Unter der Haube gab es bis zu 6,3 Liter Hubraum
Die 1960er-Jahre sind eine Ära des Aufbruchs. In Mode, Architektur und Automobilbau setzt sich eine moderne, reduzierte Formensprache durch - klare Linien, schlichte Funktionalität, bewusste Abkehr vom Überladenen. Genau in diese Zeit fällt der Auftritt der neuen Mercedes-Benz Oberklasse: 1965 debütiert die Baureihe 108 mit den Typen 250 S, 250 SE und 300 SE auf der IAA in Frankfurt.
Im selben Jahr ergänzt der 300 SEL mit langem Radstand und Luftfederung das Programm. Er firmiert unter der eigenständigen Baureihe 109. Beide Modellreihen sind heute längst als Klassiker etabliert - und gelten als direkte Vorläufer der späteren S-Klasse.
Das Design trägt die Handschrift von Paul Bracq. Flache Dachlinie, klare Silhouette, große Glasflächen - die Baureihen 108/109 verbinden Eleganz mit Funktionalität. Man will sich bewusst von den Heckflossen-Vorgängern emanzipieren, zugleich aber eine gewisse Kontinuität bewahren. Bracq setzt auf horizontale Linien und ausgewogene Proportionen, der Kühlergrill erhält ein fast quadratisches Format.
Die Resonanz ist groß: Mit großzügigem Platzangebot, hellem Innenraum und hohem Fahrkomfort entwickeln sich die Limousinen zu den meistverkauften Oberklassefahrzeugen ihrer Zeit. In die Karten spielt Mercedes dabei auch Opel: Bislang mit dem Kapitän erfolgreich, gerät die neue KAD-Reihe ab 1964 zu amerikanisch und ausladend, sie fährt am Kundengeschmack vorbei. Ab 1972 übernimmt die Baureihe 116 die Nachfolge des Mercedes W 108/109 - und trägt erstmals offiziell den Namen "S-Klasse".
Serienmäßig verfügen alle Fahrzeuge über Scheibenbremsen an allen Rädern und einen Bremskraftbegrenzer an der Hinterachse. Eine hydropneumatische Ausgleichsfeder sorgt für konstante Fahreigenschaften bei hoher Beladung. Zunächst werden Sechszylindermotoren angeboten, bei den Einspritzversionen übernimmt eine aufwendige Sechsstempelpumpe die Kraftstoffversorgung.
1969 folgt der nächste Schritt: der 300 SEL 3.5 mit dem neuen V8-Motor M 116, 3,5 Liter Hubraum und elektronischer Bosch-D-Jetronic. Für Exportmärkte wie die USA gibt es den Schwestermotor M 117 mit 4,5 Litern Hubraum. Damit beginnt bei Mercedes der großserielle Einsatz von V8-Motoren.
Bereits 1968 setzt Mercedes ein Ausrufezeichen: Der 300 SEL 6.3 erhält den V8-Motor aus dem Repräsentationsmodell 600. 6,3 Liter Hubraum, Fahrleistungen auf Sportwagenniveau - und Oberklassekomfort. Das Fahrzeug gilt als Wegbereiter späterer Hochleistungslimousinen. 6.526 Exemplare entstehen.
Von 1965 bis 1972 laufen mehr als 382.000 Fahrzeuge der Baureihen 108/109 vom Band. Für das Oberklassesegment ist das ein außergewöhnlich hoher Wert und unterstreicht den Markterfolg.
Auch im Klassikermarkt sind die Modelle gefragt. Ein 280 SE 3.5 in Zustand 2 liegt heute über 30.000 Euro. Das Spitzenmodell 300 SEL 6.3 spielt preislich in einer eigenen Liga: Topfahrzeuge erzielen regelmäßig mehr als 90.000 Euro.
Viele Fahrzeuge dieser Generation sind noch heute auf den Straßen unterwegs. Möglich macht das die Versorgung durch Mercedes-Benz Classic. Rund 2.100 Original-Teile sind verfügbar - von Motorenkomponenten wie Zylinderköpfen, Nockenwellen und Kolben bis hin zu Kurbelwellenlagern und Ölpumpen. Auch Windschutzscheiben sind wieder erhältlich, in drei Varianten:
Damit bleiben die Oberklasse-Limousinen der 1960er-Jahre nicht nur fahrbereit, sondern auch authentisch - und sichern sich so ihren Platz als geschätzte Klassiker der Marke.