MG will nach oben. Und zwar ziemlich deutlich. Der IM6 ist ein knapp 4,90 Meter langes Elektro-SUV mit 100-kWh-Akku, bis zu 751 PS, Allradlenkung und einer Ladeleistung, bei der selbst manche deutlich teureren Stromer ziemlich alt aussehen.
Hinter dem Kürzel IM steckt "Intelligence in Motion", ursprünglich die chinesische Marke IM Motors. In Europa packt SAIC die Fahrzeuge unter das MG-Dach und versucht damit, die Marke technologisch und preislich eine Etage höher zu positionieren.
Ganz allein kommt der IM6 dabei nicht. Technisch teilt er sich sehr viel mit dem flacheren IM5, bis hin zu Antrieben, Batterie, Cockpit und Bedienkonzept. Vereinfacht gesagt stehen hier zwei sehr ähnliche Autos auf derselben technischen Basis, nur eben mit unterschiedlicher Karosserieform.
Wer wissen möchte, wie sich die flache Variante schlägt, findet unsere Eindrücke im Fahrbericht zum MG IM5. Beim IM6 interessiert uns dagegen vor allem eine andere Frage: Kann das große SUV seinem Premiumanspruch gerecht werden?
| Schnelle Daten | MG IM6 100 kWh Premium AWD mit Drive Pack |
| Antrieb | Zwei Elektromotoren, Allradantrieb, 553 kW (751 PS) |
| 0-100 km/h | 3,5 Sekunden |
| Reichweite (WLTP) | 505 km |
| Verbrauch (WLTP) | 23,4 kWh/100 km |
| DC-Ladeleistung | bis 396 kW |
| Preis Testwagen-Basis | 62.990 Euro inkl. Drive Pack |
Karosserie/Design | Innenraum | Antrieb/Fahreindrücke | Verbrauch/Preis | Fazit
Karosserie/Design
Mit 4,90 Meter Länge, 1,99 Meter Breite und 1,67 Meter Höhe ist der IM6 ein ziemlicher Brocken. Der Radstand beträgt stattliche 2,95 Meter. Trotzdem sieht er erfreulich wenig nach fahrendem Kleiderschrank aus. Die fließende Dachlinie, bündigen Türgriffe und rahmenlosen Scheiben helfen ebenso wie der für ein SUV beachtliche cW-Wert von 0,259.
Vorne bleibt der Wiedererkennungswert allerdings überschaubar. Schmale Leuchten, glatte Flächen, viel Elektroauto. Gefällig? Ja. Spektakulär? Eher nicht. Mehr Charakter entwickelt die Seitenansicht, obwohl die höhere Karosserie naturgemäß etwas von der gestreckten Eleganz des IM5 verliert.
Bilder von: InsideEVs.de
Die Schokoladenseite ist eindeutig das Heck. Das hochgezogene, geschwungene Heck erinnert ein wenig an Aston Martin, dazu kommt ein durchgehendes Lichtband. Sogar das Bremslicht zieht sich quer über das Auto. Mit dunklen Rädern, orangefarbenen Bremssätteln und unserer blauen Lackierung ergibt das ein erstaunlich stimmiges Bild.
Das große Glasdach geht optisch beinahe in die Heckscheibe über. Das sieht klasse aus, hat aber einen Haken: Die Heckscheibe ist geradezu lächerlich klein. Der Innenspiegel wirkt entsprechend wie aus einem Kleinwagen entwendet, und ein flaches Auto kann hinter dem hohen Heck teilweise komplett verschwinden. Immerhin hat MG das Problem selbst erkannt. Per Lenkradtaste lässt sich eine rückwärtige Kamera auf dem Instrumentendisplay aufrufen. Gute Lösung.
| Abmessungen & Gewichte | MG IM6 100 kWh Premium AWD |
| Länge | 4.904 mm |
| Breite ohne Spiegel | 1.988 mm |
| Höhe | 1.669 mm |
| Radstand | 2.950 mm |
| Wendekreis | 10,18 m |
| Ladevolumen | 665 bis 1.640 Liter + 32 Liter Frunk; mit Drive Pack 646 bis 1.621 Liter |
| Leergewicht | 2.410 kg |
| Anhängelast gebremst | 1.500 kg |
| Räder | 20 Zoll; mit Drive Pack 21 Zoll |
Innenraum
Drinnen macht der IM6 einen überraschend edlen Eindruck. Weiche Oberflächen, Leder beziehungsweise Kunstleder, Stoffeinlagen und hübsche Metallabdeckungen der Lautsprecher erzeugen ein Ambiente, das tatsächlich nach Premium riecht. Auch die Verarbeitung unseres Autos überzeugte. Nur das Lautsprechergitter oben auf dem Armaturenbrett spiegelt sich bei ungünstigem Sonnenstand stark in der Frontscheibe.
