Interview: Opel-Chef über Elektrostrategie, Motorsport und Zukunft

Wir haben exklusiv mit CEO Florian Huettl über Opels Zukunft gesprochen und dabei durchaus überraschende Dinge erfahren ...

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Man muss schon genau hinhören, um im geschäftigen Treiben des Brüsseler Autosalons die leisen Töne wahrzunehmen. Doch Florian Huettl, CEO von Opel, spricht mit ruhiger, klarer Stimme, auch wenn die Themen, um die es geht, alles andere als leise sind. Die Zukunft einer Traditionsmarke, ihr Platz im globalen Stellantis-Gefüge und die Antwort auf die Frage, wie man Elektromobilität für alle bezahlbar macht, ohne die eigene Identität zu verlieren.

Wir nutzten die Gelegenheit für ein persönliches Interview, um die drängendsten Fragen zu stellen, die unsere Leser bewegen. Das Ergebnis ist ein offenes Gespräch über Strategie, den Mut zur Kurskorrektur und einen CEO, der am Ende verrät, welches Auto er selbst am liebsten fährt, wenn er nicht gerade über die Zukunft von Opel nachdenkt.

Strategie und Marktposition: "Opel profitiert von gemeinsamer Führung"

Motor1.com: Herr Huettl, Sie verantworten nicht nur die Marke Opel, sondern auch das gesamte Deutschland-Geschäft von Stellantis. Wie gehen Sie mit dieser Doppelrolle um? Ist es nicht schwierig, Ihre Kernmarke voranzubringen und gleichzeitig andere Marken zu pushen, die im selben Segment unterwegs sind?

Florian Huettl: Im Gegenteil - es ist eine Win-win-Situation. Als größte Marke in Deutschland und eine der größten in Europa können wir unser Know-how auch anderen Stellantis-Marken zur Verfügung stellen. Unsere Händler haben die Möglichkeit bekommen, weitere Marken ins Portfolio aufzunehmen. Das schafft attraktive Geschäftsmodelle und gibt ihnen die Chance, zusätzlich zu Opel mit anderen Marken zu wachsen. Das funktioniert auch in die andere Richtung: Peugeot- oder Citroën-Händler nehmen Opel auf. So entsteht eine Struktur, die allen Stellantis-Marken und vor allem den Kunden zugutekommt.

Opel als deutsche Marke hat Zugang zu Marktsegmenten, zu denen Importmarken schwerer vordringen. Dieses Gewicht kommt dem gesamten Konzern zugute. Wenn es Opel in Deutschland gut geht, geht es Stellantis gut - und das eröffnet uns wiederum neue Möglichkeiten.

Motor1.com: Sie teilen sich mit Ihren Schwestermarken viele Plattformen. Was macht denn heute einen Opel zum Opel? Warum soll jemand einen Opel kaufen und nicht einen Peugeot oder Citroën?

Florian Huettl: Wir sind eine deutsche Marke mit 126 Jahren Historie - eine der ältesten Automarken der Welt. Und "deutsches Auto" weckt klare Erwartungen: gute Straßenlage, Langstreckentauglichkeit, hohe Geschwindigkeiten, Ruhe im Innenraum. Genau darauf legen unsere Ingenieure in Rüsselsheim den Fokus.

 Ja, wir teilen Komponenten - aber nur an Stellen, die der Kunde nicht wahrnimmt. Aber in den entscheidenden Bereichen entwickeln wir eigenständig: Fahrwerk, Lenkung, Licht. Wir zeigen hier beim Astra die nächste Generation der Intelli-Lux HD Lichttechnologie mit 50.000 einzeln ansteuerbaren Pixeln - was die nachts und auch bei hoher Geschwindigkeit können, ist verblüffend. Wir investieren massiv in Geräuschdämmung und bieten AGR-zertifizierte Sitze. Dazu kommt eine klare, nordisch-deutsche Designsprache. Wenn Sie beispielsweise bei einem Opel das Logo zuhalten, weiß jeder, dass es ein Opel ist. Das ist unser Alleinstellungsmerkmal.

Motor1.com: Das heißt, das Label "Made in Germany" ist in Ihrer Sicht immer noch so bedeutend wie früher?

Florian Huettl: Made in Germany ist nach wie vor eines der stärksten Labels weltweit. Für uns in Deutschland mag das selbstverständlich sein, aber international ist es entscheidend. Kunden erwarten bei Made in Germany Wertarbeit, Qualität und Präzision - all das, was unseren Standort groß gemacht hat.

Motor1.com: Mit dem neuen Stellantis-CEO hört man immer wieder, dass nicht alle Marken eine gesicherte Zukunft haben. Muss man sich Sorgen um Opel machen?

Florian Huettl: Opel hat eine sehr klare Rolle: Wir sind mit Abstand die meistverkaufte Stellantis-Marke in Nord- und Osteuropa. In Deutschland und Großbritannien - den größten europäischen Märkten - sind wir führend. Der europäische Automarkt ist extrem divers: Hersteller, die im Süden stark sind, tun sich im Norden und Osten schwer und umgekehrt. Deshalb hat Opel den klaren Anspruch, die deutsche beziehungsweise (mit Vauxhall) die britische Marke in Nord- und Osteuropa zu sein. Das ist unsere Rolle, unser Weg - und der ist klar definiert.


