Genesis Electrified GV70 im Test: Perfekter Langstreckenbegleiter

Ruhig, komfortabel, kraftvoll und überaus fürsorglich. Ist Genesis' bulliges SUV der perfekte Begleiter?

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Preisangaben, die eventuell im Artikel vorkommen, beziehen sich i.d.R. auf Deutschland.

"Ist es ein Bentley? Ist es ein Aston Martin? Nein, es ist ein Genesis!" So in etwa stellte ich mir die Gedanken der Menschen vor, die während des Ladens an unserem Electrified GV70 vorbeischlichen.

Der Gang wurde langsamer, der Kopf drehte sich immer extremer, der Blick fest auf der Front des koreanischen Luxus-SUVs verharrend. Zum Glück ist niemand vor die Straßenlaterne gelatscht - gewundert hätte mich das auch nicht mehr. Zugegeben, die Logos der drei Marken ähneln sich im Design ihrer gestreckten Flügel schon extrem. Ob die Passanten wirklich am Ende auf Genesis kamen, bleibt Spekulation. Eines ist jedoch gewiss: der GV70 verdreht Köpfe.

Genesis Electrified GV70 (2024) im Test

Was ist das?

Wenn Sie sich jetzt immer noch denken? Genesis? Waren das nicht die, die nicht tanzen konnten? Es sei Ihnen verziehen. Zum einen ist die Antwort auf diese Antwort "Ja" und zum anderen wurden im Jahr 2023 nur 642 GV70 zugelassen - knapp ein Drittel davon fahren vollelektrisch. Höchstwahrscheinlich sind Sie bisher also noch an keinem vorbeigekommen, sonst hätten Sie eventuell selbiges Spektakel vollzogen und könnten sich daran erinnern. 

Denn mit seinem bulligen Auftreten und dem schmalen Doppelscheinwerfer-Design ist der Electrified GV70 schon eine markante Erscheinung. Zudem erinnert er mit seinem Waben-Kühlergrill auf einen flüchtigen Blick tatsächlich an die britische Luxus-Marke mit Sitz in Crewe. Dass man sich da noch einmal umdreht - nur verständlich.

Und auch wenn Ihnen einer auf der Straße begegnet wäre. Die Fahrleistungen, die da auf dem Datenblatt der Koreaner stehen, sind ebenfalls ein ordentliches Kaliber: Front und Heckmotor kreieren bei betätigtem Boost 360 kW, die das SUV in 4,2 Sekunden nahezu geräuschlos von 0 auf 100 km/h sprinten lassen. Wäre das neben Ihnen passiert, Sie hätten es vermutlich mitbekommen und glatt vergessen, selbst zu beschleunigen. 

Schnelle Daten Genesis Electrified GV70
Leistung: 360 kW (50:50 aufgeteilt auf Front- und Heckmotor)
Drehmoment: 700 Nm
Antrieb: Allrad
Beschleunigung (0 auf 100 km/h) 4,2 Sekunden (mit Boost)
Batterie: 77,4 kWh, 800-Volt-Lithium-Ionen
Reichweite (WLTP): 455 km
Verbrauch (WLTP): 19,2 - 19,9 kWh/100km
Ladeleistung: 350 kW maximal (18 Minuten von 10 auf 80 Prozent)
Basispreis: 69.580 Euro

An der Ladesäule

Beeindruckende Werte für ein 2,3 Tonnen Gefährt, die mein Kollege im damaligen Test schon detailliert herausgestellt hat. Tanzen kann dieser dicke Brummbär also doch, wenn er denn möchte. Kümmern wir uns also lieber darum, wie sich das Ganze im Alltag verhält. Und damit gehen wir zurück an die Ladesäule, denn dort muss Kollege "Pfundskerl" irgendwann auch mal wieder Kraft auftanken, wenn er schon so spendabel seine Energie auf die Straße loslässt.

Wer dazu Zuhause nicht die Möglichkeit hat, wählt am Besten den Weg zur Schnellladesäule. Die Klappe befindet sich versteckt vorne im Kühlergrill und lässt sich mit einem leichten Druck öffnen. Schnorchel, aka CCS Combo DC Schnellladeanschluss, eingesteckt - Säule per App gestartet und ab jetzt heißt es: schnell sein, wenn Sie die Zeit irgendwie sinnvoll nutzen wollen.

Ich habe es gerade so in den nächsten Discounter zum Einkauf geschafft, bevor die App vermeldet: "Voll - bitte abholen!" Nur 18 Minuten braucht der Electrified GV70 von 10 auf 80 Prozent, mit denen dann knapp 400 Kilometer möglich sind. Selbst auf Langstrecken ist in der Zeit höchstens ein Toilettenbesuch oder eine kurze Beinvertretungspause umsetzbar. Die guten 770 Kilometer einmal quer durch die Republik von Hamburg nach München sind also gut mit einem kurzen Stopp zu bewältigen. Und mein Einkauf ging im großen Ladeabteil fast schon unter.