Die Sitzposition passt hervorragend zum Charakter. Man thront nicht albern hoch, sitzt aber deutlich aufrechter und entspannter als in einer Limousine. Die weich gepolsterten Sitze sind weit geschnitten und auch auf Dauer sehr bequem. Besonders mögen wir die manuell ausziehbare Oberschenkelauflage.
Bilder von: MG Motor
Noch besser wird es hinten. Die Sitzbank ist angenehm hoch montiert, entsprechend vernünftig werden die Oberschenkel abgestützt. Das unterscheidet den IM6 ganz klar von seinem flacheren Bruder IM5. Dazu kommen üppige Bein- und Kniefreiheit sowie in der Neigung verstellbare Rückenlehnen, die ziemlich weit in Richtung Relaxstellung gebracht werden können. Das ist ein Fond, in dem wir auch eine sehr lange Reise freiwillig antreten würden.
Platz gibt es ohnehin reichlich. Der Kofferraum fasst 665 Liter, bei umgelegten Lehnen werden daraus bis zu 1.640 Liter. Mit dem Drive Pack sind es aufgrund der Luftfederung 646 bis 1.621 Liter. Zusätzlich gibt es einen 32-Liter-Frunk und im Gegensatz zum IM5 ein Unterflurfach im Kofferraum. Umso kurioser ist, dass MG offenbar beschlossen hat, ein Handschuhfach sei verzichtbarer Luxus. Es gibt schlicht keines.
Dafür besitzt die zweistöckige Mittelkonsole unten ein großes Ablagefach. Leider ist es weder gefüttert noch besonders tief. Kleinkram darf dort also munter den Soundtrack zur Fahrt klappern. Der eigentliche Soundtrack kommt besser aus der Anlage mit 20 Lautsprechern. Die klingt ausgezeichnet, räumlich und kräftig.
Das Cockpit dominiert ein 26,3-Zoll-Panoramadisplay, ergänzt durch einen tiefer sitzenden 10,5-Zoll-Touchscreen. Gerade dieser zweite Bildschirm ist überraschend praktisch, weil er gut erreichbar ist. Selbst die per Display verstellbaren Luftausströmer nerven dadurch weniger als befürchtet. Weniger gelungen sind die unbeschrifteten Lenkradtasten. Nach einiger Zeit hat man das aber drauf.
Grundsätzlich reagiert das System schnell und ist logisch genug aufgebaut. Wichtige Assistenten sind erfreulich schnell erreichbar. Trotzdem bleibt das bekannte Problem radikal reduzierter Cockpits: Ein Touchscreen verlangt Aufmerksamkeit. Einen vernünftigen Knopf ersetzt auch ein guter Touchscreen nicht.
Auch die elektrischen Türöffner per Taste innen halten wir für nicht ideal. Außen sitzen versenkbare Griffe, die ein wenig an Mercedes erinnern und leider ähnlich hakeln können. Sehr cool sehen dagegen die kleinen Autoschlüssel mit Fahrzeugsilhouette aus. Bis man sie benutzt. Sie sind komplett unbeschriftet und wirken mit Klavierlack und geringem Gewicht überraschend billig.
Antrieb/Fahreindrücke
Wir fahren den IM6 Premium AWD. Seine beiden E-Motoren produzieren 553 kW, also 751 PS, und 802 Nm. 3,5 Sekunden vergehen von 0 auf 100 km/h, maximal sind 239 km/h drin. Wer es vernünftiger mag, bekommt den Hecktriebler mit immer noch 300 kW oder 407 PS und 500 Nm.
751 PS in einem Familien-SUV sind natürlich kompletter Irrsinn. Im Sportmodus beinahe zu sehr. Das Fahrpedal reagiert dann derart aggressiv, dass sich der IM6 fast digital fährt. Leistung an, Leistung aus. Beeindruckend für Mitfahrer, für einen sauberen Strich aber unnötig.
