Die Ära der Autos ohne Heckscheibe hat gerade erst begonnen

Bessere Kameras und Displays: Einige Hersteller verzichten inzwischen auf die Heckscheibe, aber was bedeutet das für die Zukunft des Autodesigns?

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Ein Auto ohne Heckscheibe zu entwerfen klingt zunächst ziemlich verrückt. Inzwischen ist diese unkonventionelle Idee aber bereits Realität geworden. Dank besserer Rückfahrkameras und größerer, schärferer Displays im Innenraum ist etwas möglich geworden, das lange undenkbar schien: der komplette Verzicht auf das hintere Glas.

Der Polestar 4 ist das erste Serienfahrzeug, das dieses Konzept konsequent umsetzt. Er steht damit jedoch nicht allein da. Studien von Jaguar und Audi sowie einige extrem seltene Ferraris zeigen, dass es sich nicht um ein einmaliges Experiment handelt. Die Heckscheibe könnte tatsächlich vor dem Aus stehen.

Die Gründe für diesen Wandel sind deutlich spannender und technischer, als es auf den ersten Blick wirken mag.

Polestar 4: Das erste offizielle Ja zum Auto ohne Heckscheibe

Der Polestar 4 ist das erste Serienauto ohne Heckscheibe. Es gibt kein Glas und keine versteckte Öffnung, sondern eine geschlossene Heckpartie.

Stattdessen nutzt Polestar eine Weitwinkel-HD-Kamera, die ein Livebild auf den digitalen Innenspiegel überträgt. Das ist mutig, aber vor allem funktional gedacht.

 

Ohne Heckscheibe lässt sich die Dachlinie weiter strecken, die Aerodynamik verbessern und mehr Kopffreiheit im Fond schaffen. Die Fastback-Form wirkt aufgeräumter, verbessert aber auch die Sicht.

Die Kamera wird weder von Passagieren noch von Kopfstützen, Regen oder der Karosserie verdeckt. Der Blick nach hinten ist dadurch oft klarer als zuvor. Zumindest in der Theorie. Für viele ist der Blick in den digitalen Rückspiegel eine Zumutung mit der sie gar nicht umgehen können. 

Jaguar Type 00: Style zuerst

Das Ende 2024 vorgestellte Jaguar-Type-00-Konzept sorgte für Diskussionen (um es freundlich auszudrücken), und das aus gutem Grund. Es zeigt eindrucksvoll, wie stark der Verzicht auf die Heckscheibe das Erscheinungsbild eines Autos verändern kann, besonders bei einem sportlichen Fahrzeug.

Das Heck ist vollständig geschlossen, mit horizontalen Designelementen im unteren Bereich. Hier geht es weniger um Funktion als um ein klares Statement. Das Dach geht ohne sichtbaren Übergang ins Heck über, während Kameras die Sicht nach hinten übernehmen, ähnlich wie beim Polestar.

Der Type 00 zeigt, was möglich wird, wenn Designer eine Regel streichen, die seit über hundert Jahren gilt. Ob Jaguar diese Ideen in Serienfahrzeuge überträgt, bleibt offen.

Audi Concept C und Ferrari: Funktion trifft Drama

Audis Concept C verfolgt einen etwas anderen Ansatz. Anstelle einer klassischen Heckscheibe gibt es drei schmale horizontale Schlitze. Eine große Glasfläche fehlt komplett, Kameras müssen also auch hier die Aufgabe des Sichtfeldes nach hinten übernehmen.

Die radikale Studie deutet an, wohin sich Audi optisch entwickeln könnte und passt zur langjährigen Ausrichtung auf Aerodynamik und klare Linien. Wie viel davon in die Serie gelangt, ist noch unklar.

Ferrari geht wie erwartet noch weiter. Der 812 Competizione verzichtet vollständig auf Heckglas und nutzt stattdessen ein massives Aluminiumteil mit integrierten Strömungselementen. Sie lenken die Luft und erhöhen den Abtrieb. Transparenz spielt hier keine Rolle, sondern reine Performance mit kamerabasierter Sicht.

Das gleiche Prinzip gilt für die Einzelstücke SP38 und SP48 Unica. Ihre Hecks sind als geschlossene, skulpturale Flächen gestaltet, vollständig von der Aerodynamik bestimmt.

Selbst der neuere 12Cilindri folgt diesem Trend. Er besitzt zwar noch Heckglas, doch es tritt stark in den Hintergrund und dient mehr als Gestaltungselement denn als Fenster.

Die Kamera verändert die Form des Autos

Der Abschied von der Heckscheibe ist kein futurischer Gag. Er wird durch zwei Technologien möglich, die nun ausgereift sind: externe HD-Kameras und hochauflösende Displays im Innenraum. Sobald Sicht nicht mehr von Glas abhängt, können Designer das Heck völlig neu denken.

Die Vorteile liegen auf der Hand. Die Aerodynamik verbessert sich, der gestalterische Spielraum wächst, strukturelle Kompromisse entfallen, und eine empfindliche Glasscheibe wird überflüssig. Der Polestar 4 hat den Anfang gemacht, während Jaguar, Audi und Ferrari das Konzept auf ihre eigene Weise weiterentwickeln.

Wie eine Zukunft ganz ohne Heckscheiben konkret aussieht, ist noch offen. Trotz der beschriebenen Vorteile dürfte der Großteil der Kundschaft aus reiner Gewohnheit auf die klassische Heckscheibe nicht verzichten wollen. Für Design-Statements an eher individuellen Fahrzeugen taugt das geschlossene Heck durchaus, ob es sich in der Masse durchsetzt oder das überhaupt angestrebt wird, bleibt mehr als fraglich. 

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Autor: Sergio Chierici