BMW M3, Motorsport und Elektro: M-CEO Frank van Meel im Interview

Das M Concept Neue Klasse trifft in Monterey auf vier Jahrzehnte M3-Geschichte und wir sprechen mit M-Chef Frank van Meel

Motor1.com Deutschland: Auto-Tests, Auto-News und Analysen

Preisangaben, die eventuell im Artikel vorkommen, beziehen sich i.d.R. auf Deutschland.

Monterey ist jedes Jahr ein Treffpunkt für die teuersten Klassiker der Welt. Doch zwischen Concours, Auktionen und historischen Rennwagen geht der Blick diesmal vor allem nach vorn. BMW M nutzt die Car Week, um das neue M Concept Neue Klasse erstmals in Nordamerika zu präsentieren und gleichzeitig den 40. Geburtstag des M3 zu feiern. Ein passender Ort, denn Vergangenheit und Zukunft liegen hier oft nur wenige Meter auseinander. 

Nach der Weltpremiere beim 24 Stunden Rennen von Le Mans reiste das M Concept Neue Klasse nach Kalifornien zur Monterey Car Week. BMW zeigte die Studie im House of M, anschließend auf dem Concept Lawn in Pebble Beach, bei The Quail sowie im Rahmen der Rolex Monterey Motorsports Reunion in Laguna Seca. Kaum ein anderer Hersteller verband seine Neuheiten in diesem Jahr so eng mit Design, Motorsport und Markengeschichte. 

BMW auf der Monterey Car Week 2026 BMW auf der Monterey Car Week 2026 Bilder von: Motor1.com Deutschland

Vier Motoren und ein neues Kapitel für M

Das Concept gibt einen konkreten Ausblick auf die erste vollelektrische Generation der BMW M Hochleistungsmodelle. Herzstück ist ein Antrieb mit vier Elektromotoren und einer neuen M spezifischen Fahrzeugregelung. BMW nennt das zentrale Steuerungssystem Heart of Joy. Es soll Antrieb, Bremsen und Fahrdynamik deutlich schneller und präziser koordinieren als bisherige Systeme. Die Studie zeigt damit nicht nur eine neue Designsprache, sondern vor allem die technische Richtung der kommenden M Modelle. 

Dass BMW diese Zukunft ausgerechnet in Laguna Seca präsentiert, wirkt zunächst ungewöhnlich. Das traditionsreiche Rennwochenende lebt von röhrenden V8, historischen Tourenwagen und dem Duft von Rennbenzin. BMW M stellt sich offenbar bewusst dem Vergleich mit der eigenen Geschichte und signalisiert, dass auch elektrische Performance den Anspruch der Marke erfüllen soll.

BMW M Concept Neue Klasse Juli 2026

40 Jahre M3 als roter Faden

Parallel dazu feiert BMW vier Jahrzehnte M3. Seit dem E30 von 1986 gilt das Modell als Herzstück der M GmbH. Ursprünglich entstand der erste M3 als Homologationsmodell für den Tourenwagensport. Daraus entwickelte sich eine Baureihe, die bis heute Straße und Rennstrecke verbindet wie kaum ein anderes Performance Auto. 

In Monterey zeigte BMW deshalb nicht nur Straßenfahrzeuge verschiedener Generationen. Bei den Motorsport Reunion gingen auch legendäre Rennversionen des M3 auf die Strecke, vom E30 DTM bis zum E92 M3 GT. Sogar M Chef Frank van Meel saß selbst am Steuer eines historischen Rennwagens. Die Botschaft ist eindeutig. Motorsport bleibt für BMW M ein zentraler Bestandteil der Markenidentität, auch wenn die Technik der Zukunft elektrisch wird. 

BMW auf der Monterey Car Week 2026

Vor diesem Hintergrund bot Laguna Seca den passenden Rahmen für unser Gespräch mit Frank van Meel. Zwischen historischen M3 Rennwagen und dem neuen M Concept Neue Klasse sprachen wir mit dem BMW-M-Chef über die Zukunft des M3, die Rolle des Motorsports und die Frage, wie sich Fahrspaß in das Zeitalter der Elektrifizierung übertragen lässt.

"Form follows Function gilt auch für die M Fahrzeuge der Zukunft"

Motor1.com: Das BMW M Concept Neue Klasse ist hier in Monterey eines der beherrschenden Themen. Welche Botschaft soll dieses Fahrzeug aussenden? Wie konkret zeigt es bereits die Zukunft von BMW M?

Frank van Meel: Wir feiern dieses Jahr 40 Jahre M3. Angefangen haben wir im Motorsport. Den ersten M3, den E30, mussten wir bauen, um das Rennauto homologiert zu bekommen. Damit begann eigentlich die Geschichte von M, Motorsporttechnik in Serienautos zu bringen. Man musste sich nicht mehr entscheiden zwischen Sportwagen und normalem Serienauto, man konnte beides in einem haben.