Im mittleren Modus gefällt uns der Antrieb erheblich besser. Das Pedal spricht progressiv an, die Kraft lässt sich fein dosieren und trotzdem lauert jederzeit ein Leistungsüberschuss, der Überholvorgänge zur Nebensache macht. Im Individual-Modus können die Parameter zudem nach eigenem Geschmack kombiniert werden.
Der eigentliche Star unseres Testwagens ist aber das optionale Drive Pack. Für 2.000 Euro bringt es neben 21-Zoll-Rädern ein adaptives Luftfahrwerk mit. Und das Geld ist hervorragend investiert.
Im weichen Modus flauscht der IM6 geradezu über Unebenheiten. Dazu kommen eine mittlere und eine deutlich straffere Abstimmung. Erfreulicherweise handelt es sich nicht um drei Menüeinträge, die am Ende nahezu identisch fahren. Die Unterschiede sind klar spürbar. Gleiches gilt für Lenkung und Antrieb.
Auf den glatten Serpentinen unserer Testrunde zeigt der IM6 dann seine zweite Seite. Straff eingestellt lässt sich das schwere SUV erstaunlich engagiert bewegen. Die Lenkung bleibt zwar ziemlich synthetisch und leicht, aber hier stört das erheblich weniger. Zu diesem entspannten SUV-Charakter passt sie schlicht besser.
Großen Anteil an der erstaunlichen Handlichkeit hat die serienmäßige Allradlenkung. Die Hinterräder können um bis zu sechs Grad einschlagen, wodurch der Wendekreis auf gerade einmal 10,18 Meter schrumpft. Bei fast 4,90 Meter Länge ist das im Parkhaus teilweise ein echter Gamechanger.
Auch die Bremse überzeugt. Sie lässt sich linearer dosieren als zunächst erwartet und packt bei Bedarf richtig zu. Bei einer ungeplanten kräftigen Bremsung auf der Bergstrecke blieb keinerlei Zweifel an ihren Reserven. Weniger überzeugend ist die Rekuperation. Selbst die stärkste der drei Stufen liefert kein echtes One-Pedal-Driving. Gerade auf einer kurvigen Bergstraße wäre das schön gewesen.
Beeindruckend ist dagegen die Ruhe, trotz rahmenloser Seitenscheiben. Doppelverglasung, gute Dämmung und Road Noise Cancellation ergeben einen Innenraum, in dem Wind und Straße erstaunlich weit weg erscheinen. Das leichte elektrische Jaulen, das uns beim IM5 noch aufgefallen war, war in diesem Fahrzeug nicht wahrnehmbar.
Bei den Assistenten gibt es Licht und Schatten. Verkehrszeichenerkennung und Geschwindigkeitsanzeige funktionierten auf unserer Route erfreulich zuverlässig. Besonders gut: Die akustische Geschwindigkeitswarnung lässt sich abschalten, ohne dabei auch die Zeichenerkennung zu verlieren.
Der Spurführungsassistent nervt dagegen beim Spurwechsel. Wer selbst lenkt, überstimmt das System und deaktiviert die Spurführung. Danach muss sie erneut eingeschaltet werden. Der automatische Spurwechsel vermeidet das zwar grundsätzlich, lässt sich dabei aber reichlich Zeit und funktionierte bei uns nicht immer zuverlässig. Das ist unnötig umständlich.
| Technische Daten | MG IM6 100 kWh Premium | MG IM6 100 kWh Premium AWD |
| Antrieb | Heckantrieb | Allradantrieb |
| Leistung | 300 kW (407 PS) | 553 kW (751 PS) |
| Drehmoment | 500 Nm | 802 Nm |
| 0-100 km/h | 5,4 Sekunden | 3,5 Sekunden |
| Höchstgeschwindigkeit | 235 km/h | 239 km/h |
| Batterie brutto/netto | 100 / 96,5 kWh | 100 / 96,5 kWh |
| Reichweite (WLTP) | 625 km | 545 km (505 km mit Drive Pack) |
| WLTP-Verbrauch | 18,2 kWh/100 km | 21,7 kWh/100 km (23,4 mit Drive Pack) |
| Max. DC-Ladeleistung | 396 kW | 396 kW |
| Max. AC-Ladeleistung | 11 kW | 11 kW |
| Preis | ab 56.990 Euro | ab 60.990 Euro |
Verbrauch/Preis
Jetzt wird es für ein Elektroauto dieser Leistungsklasse richtig interessant. Im IM6 stecken brutto 100 und netto 96,5 kWh NMC-Akku. MG nennt für den Hecktriebler 625 Kilometer WLTP-Reichweite bei 18,2 kWh/100 km. Der AWD schafft 545 Kilometer und mit unserem Drive Pack wegen der größeren Räder noch 505 Kilometer bei offiziell 23,4 kWh/100 km.
