muss ganz schön reintreten, um die Fuhre abzubremsen. Aber an die Fußarbeit gewöhnt man sich wohl. Man muss nur aufpassen, wenn man Elektroautos der Mittelklasse gewöhnt ist, denn Antikollisionssystem, ABS, ESP und dergleichen mehr gibt es bei meinem Nanocar natürlich nicht. Auch keine Airbags übrigens, man fährt also lieber defensiv und vorausschauend.
Auf den normal befahrenen Straßen in der Kölner Umgebung kann ich gut mithalten, ein Verkehrshindernis bin ich keineswegs, muss mich sogar sogar etwas zurückhalten. Der Wagen wirkt wirklich flott, es macht Spaß, den Silence S04 zu fahren. Auch auf der Schnellstraße mit Tempolimit 80 komme ich bestens zurecht. Und entgegen meiner Befürchtung rappelt und klappert nichts in dem Winzling, er trägt den Markennamen Silence also zurecht.
Um die Höchstgeschwindigkeit von 85 km/h zu erreichen, muss man den Sport- oder City-Modus aktivieren, denn im Eco-Modus wird das Vehikel bei 60 km/h abgeregelt. Dazu drehe ich den Fahrmodushebel weiter nach oben. Wechselt man vom City- zum Sportmodus, tut das Auto gleich einen Satz: Die Beschleunigung ist dann deutlich stärker, allerdings sinkt auch die angezeigte Restreichweite.

Die erste ernst zu nehmende Kurve ist die Abfahrt von der Schnellstraße. 60 km/h sind erlaubt, aber ich bleibe deutlich drunter, denke daran, wie hoch das Auto ist, und dass kein ESP an Bord ist. Die Sitze bieten keinerlei Seitenhalt, ich stütze meine Schulter links an der B-Säule ab. Gut, dass es keine Linkskurve ist. Kurvenwedeln ist nicht die richtige Disziplin für dieses Auto, da helfen auch die schweren Akkus im Bauch nicht.
Im großzügig verglasten S04 wird es durch die Sonneneinstrahlung selbst bei kühler Witterung schnell unangenehm warm. Die serienmäßig Klimaanlage pustet mir anfangs nur warme Luft ins Gesicht. Nach ein paar Minuten wird es aber wirklich angenehm kühl und ich schalte sie wieder ab. Nach einer Viertelstunde müsste ich sie dann wieder aktivieren, aber ich öffne lieber das Fenster einen Spalt.
Navigiert habe ich auf der Fahrt per Handy; Google Maps ist ein immer verlässlicher Partner. Das klappt gut. Nur wenn ich das Handy zu anderen Zwecken brauchte, zum Fotografieren oder zum Telefonieren, musste ich es jedes Mal abstöpseln und danach wieder anstöpseln. Wer will, kann das Handy auch per Bluetooth mit dem Nanocar koppeln und dann Musik streamen.
Preise und Konkurrenten
Die gefahrene Version L7e 14 kW kostet bei Nissan 16.745 Euro. Wer nach Silence S04 googelt, findet auch einen Konfigurator des Herstellers mit anderen Preisen. Bei Nissan heißt es dazu, man habe den Alleinvertrieb in Deutschland, wahrscheinlich werde Silence deutsche Bestellungen an Nissan weiterleiten. Die Händler bestellen die Fahrzeuge über Nissan. Dort kann man sich den S04 auch ansehen; Wartung und Reparatur werden ebenfalls vom Nissan-Partner übernommen. Derzeit gibt es das Fahrzeug bei etwa 20 Händlern in Deutschland, nächstes Jahr sollen es etwa 30 sein.
Knapp 17.000 Euro kostet unser Silence S04 also. Viel Geld für ein Elektro-Kleinstfahrzeug. Für den gleichen Betrag bekommt man auch schon einen Dacia Spring mit deutlich mehr Komfort, 225 km Reichweite und über 1.004 Liter Kofferraum. Wer viel transportieren möchte oder kaputte Bandscheiben hat, für den ist der rumänische Billigheimer die bessere Option. Allerdings kann man den nicht so leicht parken - den S04 darf man laut Nissan sogar quer am Straßenrand abstellen.
Das Design des Nanocar ist durchaus okay, aber eine so nette Retro-Optik wie ein Microlino bietet er nicht. Der ist mit 2,52 Meter sogar noch kleiner, bietet aber mit 230 Liter ähnlich viel Kofferraum. Der Zustieg ist beim Nanocar konventioneller als beim Microlino mit seiner vorne angeschlagenen Kühlschranktür, aber wohl praktischer. Der Microlino kommt mit maximal 230 km weiter als der S04. zudem soll der Akku schon nach 3 bis vier Stunden wieder zu 80 Prozent voll sein. Die vergleichbare 90-km/h-Version mit 93 km Reichweite gibt es allerdings erst ab 19.490 Euro, mit 177 km Reichweite zahlt man noch 2.000 Euro mehr.

Fazit
Geringe Abmessungen sind in engen Gassen echter Luxus, wie ich kürzlich erst wieder bei einer Testfahrt mit einem Mittelklasseauto feststellte. Auch die geringe Breite des Silence S04 ist ein Vorteil. Eine halbe Fahrspur ist von Linksabbiegern, Falschparkern oder einem haltenden Stadtbus belegt? Kein Problem, mit dem S04 kommt man fast überall durch. In der Stadt ist so ein Winzling ein Segen. Und dank 85 km/h Höchstgeschwindigkeit ist man auch im Speckgürtel darum herum kein Verkehrshindernis. Der Fahrspaß kommt ebenfalls nicht zu kurz. Zudem ist das Geräuschniveau für ein Leichtfahrzeug gut, die Bedienung einfach.
Für längere Fahrten aber ist der Silence S04 wirklich zu unkomfortabel; Leuten mit Rückenproblemen raten wir ebenso ab. Ob der Silence zu einem passt, hängt auch von den Lademöglichkeiten ab. Wenn Sie eine Garage mit Stromanschluss haben, dann nur zu; aber wenn sie im sechsten Stock ohne Aufzug wohnen, dann auf keinen Fall.
Gut geeignet ist das Wägelchen wohl als Zweitwagen zum Einkaufen oder als Elterntaxi, wenn es bei einem Kind geblieben ist. Später kann der Nachwuchs selbst das Nanocar fahren, denn die 45-km/h-Versionen darf man schon ab 15 Jahren mit Führerschein der Klasse AM bewegen. Im Hinterkopf haben sollte man aber stets, dass das Wägelchen zwar sicherer ist als ein Lastenrad oder ein Roller, aber nicht so unfallvermeidend und crashresistent wie ein richtiges Auto.








