Fiat 124 Limousine (1966–1975): Das Weltauto aus Turin

Das sachliche Stufenheck wird 60, doch die meisten kennen es nur als Lada. Schade eigentlich.

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Denken wir an Autos aus Italien, kommen uns sportliche Motoren und elegante Designs in den Sinn. Doch dieses Geburtstagskind assoziiert fast jeder mit Russland. Wir schreiben das Jahr 1966. Während in London die "Swinging Sixties" ihren Höhepunkt erreichen, präsentiert Fiat im März in Genf eine Limousine, die optisch so sachlich daherkommt wie ein frisch gebügeltes weißes Hemd: den Fiat 124.

Er ist der Nachfolger des ehrwürdigen 1300, doch er ist weit mehr als nur ein neues Modell. Nämlich die Blaupause für das moderne Automobil der Mittelklasse und wird als Europas "Auto des Jahres 1967" die Garagen von Europa bis Sibirien erobern - eingeleitet durch einen spektakulären Werbegag, bei dem Fiat den Wagen kurzerhand per Fallschirm aus einem Flugzeug abwirft.

Fiat 124 Limousine (1966-1975)

Sachlichkeit als Programm

Schauen wir uns den Jubilar genauer an. Das Design der 4,03 Meter langen und 855 Kilogramm leichten Limousine (Berlina) wirkt heute fast schon radikal funktional. Drei-Box-Design, klare Kanten, viel Glas. Keine Schnörkel, kein Chrom-Lametta. Auch weil man durchaus schon eine globale Lizensierung im Hinterkopf hat. Je einfach die Blechteile zu fertigen sind, desto besser. 

Chefingenieur Oscar Montabone darf hier fast auf einem weißen Blatt Papier beginnen - nur das vollgeblockte Viergang-Getriebe übernimmt er vom Fiat 1500. Unter dem Blech steckt solide Ingenieurskunst: Der 1,2-Liter-Vierzylinder leistet anfangs 60 PS (65 SAE-PS). Das klingt nach wenig, reicht aber für die knapp 855 Kilogramm Leergewicht völlig aus. Hinzu kommt ein klassischer Hinterradantrieb, den Frontantrieb überlässt man vorerst noch dem optisch ähnlichen Autobianchi A111. 

Dank einer fünffach gelagerten Kurbelwelle läuft das Triebwerk kultivierter als die rasselnde Konkurrenz, während die moderate Verdichtung von 8,8:1 auch minderwertigen Sprit klaglos verdaut. Im Cockpit herrscht typischer 60er-Jahre-Charme: Ein spindeldürres Lenkrad, Bandtacho (in der frühen Basisversion) und eine Prise Hartplastik.

Exakt 1.035.000 Lire kostet die 124 Limousine anfangs in Italien. 6.194 Mark sind es Anfang 1969 in der Bundesrepublik, etwas günstiger als eine fünftürige Opel Kadett L 1.1 Limousine mit 45 PS. Die Kunden nehmen den Fiat 124 von Anfang an positiv auf. Schon beim Produktionsstart werden 200 Einheiten pro Tag gefertigt, eine Zahl, die bis zum Herbst 1966 auf 600 steigt.

Brave Optik, sportliche Motoren

Wer es etwas forscher mag, greift ab 1968 zum Special. Hier arbeitet ein 1,4-Liter-Aggregat mit 70 PS, das nicht nur optisch durch Doppelscheinwerfer auffällt. Die eigentliche Revolution findet hinten statt: Während die Basis mit einer Dreilenker-Achse auskommen muss, spendiert Fiat dem Special eine moderne Fünflenker-Hinterachse mit Schraubenfedern.

1970 folgt der "T Special" (das T steht für Twin Cam), der den 80 PS starken Doppelnockenwellen-Motor der Sportmodelle unter die brave Haube holt. Besonders fortschrittlich: Scheibenbremsen an allen vier Rädern sind beim 124 Serie. Das sorgt für Verzögerungswerte, von denen Käfer-Fahrer damals nur träumen können. 

Im November 1970 kommen die Fahrzeuge der ersten Modellpflege in den Handel. Das Basismodell des Fiat 124 erhält einen neu gestalteten Kühlergrill mit vier horizontal angeordneten und verchromten Leisten. Die Stoßstangenhörner sind vom 124 Special übernommen. Das überarbeitete Heck hat nun größere Rückleuchten mit Rückfahrscheinwerfern. Um die Luftzirkulation im Innenraum aller Fahrzeuge zu verbessern, kommen Entlüftungsschlitze an die C-Säule. Eine Zweikreisbremsanlage mit Servounterstützung erhöht die Sicherheit. Innen gibt es Holzfolie.

Die schönen Geschwister: Coupé und Spider

Doch der 124 ist ein Verwandlungskünstler. Während die Berlina und der praktische Kombi (Familiare, er kommt im November 1966) den Alltag bedienen, schickt Turin 1966 und 1967 zwei Derivate ins Rennen, die bis heute Fan-Augen feucht werden lassen. Das von Mario Boano gezeichnete Coupé erscheint in drei Serien (AC, BC und CC) und bietet echten Gran-Turismo-Flair für das Volk.

Noch legendärer: der bildschöne 124 Sport Spider. Er stammt aus der Feder von Tom Tjaarda (Pininfarina) und nutzt die Technik des 124 in ihrer schärfsten Form. Hier debütieren die legendären Lampredi-Motoren mit Zahnriemen - echtes High-Tech für die Massenproduktion. Die Palette reicht später bis zum 2,0-Liter-Einspritzer und dem seltenen "Volumex" mit Kompressor und 135 PS.

Ein Auto für die ganze Welt

Der eigentliche Clou ist jedoch die internationale Karriere. Der Fiat 124 ist das wohl meistgebaute Auto der Geschichte, wenn man alle Lizenzbauten mitzählt. Am bekanntesten ist natürlich der VAZ-2101 (Lada), der ab 1970 die Sowjetunion mobilisiert und samt aller Weiterentwicklungen allein über 15 Millionen Mal vom Band läuft.

Doch die Liste der Derivate ist lang: Seat fertigt in Spanien den 124 und die luxuriösere Variante 1430.
Tofaş baut in der Türkei den "Murat 124", der später liebevoll "Serçe" (Spatz) getauft wird.
Premier lässt den Wagen in Indien als 118 NE (später als Diesel 137D) bis ins neue Jahrtausend hinein leben. Sogar Asia Motors (heute Kia) montiert den Fiat zwischen 1970 und 1975 in Südkorea.

In Italien endet die Produktion der Limousine bereits 1975, um Platz für den 131 Mirafiori zu machen. Der Spider hingegen erweist sich als Dauerläufer und bleibt bis 1985 im Programm, zuletzt als "Spider Europa" unter der Ägide von Pininfarina selbst. 2016 feierte der Name ein kurzes Comeback auf Basis des Mazda MX-5, doch das Original bleibt unerreicht.

Was bleibt vom Fiat 124? Er ist das Paradebeispiel für ein vernünftiges Konzept, das durch kluge Varianten veredelt wurde. Er ist nicht so exzentrisch wie eine DS, nicht so konservativ wie ein Opel Rekord, sondern genau die goldene Mitte. Ein echtes Weltauto eben, das uns heute daran erinnert, dass Fahrspaß nicht immer 500 PS braucht. Ein sauber eingestellter Vergaser und eine kurvige Landstraße genügen völlig. Nur: Finden Sie erstmal eine Fiat 124 Limousine und KEINEN Lada ...

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Autor: Roland Hildebrandt