Unsere große Runde endete bei ungefähr 25 kWh/100 km. Ein normierter Testverbrauch ist das ausdrücklich nicht. Dafür waren viele Bergstraßen dabei und wir haben die 751 PS keineswegs ausschließlich zum Stromsparen spazieren gefahren. Unter diesen Bedingungen wirkt der Wert ziemlich ordentlich. Rechnerisch sind damit rund 386 Kilometer bis zum letzten Elektron drin.
Noch spannender ist das Schnellladen. MG verspricht maximal 396 kW und etwa 17 Minuten von 10 auf 80 Prozent. Selbst laden konnten wir während der Veranstaltung nicht. Uns wurden jedoch dokumentierte Messwerte samt Fotos einer Ladung von 11 auf knapp 80 Prozent in rund 17 Minuten gezeigt. Dabei standen etwa 370 kW in der Spitze und mehr als 250 kW im Durchschnitt an. Das ist richtig stark. Eine solche Ladepause kann man auch auf der Langstrecke verschmerzen.
Billig ist der IM6 nicht, aber im Vergleich sehr preiswert. Der 407-PS-Hecktriebler startet bei 56.990 Euro, der getestete AWD bei 60.990 Euro. Mit Drive Pack stehen 62.990 Euro auf der Rechnung, bevor Lack und weitere Optionen dazukommen. Dafür ist die Serienausstattung umfangreich und MG gibt sieben Jahre beziehungsweise 150.000 Kilometer Garantie.
An Konkurrenz mangelt es in dieser Klasse inzwischen nicht. Besonders interessant ist der ähnlich große XPeng G9 AWD Performance, der mit Luftfederung, 423 kW und extrem schneller 800-Volt-Ladetechnik ab 72.600 Euro antritt. Der Hyundai IONIQ 5 N kostet mit 609 PS bereits 76.500 Euro, ist allerdings wesentlich kompromissloser auf Fahrspaß getrimmt.
Und auch aus Deutschland kommt Druck: Der neue BMW iX3 50 xDrive startet bei 70.900 Euro, während Audi für den Q6 e-tron mindestens 63.500 Euro verlangt. Vor diesem Hintergrund wirken 62.990 Euro für unseren 751 PS starken IM6 AWD samt Drive Pack plötzlich ziemlich scharf kalkuliert. Interessant: Exakt die gleiche Summe ruft Tesla für das Model Y Performance auf.
Fazit
Der IM6 überrascht weniger mit seinen 751 PS als mit allem drumherum. Leistung können inzwischen viele Elektroautos. Ein großes SUV gleichzeitig komfortabel, erstaunlich agil, extrem leise und langstreckentauglich abzustimmen, ist schwieriger. Genau das gelingt MG ziemlich überzeugend.
Das Drive Pack würden wir dabei unbedingt mitbestellen, denn erst die Luftfederung macht aus dem ohnehin guten IM6 ein bemerkenswert rundes Reiseauto. Kleine Softwaremacken, mäßige Rundumsicht und ein paar chinesische Bedienmarotten bleiben. Aber unterm Strich zeigt der IM6 ziemlich eindrucksvoll, dass die Buchstaben IM bei MG mehr sein sollen als bloß ein neues Emblem.
Pro
- Hervorragendes adaptives Luftfahrwerk mit großer Spreizung
- Extrem schnelles DC-Laden und ordentlicher Praxisverbrauch
- Sehr leise, hochwertig und ausgesprochen geräumig
- Allradlenkung macht das große SUV erstaunlich handlich
Kontra
- Winzige Heckscheibe und schlechte direkte Sicht nach hinten
- Spurführungsassistent nervt bei manuellen Spurwechseln
- Kein echtes One-Pedal-Driving
- Einige Bedienlösungen wirken unnötig verspielt








