Wir leben in einer Ära, in der Oldtimer nicht mehr wie solche aussehen. Beweis: Das Fahrzeug auf dem Bild oben. 1986 bringt Audi den damals neuen 80 der Baureihe B3 auf den Markt. Also vor 40 Jahren. Längst bekommen alle B3 das begehrte H-Kennzeichen. Doch zum alten Eisen gehören die Überlebenden noch lange nicht.
"Moment mal!" werden spätestens jetzt die Markenkenner rufen. Das ist doch kein 80, sondern ein 90! Richtig. Audi Tradition, die Klassiker-Abteilung der Marke, spendierte uns ein Upgrade. Zu dem wir natürlich nicht Nein sagen, denn 2026 feiert auch der Fünfzylinder bei Audi einen runden Geburtstag. 50 Jahre alt wird er dort, eine Sonderausstellung in Ingolstadt feiert das.
Und ich am Steuer des 90 quattro B3. Ein Auto aus der Piëch-Epoche bei Audi, in der Ferdinand Karl den Muff aus der Modellpalette blasen wollte. Keine langweiligen Spießerkarren mehr, sondern moderne Autos für moderne Menschen. Garniert vom Einsatz im Motorsport. Der über 700 PS starke Audi 90 quattro IMSA GTO räumt 1989 in den USA ab und ist heute ein Kultobjekt in jedem Videospiel.
Edel-80 als Antwort auf BMW und Mercedes
Etwas zahmer ist "mein" 90er dann doch. Im Mai 1987 kommt der neue Audi 90 auf den Markt, nachdem man in Ingolstadt drei Jahre zuvor erstmals Fünfzylinder unter die Haube des 80 gepackt hat. Gründe dafür liefert die deutsche Konkurrenz: BMW baut schon Ende der 1970er-Jahre Sechszylinder-Motoren in den 3er, der 1982 zum E30 mutiert. Zeitgleich drängt Mercedes mit dem 190 in die 4,40-Meter-Mittelklasse.
Damit nicht genug: Seit 1981 bietet Konzernmutter VW den Santana auch als Fünfzylinder an. Zwar nur mit mäßigem Erfolg, aber Audi sieht sich zum Handeln gezwungen. 1982 bringt Audi den Fünfzylinder zunächst im 80 quattro und 80 CD, ehe 1984 der 90 die Luxusvariante markiert. Rund 110.000 Exemplare der ersten 90-Generation (einen Super 90 gab es schon von 1966 bis 1971) kann man in vier Jahren verkaufen. Ein ausreichender Grund, um einen Nachfolger aufzulegen.
Audi beschreibt ihn im Prospekt von 1987 wie folgt: "Mit dem neuen Audi 90 präsentiert sich der neueste Stand der Technik in der deutschen Kompaktklasse." Ja, Sie lesen richtig: Kompaktklasse. Und weiter: "Eigenständig ästhetisch im Design mit einer außergewöhnlich guten Aerodynamik [...] Und das bei einem großzügigen Raumangebot."
Mehr Optik, höherer Preis
Eigenständig? Natürlich sieht jeder Beobachter die Audi-80-Grundlage. Aufgebrezelt mit etwas Chrom, der durchgehenden Heckblende und einen Stoßfänger mit Blinkern und Nebelscheinwerfern im Stil des Porsche 928. Sowohl Blende als Stoßfänger werden später gerne als Zubehörteile von Audi-80-Besitzern nachgerüstet.
Bilder von: Motor1.com Deutschland
Jedenfalls reicht das, damit Audi beim billigsten 90 B3 fast 4.500 Mark mehr gegenüber einem 80 verlangen kann. Keine Massenware, eher ein Prestigeobjekt für Marke und Kundschaft. Nur elf Prozent beträgt der 90-Anteil beim B3, wie Kevin Thiel in seinem Standardwerk zum Audi 80 schreibt.
