Politiker haben Pläne, Ingenieure Realismus. So könnte das Fazit des Wiener Motorensymposiums 2026 lauten. Standortbestimmung und Zukunftsaussichten: In Wien stand ein vielseitiges Antriebs-Portfolio im Fokus. Die Präsentation der chinesischen "Roadmap 3.0" durch die China SAE feierte ihre Europapremiere.
Hier ein Stimmungsbild aus den 100 Vorträgen, die größtenteils in der Wiener Hofburg, aber auch online gehalten und diskutiert wurden. "Das Wiener Motorensymposium begleitet seit Jahrzehnten den Wandel unserer Branche", konstatierte zum Beispiel der Leiter der technischen Entwicklung "e-Drive" bei Mercedes.
Und das Anschauungsmaterial seiner Ausführungen stand auch gleich vor der Wiener Hofburg geparkt, frei zur Besichtigung. Es ist die neue Generation des EQS, des Elektro-Flaggschiffs der Marke. Der Vortragende ist mit diesem neuen Fahrzeug direkt aus Stuttgart angereist. Und nach den etwa 620 Kilometern Wegstrecke verblieben in der Hochvoltbatterie immer noch 21 Prozent Ladestand; ausreichend, um mit einem einzigen Ladestopp auf der Rückfahrt wieder bis nach Hause zu kommen.
Mit diesem anschaulichen Leistungsbeweis spannte sich ein Bogen über den Austausch weltweit führender Akteure und Gestalter der Automobilbranche, die sich zum inzwischen 47. Mal in Wien zusammengefunden hatten. Es geht, und das ist nicht übertrieben, um die Zukunft der Mobilität und somit um das Portfolio aller Antriebsarten, die hierbei im Spiel sind.
Gesamtbetrachtung statt einer einzigen Lösung
Dass diese Zukunft auf eine einzige technische Lösung hinausliefe, mag vielleicht dem Standpunkt einiger Vertreterinnen und Vertreter der EU-Kommission entsprechen, nicht aber der Marktrealität und dementsprechend den Erkenntnissen der weltweiten Forschung und Entwicklungsarbeit, um wirksame Defossilisierung zu betreiben und den fossil bedingten CO2-Anteil aus dem Verkehrssektor entschlossen zurückzudrängen.
"Die Gesamtbetrachtung - von der Wiege bis zur Bahre von Energie und Antrieb - ist das Entscheidende", führt "Hausherr" Univ.-Prof. Dr. Bernhard Geringer als Vorsitzender des veranstaltenden Österreichischen Vereins für Kraftfahrzeugtechnik (ÖVK) in seinem Statement aus.
Europapremiere mit China SAE
Aus der Fülle der Vorträge und Präsentationen, die im prächtigen Ambiente dreier Säle der Wiener Hofburg teils parallel vor insgesamt rund 1000 Fachbesuchern und Pressevertretern aus aller Welt gehalten wurden, sticht das Thema des Eröffnungstages mit einer Europapremiere hervor:
Professor Xiangyang Xu, von der Beihang University, Fellow der Chinesischen Society of Automotive Engineers (China SAE), erläuterte Details und Besonderheiten der Roadmap 3.0, die den Fahrplan von Chinas Autoindustrie bis zum Jahr 2040 vorgibt.
Im Rahmen des Exkurses präsentierten die Hersteller Great Wall Motors und Li Auto Produktneuheiten für On- und Offroad, während Stephan Neugebauer von der BMW AG, gleichzeitig "Chair of European Road Transport Research Advisory Council" (ERTRAC), über die Notwendigkeit einer umfassenden Technologieneutralität berichtete. Ins gleiche Horn stieß Lukas Walter von der Grazer AVL List GmbH, indem er "eine Lösung für alles" marktspezifischen Lösungen gegenüberstellte.
Bei der Gelegenheit gab Madame Ruiping Wang, Senior Vice President Geely Auto, einen Einblick in das Produktions- und Entwicklungsgeschehen bei einem Schwergewicht unter Chinas Autoherstellern. Sie stellte fest: "Wir brauchen jede einzelne Lösung auf dem Weg zur Karbon-Neutralität." Dafür, so Wang, gäbe es die Unterstützung sowohl von der Regierung als auch von China SAE.
Da steckt noch Potenzial drin: 45 % BEV-Anteil bis 2035
Am offiziellen Eröffnungstag machte eine Tour dHorizon durch das globale automotive Geschehen den Auftakt: Der Institutsleiter des Lehrstuhls für Thermodynamik mobiler Energieumwandlungssysteme der RWTH Aachen University und Vorsitzende der Gesellschafterversammlung, FEV, Aachen, Univ-Prof. Stefan Pischinger, stellte den Status quo und die verschiedenen politischen sowie regulatorischen Rahmenbedingungen der Autoindustrie in den weltgrößten Märkten gegenüber.
In der Folge beleuchtete Pischinger die Potenziale der verschiedenen Antriebskonzepte von Verbrennungsmotor bis EDU (Electric Drive Unit) und von e-Fuels. Bis zum Jahr 2035 sei mit einem weltweiten BEV-Anteil von 45 Prozent an den Verkäufen zu rechnen, so Pischinger; dies allerdings unter der günstigsten Annahme für die BEV-Verbreitung beispielsweise in Europa.
Premiere: Verbrennungsmotor mit 48 Prozent Wirkungsgrad
Mit Blick auf den Weltmarkt muss festgestellt werden, dass außerhalb Europas Verbrennungsmotoren noch länger nicht passé sind. Allein in China wird laut Roadmap 2040 noch ein gutes Drittel aller Neuzulassungen auf (elektrifizierte) Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor entfallen.