Das Langstreckenleben

In meinem Testzeitraum fuhr ich zweimal Langstrecke. Einmal Bochum - Nürburgring und zurück, einmal Bochum - Amsterdam und zurück. Erstere kommt mit einer Gesamtlänge von in etwa 350 Kilometern daher. Ohne allzu sehr auf eine energiesparende Fahrweise zu achten, war die Strecke ohne Ladestopps mit ausreichender Restreichweite möglich.

Bei Letzterer mit einer Gesamtlänge von 450 Kilometern wurde ein sehr kurzer Nachladestopp im "Land der Tausend Ladesäulen" nötig. Und das ist bei unseren Nachbarn absolut kein Problem, wenn die Ladeübersicht im Navi gefühlt mehr Säulen als Sandkörner an der Küste ausweist.

Ein kurzer Spaziergang um den Block reichte aus, um nach der Krafttankpause für Mensch und Maschine entspannt nach Hause zu kommen. Und wo wir gerade von unseren Nachbarn reden. Noch etwas gefiel dem GV70 extrem gut: das angepasste Tempo bei 100 km/h und der Berufsverkehr um Amsterdam auf der Autobahn.

Nach 226,9 Kilometern, die der Genesis absolut selbstsicher und satt auf der Straße liegend bewältigt, standen 16,4 kWh pro 100 Kilometer auf dem digitalen Infobildschirm. Drei Kilowattstunden weniger, als der von Genesis angegebene Rahmen im kombinierten Schnitt.

Dieser GV70 kann also nicht nur auf die Kacke hauen, sondern auch mit seiner Energie haushalten, wenn er denn muss. Diesem hilft es, wenn der Fahrer vorausschauend unterwegs ist, Rekuperationszeiträume und die dafür vorgesehenen Wippen am Lenkrad effektiv nutzt.

"Mach es Dir bequem"

Gerade doch keine Lust allzu aktiv unterwegs zu sein? "Kein Problem," sagt Kollege GV70 und übernimmt mit seiner intelligenten Geschwindigkeitsregelanlage, dem Autobahn-, dem Spurhalte-, Spurfolge- und dem Frontkollisionsassistenten. Dabei kann sich dann entspannt auf dem edlen Ledergestühl zurückgelehnt werden, das das Waben-Design des Kühlergrills elegant aufnimmt.

Aber Vorsicht! Auf Langstrecken werden Sie zusätzlich jede volle Stunde Fahrzeit für etwa fünf Minuten massiert. Wer schneller fährt, wird von den Wangen der Rückenlehne aktiv fester gehalten, als bei gemächlicher Fahrt. Wie ein großer Bruder, der sagt, 'mach ruhig, ich halte Dich!'

Also Musik an, Genuss ein! E-Motor, Geräuschdämmung, das sanfte Abrollen des kräftigen Boliden, die Verarbeitungsqualität - in den GV70 einzusteigen ist ein ähnliches audiophiles Erlebnis wie das Aufsetzen der liebsten Noise Canceling Kopfhörer. Abgeschottet von der Außenwelt, kommen hier die Klänge jedes Details eines Arrangements genau dort an, wo sie sollen. Dafür sorgt das 16 Lautsprecher umfassende, dynamische Lexicon Sound System. Zugegeben, ich hatte schon lange nicht mehr so viel Spaß an meiner Musik (Nein, nicht Genesis!) während der Fahrt. Herrlich, wenn kein Geräusch meint, wichtiger zu sein und dazwischen funken zu müssen.

Das Cockpit inklusive Infotainment ist übersichtlich. Für meinen Geschmack sind schon zu viele Auswahlmöglichkeiten für diverse Einstellungen in Kombination aus Knöpfen, Touchdisplay, Schaltern, Tastern und Drehreglern vorhanden. So drehte ich manches Mal beim Einparken nicht am Fahrstufenregler, sondern am Infotainmentknopf. Hier ist die Intuition wohl eher von der Armlänge und der Sitzeinstellung abhängig. Ansonsten steht der GV70 mit allen ihm zur Verfügung stehenden Daten, Infos und Rundumblick bereit, beim Rangieren äußerst umsichtig zu helfen.   

Fazit

Kurz zusammengefast: eine außergewöhnliche Erscheinung in hoher Verarbeitungsqualität, die einem beim Fahren mit etlichen Annehmlichkeiten umsorgt und dabei absolut alltags- und langstreckentauglich ist. Vollelektrisch zu fahren, kann echt anstrengend sein - puh! Nein, im Ernst, ich bin selten dermaßen entspannt irgendwo angekommen. Als jemand, die das stetige SUV-Wachstum eher skeptisch beäugt und durchaus arbeitsträchtiges Autofahren mag, bin ich mit dieser Alltagserfahrung sehr zufrieden.

Sie sind gerade in der Klasse von BMW iX3, Mercedes EQE, Jaguar I-Pace auf der Suche? Setzen Sie sich auf jeden Fall mal in einen Genesis Electrified GV70. Sie könnten bei gleicher oder sogar höherer Ausstattung und Qualität etwas Geld sparen. Und schon allein aus dem Grund, damit dieses extreme Kopfverdrehen der Passanten endlich mal aufhört. Wer will schon an Genickbrüchen Schuld sein?   

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Autor: Benja Hiller