Das Modellangebot bei der zweiten Audi-90-Generation fächert sich wie folgt auf: 2.0 E mit 115 PS, 2.3 E mit 136 PS und Allrad optional, sowie als Ober-Fünfzylinder der quattro 20V respektive 20V mit 170 PS. Sehr selten bleibt der einzige Vierzylinder im 90, der 1,6-Liter-Turbodiesel mit 80 PS.
Früher war alles kleiner
Ich bin im 2,3-Liter-Fünfzylinder unterwegs. Baujahr 1987 in "Perlmuttweiß" (L0A9), 4,39 Meter lang plus 90-Sportpaket mit Heckspoiler. Grundpreis im Februar 1988: 46.200 DM mit Allrad. Ohne wären es fast 10.000 Mark weniger. Mein erster Eindruck: Wie klein doch heute die damalige Mittelklasse wirkt. Gerade einmal 1,69 Meter ist der Audi breit, dazu 1,37 Meter hoch. Eine wahre Wohltat im Zeitalter der Flugzeugträger-SUVs.
So großzügig wie es der damalige Prospekt verkündet, ist der B3 aber nicht. Ich erinnere mich noch gut, wie meine Mutter bei einem Audi-80-Werkstattwagen erstaunt in den kleinen Kofferraum blickt. Sie war einen VW Passat Variant gewohnt. Umlegbare Rücksitze gibt es im B3 aufgrund der Tankanordnung hochkant direkt hinter der Bank nicht, 453 Liter Gepäck passen ins zerklüftete Heckabteil mit dem massiven Kofferraumdeckel.
Bilder von: Motor1.com Deutschland
Ein Fall für zwei
Und auch im Innenraum empfindet man keine Luftigkeit. Vier Erwachsene in dieser Limousine? Eher nicht. Auch aufgrund der nur angedeuteten hinteren Kopfstützen. Mein spontaner Gedanke: Ein 2+2 mit vier Türen. Kein Wunder, dass man die B3-Baureihe zu Lebzeiten fast nie als Taxi sah. Einen Kombi hatte Audi durchaus bereits projektiert, aber erst später beim B4 verwirklicht. Ein wahrer Augenschmaus ist hingegen die weiße Lederausstattung, damals richtig teuer. Meinen Ohren gefällt das satte Schließgeräusch der Türen.
Die Fachpresse bemängelte seinerzeit die starke Aufheizung der verzinkten Karosserie dank der rundlichen Glasflächen. Recht hatten sie, wie ich bei knapp unter 30 Grad Außentemperatur schnell merke. Eine Klimaanlage hätte mein 90 sogar an Bord, leider ist sie leer. Also Fenster auf, eh ideal, um dem Fünfzylinder zu lauschen. Innen bleiben die 136 PS nämlich dezent im Hintergrund, der 90 soll kein wildes Sportgerät sein. Erst an der frischen Luft drehzahlt sich der Motor in Röhrlsche Klangwelten.
Bilder von: Motor1.com Deutschland
Auffallend ist neben dem etwas rechts zum Fahrer versetzten Lenkrad vor allem eine Tatsache: Dieses Auto fühlt sich nicht nach 40 Jahre an. Sämig dreht der Fünfzylinder ab 1.500 Touren selbst im fünften Gang hoch, wenngleich die Schaltung keine BMW-Präzision erreicht. Dafür schnürt der 1.220 Kilogramm schwere Audi dank Allrad unaufgeregt durch Kurven. Mein Fotograf bringt derweil ein anderes Fahrzeug zurück nach Ingolstadt. Und ich denke mir: Lass Dir ruhig Zeit. Viel Zeit!
Exakt 141.809 Fahrzeuge wird Audi bis 1991 bauen, davon 26.300 mit Allradantrieb. Dann ist Schluss mit 90, der massiv überarbeitete 80 B4 bekommt Fünf- und Sechszylinder ohne eigenständige Nummer ans Heck. Eine seltene Ziffer, der 90. Vom bürgerlichen 80 B3 baut Audi fast das Zehnfache, nämlich 1,3 Millionen Exemplare.