Modellstrategie: "Wir wissen, wie man gute Kleinwagen baut"

Motor1.com: Der Corsa ist nach wie vor extrem erfolgreich, während andere Hersteller mit Kleinwagen eher hadern. Wie erklären Sie sich das?

Florian Huettl: Wir haben über 40 Jahre Erfahrung in diesem Segment und 15 Millionen Corsa verkauft. Wir wissen schlicht, wie man gute Kleinwagen baut. Der Corsa deckt ein breites Spektrum ab - vom Zweitwagen für kurze Strecken bis zum Erstwagen für lange Distanzen. Er ist vielseitig. Und er ist eine Ikone. Fast jeder ist mal einen Opel Corsa gefahren. Diese Historie, diese Emotion - das ist ein Riesenvorteil in einem Markt, in dem es gar nicht so einfach ist, erfolgreiche Kleinwagen zu bauen und damit Geld zu verdienen.

Motor1.com: Das heißt, trotz des massiven SUV-Ausbaus planen Sie mit Corsa und Astra weiterhin langfristig?

Florian Huettl: Absolut. Corsa und Astra bleiben zentral. Gleichzeitig haben SUVs sich einer enormen Popularität entwickelt. Deshalb haben wir letztes Jahr drei neue SUV-Modelle gebracht: den Frontera als Familienauto, den Grandland als Top-Modell im oberen C-Segment aus Eisenach und den aufgewerteten Mokka. Damit können wir im wachsenden SUV-Markt mitspielen - was früher nicht Opels Kernkompetenz war. Aber wir haben uns weiterentwickelt, und die Verkaufszahlen im zweiten Halbjahr zeigen: Es funktioniert.

Motor1.com: Opels frühere Domäne waren Limousinen und Kombis - Omega, Insignia. Gibt es irgendwann wieder eine Chance auf einen großen Opel?

Florian Huettl: Wir bewerten die Marktlage regelmäßig neu. Aber aktuell sehen wir in diesem Segment nicht genug Volumenpotenzial, um dort Priorität zu setzen. Unser Fokus liegt auf Corsa, Astra und den SUV-Segmenten. Wenn wir ein tragfähiges Geschäftsmodell für höhere Segmente finden, werden wir es verfolgen. Aber Stand heute ist das keine Priorität.


Elektromobilität und Bezahlbarkeit: "25.000 Euro - rentabel"

Motor1.com: Mit dem nächsten Corsa haben Sie einen Einstiegspreis von 25.000 Euro angekündigt. Wie schaffen Sie das, ohne zu große Kompromisse einzugehen?

Florian Huettl: Elektromobilität bezahlbar zu machen, ist eine unserer Kernherausforderungen. Opel steht seit jeher für bezahlbare Mobilität. Unsere Ingenieure können das - aber nur, wenn sie den Preis von Anfang an ins Zentrum der Entwicklung stellen. Die großen Entscheidungen sind:  Welche Architektur? Wie optimieren wir das Fahrzeug auf Elektro? Welche Zellchemie für die Batterie?

Für den Corsa haben wir uns für einen reinen Stromer möglicherweise mit LFP-Batterietechnologie entschieden. Das erlaubt uns, 25.000 Euro darzustellen - und zwar rentabel. Denn selbstverständlich müssen wir mit diesem Auto Geld verdienen, damit das Geschäftsmodell funktioniert. Solche strukturellen Entscheidungen müssen ganz zu Beginn getroffen werden.

Motor1.com: Spielt dabei auch der Produktionsstandort eine Rolle? Kann so ein Corsa noch in Deutschland gebaut werden?

Florian Huettl: Nein. Sie können keinen 25.000-Euro-Elektro-Corsa in Deutschland bauen. Es werden heute auch keine Kleinwagen mehr hier produziert - die Kosten sind zu hoch. Der Corsa wird seit jeher in Saragossa, Spanien, gebaut. Im Süden und Osten Europas können wir mit deutlich niedrigeren Produktionskosten arbeiten. Bei einem Kleinwagen zu diesem Preis ist das ein entscheidender Faktor.


Regulierung und Elektrostrategie: "Der Dialog war wichtig - aber es gibt noch viel zu tun"

Motor1.com: Das Verbrenner-Aus wird heftig diskutiert. Sie haben sich immer klarere Regularien gewünscht. Wie bewerten Sie die aktuellen Signale aus Brüssel?

Florian Huettl: Wir begrüßen, dass der Dialog der letzten Monate zu einem Verständnis geführt hat: Die Situation war eine unzumutbare Belastung für die Industrie. Die Neubewertung Ende letzten Jahres war wichtig, und das Paket der Kommission ist ein erster Schritt - aber nicht der letzte. Viele brennende Fragen sind offen.

