In Gaydon scheint die Sonne. Und doch heißt das nicht, dass es nicht bitterkalt wäre - so eine Kälte, wie man sie bei uns eher nur aus höheren Lagen kennt. In diesem Widerspruch aus warmem Licht, das die Farben der englischen Landschaft wie in einem Film leuchten lässt, und unwirtlichen Temperaturen passiere ich das Tor zum Sitz von JLR, kurz für Jaguar Land Rover.
Der Zweck meiner Reise ist ebenso klar wie komplex: Ich soll im Prototyp der finalen Version des Type 00 Platz nehmen - dem Auto, das Jaguars Wiedergeburt markieren soll und das mit rein elektrischem Antrieb und inklusiver Kommunikation die sozialen Netzwerke auf die Palme gebracht hat. Ich darf ihn ein paar Kilometer fahren und danach schildern, wie dieser allererste, kurze Kontakt war. Los gehts.
Ein Auto, das man siezt
Ich öffne auf der rechten Seite die erstaunlich leichte Tür mit rahmenlosem Seitenfenster und lasse mich in den Innenraum hinab. Das ist das passende Wort: Die Sitzposition ist sehr tief, obwohl unter mir ein Batteriepaket sitzt. Zudem wird der Eindruck durch die rundum extrem reduzierte Glasfläche noch verstärkt.
Eine digitale Justierung im Tesla-Stil, um das Lenkrad einzustellen, dann schiebe ich den Hebel hinter einer Lenkradspeiche auf D. Mehr kann ich zu den Innenraum-Details des Autos, das ich hier fahre, nicht verraten - der Prototyp ist getarnt, aber praktisch schon in Seriennähe.
Stille. Komplett. Der Antrieb ist elektrisch - klar. Aber hier geht es noch weiter: Die Sorgfalt bei der Geräuschdämmung wirkt nahezu manisch. Ich habe es sofort beim Öffnen der Tür gesehen: Doppelverglasung. Weitere Details sind aktuell noch nicht offiziell, aber es ist offensichtlich, dass Jaguar daran gearbeitet hat, den Innenraum dieses Gran Turismo zu einem wirklich ruhigen Ort zu machen.
Der erste Teil der Experience, wie man es hier nennt, besteht zunächst schlicht darin, das Areal zu verlassen, auf dem das Auto auf mich gewartet hat. Diese Meter brauche ich, um ein Gefühl für die Abmessungen - sie sind beachtlich - und für die Außenkanten zu bekommen, die man bei so wenig Glas um sich herum nicht unterschätzen sollte. Außerdem kann ich dabei die Regeln für das Fahren mit Rechtslenker kurz auffrischen.
Bereit zum Abheben
Der Instruktor neben mir lotst mich zum Proving Ground - entschuldigt die häufigen englischen Begriffe, aber hier passen sie wirklich - von Gaydon. Nur wenige Dutzend Meter vom Werk entfernt betreibt der Hersteller mehrere Strecken auf einem Areal von 60 Hektar. Ich fahre direkt auf die Schnellstrecke ein, und mein Begleiter fordert mich sofort auf, es laufen zu lassen.
Das lasse ich mir nicht zweimal sagen. Ein kleiner Impuls genügt, und das große Fahrzeug, in das ich mich erst vor wenigen Minuten hineingleiten ließ, startet etwas, das sich in jeder Hinsicht wie eine Startphase anfühlt. Nur eben noch schneller.
Das Beschleunigungsgefühl ist tatsächlich dasselbe wie kurz vor dem Abheben. Viele Informationen zum Powertrain habe ich nicht; ich weiß nur, dass rund 1.000 PS (ca. 736 kW) über drei Motoren anliegen - und dass man sie alle spürt. Im Handumdrehen stehe ich bei 250 km/h. Es gibt etwas Windrauschen, wobei man berücksichtigen muss, dass die Tarnfolie die Karosserie komplett einhüllt und damit Einfluss nimmt. Apropos: Die Serienversion soll der Jaguar mit dem besten Luftwiderstandsbeiwert aller Zeiten werden, cW 0,23.
Okay, ein starkes Elektroauto: Dass es geradeaus brutal schnell ist, überrascht nicht. Was hingegen weniger selbstverständlich ist, sind die Souveränität und die Agilität in Kurven. Der Grund: Die Hinterräder, die dank zweier unabhängiger Motoren auch Torque Vectoring nutzen können, um das Einlenken zu unterstützen, sind zudem mitlenkend.
Wir wechseln auf bewusst "kaputte" Straßen, die Landwege simulieren und dazu dienen, das Federungskomfort-Niveau zu bewerten. Auch hier - mit einer eher straffen Grundtendenz, nicht zuletzt wegen der gewaltigen 23-Zoll-Reifen - arbeitet das adaptive Fahrwerk sehr überzeugend.
Die Abstimmung ist anpassbar. Oder besser: Sie wird es in der finalen Version sein. Über die Fahrmodi soll sich dann auch die Leistungsabgabe beeinflussen lassen - ich möchte mir gar nicht ausmalen, was die Sport-Kennlinie kann - sowie die Rekuperation, die in drei Stufen einstellbar sein soll.
Stichwort Energie: Aktuell ist lediglich bekannt, dass die Batterie eine Kapazität von rund 120 kWh haben soll und eine Reichweite von etwa 700 km verspricht. Das entspräche einem Verbrauch von grob 17 kWh/100 km - für mich klingt das sehr optimistisch. Für diese Details ist es allerdings noch zu früh; mehr soll es im September geben. Und falls ihr euch fragt, ob später eine Hybridversion geplant ist oder ein kleines Zurückrudern beim Elektro-Kurs: Die Antwort lautet ganz einfach: Nein.
Unterm Strich bestätigt dieser erste Kontakt genau das, was man von einem Fahrzeug dieses Kalibers erwarten würde: extrem schnell, sehr komfortabel und - mit Innenraumgefühl und Proportionen - so eigen, dass man nie vergisst, etwas Besonderes zu fahren. Auffällig, majestätisch, anders als der Rest. Ein kleiner Wermutstropfen bleibt: keine Jaguar-Figur auf dem langen, breiten Vorderwagen - das hätte den Auftritt noch eindrucksvoller gemacht.
Der Jaguar Type 00 hat viel Aufmerksamkeit erzeugt. Zunächst wegen seiner Positionierung als rein elektrisches Modell und der daraus abgeleiteten Strategie - inklusive der Streichung aller anderen Modelle aus dem Portfolio. Dann wegen der Kommunikation, die als respektlos gegenüber der Markenhistorie kritisiert wurde und außerdem als sehr deutlich inklusiv. Wie man heute sagt: woke.
Eine neue Richtung, eine neue Philosophie. Etwas, das bei vielen Enthusiasten nicht gut ankam. Aber das - so Rawdon Glover, Managing Director von Jaguar - notwendig sei, um die ikonische Marke wieder erfolgreich zu machen, auch und vor allem wirtschaftlich.
Und das weiterhin im erweiterten Sinne der eigenen Tradition: sich von anderen Marken abzuheben und polarisierende Autos anzubieten - Fahrzeuge, die nicht jedem gefallen müssen, aber für ihre Inhalte auf höchstem Qualitätsniveau wiedererkannt werden. In wenigen Monaten werden wir ihn in finaler Form sehen. Dann hat Jaguar seinen Zug gemacht - und der Markt ist am Zug.