Bis vor wenigen Jahren ungeahnte Fortschritte beim Erzielen hoher Wirkungsgrade belegen eindrucksvoll, dass diese Entwicklung bei weitem nicht abgeschlossen ist. Ganz vorne mit dabei ist die Grazer AVL, die über einen Motor mit 48 Prozent Wirkungsgrad berichtete.
Von Bosch und Champion gab es Betrachtungen über Varianten der Vorkammerzündung für Benzinmotoren.
Fortschritte bei Batterie- und e-Antriebstechnik
Selbstverständlich gab es auf dem diesjährigen Motorensymposium auch viel über Fortschritte in der Batterie- und elektrischen Antriebstechnik zu hören. Porsche etwa stellte eine Öl-Direktkühlung vor, die im neuen Cayenne Electric Turbo nicht nur eine effiziente und überragende Peak-, sondern auch eine besonders hohe Dauerleistung des an der Hinterachse verbauten Elektromotors ermöglicht.
Einblicke in hocheffiziente elektrische Antriebssysteme gewährten unter anderen BMW, Chery, VW und AVL List, während Volkswagen und Toyota auch über neue Hybridsysteme mit und ohne Stecker referierten. VW bringt noch 2026 einen Vollhybrid in T-Roc und Golf.
Steigende Beliebtheit für Range Extender (REEV)
Aus China wird wiederum über die stark wachsende Beliebtheit von batterieelektrischen Autos mit Range Extender (REEV) berichtet. - Immer mehr Hersteller haben sie in der Entwicklung und im Sortiment, im vergangenen Jahr wurden bereits über 1,2 Mio. Stück dieser Fahrzeuge im Land verkauft. Horse Powertrain erläuterte diesbezüglich die Besonderheiten einer neuen Benziner-Plattform speziell für den Einsatz in Range-Extender-Fahrzeugen.
Comeback des Radnabenmotors?
Vor diesem Hintergrund tun sich auch aktuelle Neuentwicklungen von 1,5 bis 6,6 Liter Hubraum auf, vom Vierzylinder über Sechszylinder-Boxer und V8 bis V12. Welche Rolle ein drehmoment-starker sowie effizienter V6-Diesel in Kombination mit einem hybriden Antriebsstrang spielen kann, teilte die Audi AG mit dem Publikum, während Mercedes über Reihensechszylinder-Diesel und hochkompetitive V8 im Top End-Segment berichtete.
Damit befanden sich Porsche und Lamborghini in bester Gesellschaft: Die Stuttgarter referierten über 911 Turbo S, während die Gesandtschaft aus SantAgata Bolognese den Schritt vom Supercar Temerario zu dessen Rennstrecken-Variante GT3 erläuterte. Mahle nahm das Publikum mit auf eine virtuelle Reise, an deren Ende ein 6,6-Liter-V12 mit Hybridmodul steht, welcher im neuen Hypercar von Zenvo mit bis zu 1876 PS zum Einsatz kommt. Alpine-Vorstand Philippe Krief zeigte, dass der vor über 120 Jahren erstmals eingesetzte Radnabenmotor ein baldiges Comeback feiern könnte.
Wasserstoff - nach wie vor ein wichtiges Thema
Besonders spannend fielen die Vorträge zur Entwicklung in Sachen Wasserstoff aus - der Energieträger wird in vielfältiger Weise auch in Antriebsszenarien seinen Platz finden, sei es per Direktverbrennung, von der derzeit immer zu hören ist, oder in Form der Brennstoffzelle.
Emotional fielen die bewegten Worte des Schaeffler-Powertrain & Chassis-CEO sowie CLEPA-Vorsitzenden Matthias Zink in der Plenar-Schlusssektion aus: Der Chef der europäischen Zulieferer-Vereinigung schilderte die Schwierigkeiten, in einer vielfach dogmatisch geführten Debatte mit Sachargumenten und gesamthafter Betrachtungsweise in den gesetzgebenden politischen Zirkeln der EU und ihrer Mitgliedsländer durchzudringen.
Volkswagen mit neuer Batterieproduktion
Ein ganz besonderer Beitrag kam schlussendlich von Frank Blome, Vorstandsvorsitzender PowerCo SE - das ist die Batterietochter des Volkswagen-Konzerns -, der den Stand der europäischen Batteriefertigung, der sogenannten Einheitszelle, vorstellte. Die Produktion begann demnach bereits im Dezember 2025 im deutschen Salzgitter und wird erstmals im neuen ID.Polo eingesetzt. Ebenso sind aktuell Fabriken in Valencia und Kanada in Entstehung. Blome umriss in seinem Vortrag die Herausforderungen und Chancen dieses Mega-Projektes für VW und Europa.
Die Zeit für Europa als "Wiege der Technologie" wird knapp
Während in China Planung im Vordergrund stehe und in den USA Förderung, so sei es in Europa Regulierung. Den Herausforderungen der Zukunft sei damit nicht zu begegnen, wie mehrere gewichtige Redner feststellten; viel stehe auf dem Spiel - und die Zeit, in der Europa als Industriestandort und Wiege technologischer Höchstleistungen noch Bedeutung habe, werde knapp.
So bleibt zu hoffen, dass im nächsten Jahr, von 21. bis 23. April 2027, auf dem 48. Internationalen Wiener Motorensymposium, von möglichst großen Fortschritten berichtet werden kann.