Was ist mit 2030? Da steigt der nötige Elektro-Mix von 20 auf 60 Prozent. Sehen wir das heute? Nein. Was ist mit Nutzfahrzeugen? 2025 sind 20 Prozent Elektro vorgeschrieben, die Realität liegt bei acht Prozent. Da kann niemand compliant sein - und das liegt nicht am Angebot. Was ist mit Local Content? Das muss definiert werden.

Wir werden 2026 weiter daran arbeiten, klarzumachen: Diese Industrie steht vor enormen Herausforderungen und darf nicht zusätzlich mit überhöhten Zielen und Strafzahlungen belastet werden. Es geht um die Zukunft der europäischen Industrie.

"Es gibt keinen Zweifel an unserer Elektrostrategie."

Und eines will ich klar unterstreichen: Es gibt keinen Zweifel an unserer Elektrostrategie. Wir halten das für die Mobilität der Zukunft. Aber wir müssen Kunden und Unternehmen mitnehmen. Die Ambition war zu hoch. Das muss justiert werden - ohne die Richtung in Frage zu stellen.

Motor1.com: Das heißt, Sie sehen die Mobilität nach wie vor in Richtung 100 Prozent elektrisch - nur der Zeitrahmen verlängert sich?

Florian Huettl: Exakt. Wir sehen es bei unseren Kunden: Keiner kehrt von Elektro zurück. Wer einmal den Schritt gemacht hat, wer die oft irrationalen Ängste überwunden hat, wer dieses Fahrerlebnis kennt und merkt, wie viel günstiger das Aufladen im Vergleich zur Tankstelle sein kann - der kehrt nicht zurück. Das wird sich durchsetzen. Da sind wir sicher.

Aber die Geschwindigkeit ist nicht die, die wir uns vorgenommen hatten. Das liegt nicht am Angebot - das ist da. Es liegt an der Infrastruktur, besonders in südlichen Märkten, und an der Bezahlbarkeit. Ein rein elektrischer Corsa für 25.000 Euro ist heute noch nicht möglich. Der Abstand zum Verbrenner ist noch zu groß. Daran arbeiten wir. Es braucht nur etwas länger.


Sportlichkeit und Motorsport: "Weitere GSE-Modelle kommen"

Motor1.com: Sie haben hier in Brüssel den Corsa GSE Vision Gran Turismo gezeigt - spektakulär. Ist das nur eine Fingerübung, oder ein Ausblick auf wirklich sportliche Modelle? Opel hat mit OPC und GSi große Historie. Kommt da was?

Florian Huettl: Mit dem Concept Car aus München haben wir mehrere Botschaften gesendet: Erstens einen Ausblick auf die nächste Generation des rein elektrischen Corsa - vieles davon werden Sie außen und innen wiederfinden. Zweitens zeigen wir die nächste Designsprache, die Sie auch bereits in ersten Elementen beim neuen Astra sehen. Und drittens ein klares Statement für aufregende Elektromobilität.

Das haben wir direkt mit dem Mokka GSE untermauert: rein elektrisch, 281 PS, null auf hundert in 5,9 Sekunden, Sperr-Differenzial, Sportsitze, Spoiler-Programm. Das ist ein wichtiger Bestandteil der Marke Opel - aus der Historie heraus. Den Mokka GSE können Sie heute schon kaufen. Und wir arbeiten daran, solche Versionen auch auf anderen Modellen anzubieten. Freuen Sie sich auf weitere sportliche GSE-Modelle, die zeigen, dass Opel Motorsportkompetenz auf die Straße bringt.

Motor1.com: Stichwort Motorsport: Opel hat eine riesige Fangemeinde. Ist die Rückkehr in den Rundstreckensport ein Thema?

Florian Huettl: Das ist eine Möglichkeit, mit der wir uns ernsthaft beschäftigen. Wir haben als erster und einziger Hersteller eine eigene Elektro-Rennserie aufgebaut - vor fünf Jahren mit der Opel Corsa ADAC Rally Electric. Die Serie ist extrem beliebt: sehr junge Fahrer, 50 Prozent Fahrerinnen. Da ist Potenzial.

Und wir entwickeln das weiter: Die nächste Generation kommt mit dem Mokka GSE - von 136 auf 281 PS, eine völlig andere Kategorie. Mit dem Mokka GSE Rally sind wir im FIA eRally5-Reglement unterwegs, damit offen für Rennen mit anderen Herstellern. Und wenn wir darüber hinaus Chancen sehen - etwa in der Formel E - schauen wir uns das an. Aber dazu gibt es keine News. Klar ist: Motorsport auf der Strecke und auf der Straße ist ein wichtiger Bestandteil von Opel. Das bauen wir aus.


Persönliche Schlussfrage: "Ein Jeep Wrangler - ohne Tür und ohne Dach"

Motor1.com: Eine abschließende Frage, ein bisschen persönlich: Wenn Sie aus dem gesamten Stellantis-Portfolio ein Fahrzeug auswählen könnten - welches wäre es und warum?

Florian Huettl: (lacht) Ganz einfach: Ein Jeep Wrangler - ohne Türen und ohne Dach.

Motor1.com: Damit können wir leben. Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Redakteur Christopher Otto

© Motor1.com
Autor: Christopher Otto