Glauben Sie's mir ruhig. Ich habe das durchaus ernst gemeint im Testbericht zum grandiosen Golf GTI Edition 50: Die dicke fette GTI-Content-Lawine hat gerade erst angefangen, unaufhaltsam auf uns zuzurollen. Denn wenn der Demokratisierer des Fahrspaßes seinen 50. Geburtstag feiert, dann jubeln und nostalgieren wir alle mit, ob Sie nun wollen oder nicht, liebe Leser. Also, weiter geht's. Dieses Mal mit einem GTI, den wohl nicht mehr all zu viele auf der Pfanne haben.
Wir schreiben das Jahr 2001. Die Welt hat sich gerade komplett verändert, weil zwei Flugzeuge in zwei sehr große Türme geflogen sind. Apple bringt den iPod auf den Markt und der erste Herr der Ringe-Film lockt auch unzählige Nicht-Nerds in die Kinos. Der Autor dieser Zeilen besucht die 12. Klasse, hat seit einem knappen Jahr den Führerschein und ist ziemlich stolz auf seinen Alfa Romeo 145 Quadrifoglio. Es gibt vorzügliche Kompaktsportler zu jener Zeit: Peugeot 306 S16, Fiat Bravo HGT, Honda Civic Type R, Audi S3. Ein weniger vorzüglicher Kompaktsportler zu jener Zeit ist der Golf GTI.
Bei der vierten Generation hat man jegliche Anflüge unterhaltsamen Fahrverhaltens (oder aufregender Optik) höchst erfolgreich eliminiert. Ich bin dem Golf GTI grundsätzlich zugetan, liebe die Historie. Mein großer Bruder hat gerade seinen ganz großartigen Golf III GTI Colour Concept verkauft und ich vermisse ihn. Doch der 4er GTI berührt mich nicht die Bohne.
Er gilt ja zeitlebens (und bis heute) als schamloser Verwässerer des GTI-Genpools. Zur faden Ausstattungslinie verkommen sie unter ihm, die drei heiligen Buchstaben. Doch dann zeigt Volkswagen den heutigen Probanden und meine Meinung ändert sich schlagartig.
Ob man mit dem "25 Jahre GTI" Wiedergutmachung betreiben will? Die enttäuschten Fans versöhnen? Der Baureihe ein wenig Würde zurückgeben? Ich weiß es nicht, aber optisch gelingt es schon mal prächtig. Das Design-Team schärft subtil aber sehr wirkungsvoll nach. Das Vortex-Spoilerkit kann man heute vermutlich in Gold aufwiegen, dazu die kugelpolierten 18-Zoll-BBS-Räder, die roten Bremssättel und die Edelstahl-Auspuffblende - der Jubi-GTI ist ein stilistischer Volltreffer.
Bilder von: Motor1.com Deutschland
Aber auch fahrerisch gilt er so ein bisschen als der Retter des angeschlagenen 4er-GTI-Images. Selbst ein hochrangiger aktueller VW-Fahrdynamiker meinte zu mir beim Fahrtermin, dass er schon deutlich mehr Spaß mache als der Rest der verhandzahmten Mischpoke mit ihren 110 PS-Dieseln oder 150-PS-Benzinern (1,8-Liter-Turbo oder 2,3-Liter-Fünfzylinder-Sauger).
Ob dem wirklich so ist und er womöglich sogar zum preiswerten Youngtimer-Spaßmobil-Schnapper taugt, gilt es nun herauszufinden. Wobei zur Wahrheit auch gehört, dass die technischen Optimierungen letztlich doch recht überschaubar ausfallen.
Performance eher dezent geschliffen
Die größten Änderungen sind sicherlich beim Antriebsstrang vollzogen worden. Der Einsachter-T mit 150 PS (Motorkennbuchstaben AGU oder AUM) musste im "25 Jahre GTI" der Variante mit 180 PS (AUQ) weichen. Selbige differenziert sich durch einen leicht modifizierten Lader (oft als K03s bezeichnet, im Vergleich zum K03 des 150 PS-Modells), eine andere Softwareabstimmung und eine variable Nockenwellenverstellung. Außerdem zeigte man sich in puncto Getriebe generös und spendierte nun statt einem Fünfgänger ein 6-Gänge-Menü.