Das haben wir über alle Generationen fortgeführt. Das M Concept Neue Klasse zeigt, dass es weitergeht und auch elektrisch wird. Das heißt aber nicht, dass sich unsere Welt komplett verändert. Das Erbe von M und die Motorsport-DNA bleiben.

Das sieht man auch am Auto. Wir haben den Breitbau, die gelben Leuchten aus unseren Sondermodellen und dem Motorsport, Tracklights wie beim LMDh Rennfahrzeug und Aero Elemente aus dem M4 GT3. Im Innenraum gibt es Schalensitze aus Naturfaser. Dieses Material verwenden wir seit Jahren im GT4 Motorsport und jetzt ist es serienreif.

BMW M Concept Neue Klasse in Monterrey

Die Botschaft lautet also, es geht weiter, aber habt keine Angst, es wird nicht plötzlich alles komplett anders. "Form follows Function" gilt eins zu eins auch für die M-Fahrzeuge der Zukunft. Gerade hier in Monterey ist das spannend, weil diese Veranstaltung extrem von Petrolheads geprägt ist. Wir zeigen bewusst, wie es weitergeht, und wollen diese Diskussion führen.

"Wir machen Elektro nicht, weil wir müssen"

Motor1.com: Gerade unter Fans leistungsstarker Autos wird die Transformation zur Elektromobilität intensiv diskutiert. Manche Hersteller verfolgen ihren Kurs relativ unbeirrt. Bei BMW M hat man dagegen das Gefühl, dass Sie sehr genau zuhören. Welchen Einfluss hat das Feedback von Kunden und Fans tatsächlich auf Ihre Entscheidungen?

Frank van Meel: Einen sehr großen. Wir sind eng mit unserer Fangemeinde, unseren Händlern, Kunden und Car Clubs im Austausch. Und wir sind nicht anders als unsere Fans. Die Fragen, die sie sich stellen, stellen wir uns selbst auch, gerade bei der Elektromobilität.

Wir machen das nicht, weil man das machen muss, sondern weil wir davon überzeugt sind, dass man damit ein schnelles und noch besseres Auto machen kann. Das Timing muss allerdings stimmen. Es funktioniert nur, wenn wir es zu 100 Prozent so machen können, wie wir es wollen.

Die Neue Klasse hat uns dafür eine Plattform auf dem weißen Blatt Papier geboten. Wir haben gesagt, einen High Performance M können wir nur mit vier E-Maschinen, Torque Vectoring, individueller Regelung, einer zentralen Steuerung und eigener Software machen. Auch Hochvoltspeicher und E-Maschinen müssen M-like sein.

Gleichzeitig mögen wir selbst unseren S58 Reihensechszylinder und unseren V8. Deshalb bringen wir diese Motoren auf EU7 und machen auch mit Verbrennern weiter. Es gibt Kunden, die nicht laden können oder den Sound mögen und weiter Verbrenner fahren wollen.

Achtzylinder im Aktuellen BMW M5 2025

Wir verfolgen die Diskussion in unserer Community sehr genau und lesen auch die Kommentare. Natürlich gibt es Leute, die sagen, Elektro brauche kein Mensch. Aber es gibt auch viele, die noch skeptisch sind und sagen, sie würden es zumindest gerne einmal fahren.

Wir entscheiden nicht für unsere Kunden, was sie fahren müssen. Wir wollen Autos bauen, die wir selbst lieben, egal ob elektrisch oder mit Verbrennungsmotor. Die Kunden können auswählen, was ihnen besser gefällt. 

Motor1.com: Gibt es ein konkretes Beispiel, bei dem dieses Feedback bereits eine Produktentscheidung beeinflusst hat? Ist der Handschalter so ein Fall?

Frank van Meel: Ja. Gerade in den USA ist die Liebe zum Handschalter enorm. Jeder zweite M2, den wir dort verkaufen, hat ein manuelles Getriebe. Heckantrieb und Handschalter sind für viele Puristen die Traumkombination. Deshalb haben wir für die USA auch ein limitiertes Modell mit Handschalter gemacht. Die Nachfrage war enorm, das Auto war praktisch sofort ausverkauft.

"Der V10 klingt dann wie eine Küchenmaschine"

Motor1.com: BMW M lebt stark vom Gefühl beim Fahren. Beim Elektroauto müssen Sound und Rückmeldung teilweise neu geschaffen werden. Wie weit darf man dabei mit Simulation gehen? Wo liegt für Sie die Grenze?

Frank van Meel: Künstlich wird es für mich, wenn man einfach kopiert, was man heute hat, und es in ein Elektroauto überträgt. Das wäre Copycat.

Wir haben alle Motoren vermessen, die wir bei M gemacht haben, vom Vier- und Sechszylinder über V8 bis zum V10 des M5. Unser Toningenieur hat einmal den V10 bei konstant 6.000 Umdrehungen vorgespielt. Das ist ein ikonischer Motor, aber bei konstant 6.000 Touren klingt er wie eine Küchenmaschine.

