Bildschirme haben aus mehreren, vollkommen nachvollziehbaren Gründen die Fahrzeuginnenräume erobert. Am offensichtlichsten ist der Kostendruck: Für Autohersteller ist es günstiger, physische Bedienelemente einzusparen und den Zugriff auf die meisten Funktionen über das Infotainment zu bündeln.
Obendrein bevorzugt China, der weltweit größte Automarkt, ganz überwiegend Smartphone-ähnliche Armaturenlandschaften. Der Volkswagen China-Chef Ralf Brandstätter sagte im vergangenen Jahr, dass Käufer vor Ort AI-first, vernetzte Fahrzeuge mit nahtloser Sprachsteuerung und smarten Cockpits wollen.
Auch wenn sich die alteingesessenen Hersteller in China auf schwierigem Terrain bewegen, bleibt der Markt riesig. Idealerweise würden Autobauer je nach Region unterschiedliche Cockpit-Layouts entwickeln - doch das kostet Geld. Stattdessen haben sich Displays global durchgesetzt.
Zuletzt ist allerdings - zumindest in Europa - ein neuer Trend zu beobachten. Richtige Tasten feiern ein Comeback. Auch und gerade bei VW, nachdem man erkannt hat, was die Menschen tatsächlich wollen. Besser spät als nie, oder?
Audi: Zurück zu Materialqualität und Audi-Klick
Ähnlich ist die Lage bei Audi. Auch in Ingolstadt setzte man zuletzt konsequent auf Bildschirme. Einige der jüngsten Modelle verfügen sogar über ein zusätzliches Display für den Beifahrer - wie oben beim neuen A6 Avant zu sehen. Allerdings will Audis Chief Creative Officer das zurückholen, was Audi-Innenräume früher auszeichnete: hochwertige Materialien und etwas von dem sogenannten Audi-Klick, den die fantastisch gearbeiteten Innenräume in Vorgängergenerationen hatten.
Fotos von: AudiIm Gespräch mit dem Magazin Top Gear formulierte Massimo Frascella, was viele denken: Große Bildschirme sind nicht das beste Erlebnis. Das ist Technologie um der Technologie willen. Das Concept C gibt nicht nur einen Vorgeschmack auf einen elektrischen Sportwagen, sondern auch auf eine Rückbesinnung auf klassische Audi Werte im Interieur. Ein zentraler Bildschirm ist weiterhin vorhanden, er fällt mit 10,4 Zoll jedoch kleiner aus. Und er kann in das Armaturenbrett eingeklappt werden, wie es bei vielen Modellen des vergangenen Jahrzehnts der Fall ist.
Wie viel von den Qualitäten des Concept C in künftige Serienmodelle von Audi einfließen wird, bleibt abzuwarten. Frascella macht jedoch Hoffnung, dass die Überbetonung von Screens und das Meer aus hochglänzendem Klavierlack-Kunststoff bei der nächsten Fahrzeuggeneration der Vergangenheit angehören könnten:
Es geht nicht darum, Dinge wegzulassen, sondern Technologie und Funktionalität so anzubieten, dass es für den Kunden sinnvoll ist. Und premium ist. Dieser Mix aus digital und analog, die Haptik, die Qualitätsanmutung, die für Audi so wichtig ist, die Präzision, die Metallteile … wir sprechen vom Audi-Klick. Das hat Audi zu dem gemacht, was Audi ist.
Es ist nicht das erste Mal, dass ein hochrangiger Audi-Vertreter einräumt, dass die Innenräume früher besser waren. Oscar da Silva Martins, Leiter Produkt- und Technologiekommunikation, sagte uns im vergangenen Jahr: Wir waren in puncto Qualität in der Vergangenheit sicherlich besser, aber wir werden da wieder hinkommen.
Mercedes hält dagegen - und kritisiert Audis Ansatz
Während Audi also ankündigt, sich vom heutigen Screen-Überangebot lösen zu wollen, sieht Mercedes die Sache anders. Der scheidende Designchef Gorden Wagener sagte vor kurzem: Wir wollen eine visuelle Referenz auf dem Screen haben, oder man möchte vielleicht einen Film schauen und solche Dinge. Also ja, man braucht große Bildschirme. Er ging sogar so weit, gegen Audi und das Concept C zu sticheln: Der Innenraum sieht aus, als wäre er 1995 entworfen worden. Er ist ein bisschen zu vertraut und es gibt zu wenig Tech.
Audi wollte auf diese kleine Provokation bisher nicht reagieren, konzentriert sich stattdessen darauf, wie man die Modelle von morgen gestalten will. Das Concept C soll voraussichtlich 2027 in den Verkauf gehen und eine neue Ära einläuten.
Der nächste Q7 und ein erster Q9 werden dagegen näher an der aktuellen Formel bleiben. Die beiden großen SUVs könnten noch dieses Jahr auf den Markt kommen. Massimo Frascella wurde im Juni 2024 zum Chief Creative Officer ernannt - sein Einfluss auf neue Modelle wird sich daher erst wirklich zeigen, wenn der vielbeachtete elektrische Sportwagen Concept C im nächsten Jahr debütiert.
Fotos von: Audi
Motor1 meint:
Frascella trifft den Punkt. Die meisten haben kein grundsätzliches Problem mit Bildschirmen. Ein Innenraum wirkt jedoch schnell überladen und lenkt ab, wenn das Armaturenbrett zu einem nahezu durchgehenden Display von A- bis A-Säule wird. Zusätzliche Screens lassen Cockpits zudem oft billig wirken. Besonders heikel ist das im Premiumsegment, in dem Käufer eine höhere Material- und Verarbeitungsqualität erwarten.
Auch wenn Audi offenbar in die richtige Richtung steuert, bleibt die Frage, ob schönere Innenräume Autos nicht noch teurer machen. Es liegt nahe, dass zusätzliche Tasten sowie bessere Passungen und Oberflächen zu höheren Preisen führen. Andererseits muss Audi sich klarer von der Volumenmarke VW absetzen, die ebenfalls wieder physische Bedienelemente einführt und zuletzt auch die Materialqualität spürbar angehoben hat.