| Technische Daten | VW Golf IV GTI "25 Jahre GTI" |
| Motor | Vierzylinder-Turbo; 1.781 ccm |
| Getriebe | 6-Gang-Schaltgetriebe |
| Antrieb | Vorderradantrieb |
| Leistung | 132 kW (180 PS) bei 5.500 U/min |
| max. Drehmoment | 235 Nm bei 1.950 - 5.000 U/min |
| 0-100 km/h | 7,9 s |
| Höchstgeschwindigkeit | 222 km/h |
| Leergewicht | 1.274 kg |
| Grundpreis (2001) | 46.900 D-Mark |
Um dem Handling auf die Sprünge zu helfen, setzte man auf eine Tieferlegung um 10 mm (etwa 25 mm gegenüber einem Standard-Golf IV), eine etwas straffere Dämpferkennlinie und geänderte Achslager. Dazu kamen rundum innenbelüftete Bremsscheiben (vorne 312 mm, hinten 256 mm) und rote Bremssättel.
Früher war nicht alles besser
Optisch hat sich der tornadorote Bursche erwartungsgemäß prächtig gehalten. Dass der 4er nach wie vor der attraktivste und zeitloseste Golf-Entwurf ist, dürfte nicht nur ich so sehen. Dass es den Jubi-Golf ausschließlich als Dreitürer gab, wirkt aus heutiger Sicht unvorstellbar und lässt Hot Hatch-Traditionalisten jubilieren. Der dezente Spoiler-Schmuck sowie die für damalige Verhältnisse geradezu monumentalen 18-Zöller tun ihr Übriges.
Im Innenraum dagegen hat der Zahn der Zeit mit weniger Erbarmen genagt. Nur zu gerne wird der Zeitraum um die Jahrtausend-Wende ja als die goldene Ära der VW-Qualität gepriesen. Doch pflunzt man erstmal drin im besondersten aller 4er-GTIs wird schnell klar, dass hier auch nicht alles Gold ist, was glänzt.
Wenn Sie also mal wieder schimpfen wollen wie ein Rohrspatz, wie doch alles immer weiter den Bach runtergeht mit der Wolfsburger Materialqualität, dann klopfen Sie ruhig mal gegen eine Türverkleidung im Golf 4. "Da scheppert nix" mag Ex-Chef Winterkorn 2011 beim Gang über Hyundais IAA-Stand sehr viral festgestellt haben - hier kann man das nicht behaupten.
Könnte natürlich auch daran liegen, dass WOB-GT 425 bereits stattliche 155.000 Kilometer auf der Uhr hat. Man merkt's nicht zuletzt am stark abgegriffenen, herrlich simplen Dreispeichen-Lenkrad mit Perforation und roten Sondermodell-Ziernähten.
Ganz generell haben sich die Interieur-Designer alle Mühe gegeben, um Käufern des Editionsmodells das Gefühl zu geben, in einem besonderen Auto zu sitzen. Der Jubi ist (neben dem wundervollen R32) eines der wenigen Modelle mit komplett schwarzem Dachhimmel und Säulenverkleidungen. Dazu kommen spezielles Recaro-Gestühl im Design "Le Mans", der großartige Golfball-Schaltknauf, Alu-Pedale sowie ein Dekor aus gebürstetem Aluminium.
Obendrein überzeugt die wunderbar einfache Bedienung, die vor allem deswegen so einfach ist, weil es nahezu nichts zu bedienen gibt. Echte Knöpfe, wohin man blickt. Dafür von Displays keine Spur. Herrlich.
Also einmal rein mit dem physisch vorhandenen Schlüsselbart ins physisch vorhandene Zündschloss, nochmal kurz an der Höhenverstellung des Recaro-Sessels gezupft, festgestellt, dass selbiger wirklich so verdammt hoch montiert ist und ab dafür.
Vor allem geradeaus gut
Natürlich gönnt man dem inzwischen mittelalten Recken ein seriöses Aufwärmprogramm, bevor man sein rechtes Alupedal erstmals mit Verve in den Boden rammt. Was daraufhin passiert, ist hochinteressant, denn die Reaktion auf den engagierten Gasbefehl ist schlichtweg grandios. Liebe Freunde, man kann es drehen und wenden, wie man will, aber der gute alte, in gewaltigen Massen produzierte Einsachter-Turbo ist nach wie vor eine Wucht.