Sound, der in einem bestimmten Auto authentisch und emotional wirkt, kann man nicht einfach in ein anderes Auto kopieren. Auch ein V8-Sound würde in einem heutigen M3 nicht automatisch passen. Bei einem Elektroauto müssen wir die Emotionalität schaffen, die wir mit Sechs-, Acht- oder Zehnzylindern hatten. Aber sie muss zum Elektroantrieb und zum jeweiligen Auto passen.

Der Klang darf verstärken, was tatsächlich passiert. Ich habe einen E-Antrieb und muss dessen Eigenschaften berücksichtigen. Darauf aufbauend kann ich einen Sound entwickeln, der mich emotional berührt und mir das Gefühl gibt, eins mit der Maschine zu sein.

Motor1.com: Und wie sieht es mit simulierten Schaltvorgängen aus?

Frank van Meel: Das Gleiche gilt für Schaltungen. Natürlich könnte man komplette Automatik oder DKG-Schaltvorgänge kopieren. Dann übernimmt man aber auch die Nachteile eines mechanischen Antriebs. Warum sollte ich einen E-Antrieb künstlich zurückstutzen, damit er etwas nachbildet, das ein Verbrenner kann?

2027 BMW M3 Cs Handschalter

Was ich will, sind verschiedene Fahrstufen und unterschiedliche Gaspedalkennlinien. Der Fahrer soll auf der Rennstrecke ein Gefühl dafür bekommen, wo er sich befindet, wie das Auto auf Lastwechsel reagiert und wie schnell er unterwegs ist, ohne ständig auf den Tacho zu schauen. Dazu gehören auch die passende Akustik und Rückmeldung.

Deshalb sage ich bei der Frage nach simulierten Gangschaltungen: Stufigkeiten ja. Aber eine klassische Gangschaltung mit Zugkraftunterbrechung zu imitieren, nur damit man den Schaltvorgang spürt, ergibt für mich keinen Sinn. Wir wollen die neue Welt kontrollierbarer und emotionaler machen, ohne die Nachteile der alten zu kopieren.

"Formel 1 ist zu weit weg von der Serie"

Motor1.com: Schlagen wir die Brücke zum Motorsport. BMW engagiert sich stark in WEC und IMSA. Gleichzeitig boomt die Formel 1 und immer mehr Hersteller engagieren sich dort, darunter direkte Wettbewerber. Sie haben bislang gesagt, dass WEC und IMSA für BMW M interessanter sind. Gilt das weiterhin?

Frank van Meel: Ja. Und für uns geht es nicht nur um die WEC, sondern genauso um die IMSA. Die USA sind mit rund 40 Prozent unseres Volumens der wichtigste Einzelmarkt für BMW M. BMW ist in den USA über den Rennsport groß geworden. Deshalb ist die IMSA für uns extrem wichtig.

WEC und IMSA passen auch deshalb zu uns, weil es einen direkten Technologietransfer gibt. Beim M Concept Neue Klasse sieht man beispielsweise Elemente aus dem M4 GT3, etwa die durchströmte Haube und den Diffusor. Die Leuchtgrafik kommt aus unserem LMDh Rennwagen.

BMW M Hybrid V8 Imsa

Auch beim Antrieb gibt es Übertragungen. Wir fahren einen V8 Hybrid im Motorsport und haben V8 Hybride im M5 und XM. Teilweise arbeiten dieselben Ingenieure an diesen Antriebssträngen. Bestimmte Themen können wir über diese Rennserien seriennäher und schneller erproben.

Motor1.com: Und genau dieser Technologietransfer fehlt Ihnen bei der Formel 1?

Frank van Meel: Ja. Die Formel 1 ist für uns zu weit weg, zu sehr Labor und zu wenig auf Serienautos übertragbar. In der Formel 1 wäre das ein komplett separates Technologiezentrum, losgelöst vom Rest.

Unsere Kunden und Fans mögen die Formel 1 durchaus, aber sie mögen auch den direkteren, seriennäheren Motorsport. Die Geschichte von M lautet, wir übertragen Motorsport in die Serie. Und da passt die Formel 1 für uns einfach nicht hinein.

M1 oder doch lieber 3.0 CSL?

Motor1.com: Zum Abschluss eine persönliche Frage. Wenn Sie sich aus allen BMW M Modellen genau eines aussuchen dürften, das Sie selbst besitzen möchten, welches wäre es und warum?

Frank van Meel: Für mich wäre es der M1, weil er den Start von M symbolisiert. Er ist ein ikonisch schönes Auto und sieht auf der Straße noch immer so aus, als hätte man ihn auch heute bauen können. Ergonomisch sitzt man darin vielleicht nicht ganz perfekt, aber er steht für den emotionalen Start der Marke.

Wobei ich jetzt schon ins Wanken komme. Vielleicht doch lieber der 3.0 CSL, dann aber tatsächlich als Rennauto.

Frank van Meel Interview
© Motor1.com
Autor: Christopher Otto