Das volle Drehmoment liegt ja schon bei 1.950 Touren an, entsprechend zeitig ist der Jubi-Golf hellwach und schiebt im restlichen Verlauf des Drehzahlbereichs gleichmäßig wuchtig, satt und stämmig bis in den Begrenzer. Jetzt mal ganz unter uns: 7,9 Sekunden von 0-100 km/h klingen heute nicht mehr wirklich nach Sportskanone, aber durch die mühelose, extrem gelungen applizierte Leistungsentfaltung fühlt sich dieses Auto wirklich flott an und es bereitet eine tiefe Befriedigung hier Vortrieb zu generieren.
Letzteres ist zu einem großen Teil auch ein Verdienst des Getriebes. Die Schaltwege sind mittel bis kurz, die Führung überraschend präzise. Hier fühlt sich nichts teigig oder gummig an. Stattdessen schiebt man den Golfball mit einem schön mechanischen, fast knochigen Gefühl zwischen den Gassen hin und her. Dazu passt dann auch ein sehr stimmiges und angenehmes Pedalgefühl.
FUN FACHTS ZUM GOLF IV "25 JAHRE GTI"
Anzeige- Der "falsche" Jubi: In den USA gab es das Modell auch, dort hieß es aber "GTI 337 Edition". 337 war der interne Projektcode des Golf I GTI. 1.500 Autos wurden für die USA, 250 für Kanada gebaut
- Es gibt lediglich drei Farben für den Jubi-GTI: Reflexsilber Metallic, Tornadorot und Black Magic Perleffekt.
- Diesel-Bruder: Es gibt auch eine Diesel-Version. Das Auto verfügt über den 150-PS-Pumpe-Düse-TDI, hat das Fahrwerk und die Optik, aber nicht den "25 Jahre"-Status im Namen.
Wer das ambitionierte Kurvenkünsteln weit oben auf der Wunschliste hat, wird aber auch beim Top-GTI der vierten Generation eher lauwarme Gefühle entwickeln. Er mag ein Stückchen motivierter zu Werke gehen als ein Standard-GTI aus dieser Zeit, aber den ganz großen Sport bekommen Sie auch hier nicht geboten.
Dafür lenkt das Auto zu gemütlich ein und auch die Lenkung ist zu schwammig und indifferent und es kommt also auch nicht besonders viel Information rüber von dem, was da unter einem so passiert.
Ja, auch der "25 Jahre GTI" ist eher einer von der entspannten Sorte, vergleichsweise weich in der Kurve und wenn du ihn dann mal in die Mangel nimmst und zwingst, dass er mal richtig aus sich rauskommt, dann schaut er sich das an und denkt sich: "Ach, ich weiß auch nicht".
Bilder von: Volkswagen
Er federt in der Folge recht tief und etwas bauchig ein, aber da ist jetzt nicht wirklich die Chance, dass der Wagen sich bewegt hinten, dass er etwas tänzelt, dass er dich unterstützt mit einem mitlenkenden Heck. Stattdessen taucht er dann so ein bisschen weg und pflunzt sich dann wieder so ein bisschen nach vorne raus aus der Kurve.
Sie sehen, auch er ist mehr der schnelle souveräne Alltagssportler als ein richtig unterhaltsamer, radikaler Hot Hatch.
Obwohl auch der 25 Jahre GTI also fahrdynamisch nicht wirklich die Sterne vom Himmel holt, hat er alleine aufgrund seines vortrefflichen Erscheinungsbildes und des überzeugenden Antriebsstrangs einen Platz weit vorne in der ewigen GTI-Tabelle verdient. Zudem könnte ich ihn mir - auch 25-jährig - als schnellen, stressfreien Daily ziemlich gut vorstellen.
Sollten Sie ähnliche Gedanken haben: Das Angebot in den einschlägigen Gebrauchtwagenbörsen ist relativ überschaubar. Es wurden ja auch nur rund 3.000 Exemplare gebaut. Für ein nicht wirklich originales Exemplar (ein Schicksal, welches tragischerweise nun mal die meisten GTIs ereilt) mit hoher Laufleistung müssten Sie zwischen 8.000 und 12.000 Euro mitbringen. Ein unverbastelter "25 Jahre GTI" im topgepflegten Originalzustand wird Sie zwischen 20.000 und 25.000 Euro kosten. Dafür kriegt man dann aber auch einen vernünftigen Golf IV R32 mit 241-PS-Sechszylinder, der den Jubi-GTI fahrdynamisch bei weitem übertrifft.








